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Führungsstreit in der Linkspartei: Bartschs Tage sind gezählt

Öffentliche Demontage an der Spitze der Linken: Nach der Philippika von Fraktionschef Gregor Gysi sind die Tage von Dietmar Bartsch als Bundesgeschäftsführer der Partei offenbar gezählt. Von Jörg Schindler


Foto: dpa

Nach der Philippika von Linksfraktionschef Gregor Gysi sind die Tage von Dietmar Bartsch als Bundesgeschäftsführer der Partei offenbar gezählt. "Mit dem gestrigen Tag ist natürlich eine neue Situation entstanden", sagte Bartsch am Dienstag der FR. Er werde nach Gysis öffentlichem Vorwurf, illoyal gewesen zu sein, "keine Ad-hoc-Entscheidung treffen", sich aber mit seinen politischen Freunden beraten. "Danach werde ich entscheiden, was zu tun ist." Am Montag hatte Bartsch in einer ersten Reaktion einen Rücktritt ausgeschlossen.

Während Bartschs interne Rivalen Gysis Auftritt als "hervorragend" bewerteten, zeigten sich Genossen vom Realo-Flügel bestürzt: Die Art und Weise, wie Bartsch demontiert worden sei, habe ihn "sehr traurig gemacht", sagte Bodo Ramelow. "So etwas will ich nie wieder erleben."


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Der sichtlich verärgerte Gysi hatte seinem langjährigen Weggefährten Bartsch am Montag vorgeworfen, Parteiinterna an die Öffentlichkeit gespielt zu haben. Dadurch seien alte Konflikte in der Linken mit ungekannter Heftigkeit neu ausgebrochen. Dieses Problem, so Gysi, gelte es unverzüglich aus der Welt zu schaffen - mit einer Lösung, die "wehtun" werde. Parteiintern wird dies als Aufforderung an Bartsch verstanden, spätestens auf dem Rostocker Parteitag im Mai auf sein Amt zu verzichten.

Ulrich Maurer, der West-Beauftragte der Linken und einer von Bartschs schärfsten Rivalen, zeigte sich am Montag zufrieden. "Das war eine hervorragende Rede", sagte Maurer der FR. "Gysi hat die Inhalte der Linken und die Notwendigkeit ihrer Strategie auf den Punkt gebracht." Ob er selbst auf das Amt des Bundesgeschäftsführers spekuliere, was zuletzt mehrfach gestreut worden war, darüber wolle er nichts sagen, so Maurer: "Kein Kommentar."

Thüringens Linksfraktionschef Ramelow äußerte sich dagegen erschüttert darüber, von Gysi als Zuschauer bei der Demontage eines verdienten Genossen missbraucht worden zu sein. "Wenn man wie Gysi von einem demütigungsfreien Prozess spricht, dann sollte dieser auch ohne Demütigung stattfinden", so Ramelow. Halina Wawzyniak, Bundes-Vize der Linken und Reala, sagte der FR: "Das war nicht Gregor Gysis klügste politische Leistung", auch der Fraktionschef habe "nicht immer Recht". Der Vorwurf an Bartsch, illoyal zu sein, sei Teil einer Kampagne, so Wawzyniak. Per Mail forderte sie den gesamten geschäftsführenden Vorstand der Linken auf, sich schnellstmöglich zur Aussprache zu treffen.

Weder Ramelow noch Wawzyniak wollten darüber spekulieren, was Gysi veranlasst habe, Bartsch derart demonstrativ fallen zu lassen. Andere Stimmen aus der Linkenspitze argwöhnen, der erkrankte Parteichef Oskar Lafontaine habe Gysi dazu gedrängt - als Vorbedingung, um wieder an die Parteispitze zurückzukehren. Gysi nannte derartige Spekulationen absurd: "Oskar Lafontaine ist vieles, aber nicht kleinkariert."

Derweil herrscht in der Linken Ratlosigkeit, wie mit der prekären Situation - eine nahezu vakante Parteispitze und ein heftig geführter Flügelkampf - umzugehen sei. "Dass die Führung der Partei wiederhergestellt werden muss, ist offensichtlich. Dass wir dafür noch keine Lösung haben, auch", sagte der Brandenburger Linkenchef Thomas Nord der FR. "De facto hat Gregor Gysi die Führung übernommen, den Gefallen hat er sich selbst getan." Auch nach Ramelows Einschätzung hat Gysi am Montag "ein hohes Maß an Verantwortung übernommen". Er wolle der auseinanderdriftenden Partei ein "Zentrum" geben, hatte Gysi am Montag gesagt. Die Suche danach hat begonnen.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  12 | 1 | 2010
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