Im Golfclub in Bangkok war es 22.15 Uhr, als William Bee Wah Lim um 2,2 Millionen Euro reicher war. Gerade hatte 9000 Kilometer weiter westlich der Münchner Schiedsrichter Felix Brych im kalten Deutschland ein Fußball-Bundesligaspiel abgepfiffen, Hannover 96 hatte den 1. FC Kaiserslautern an jenem 26. November 2005 mit 5:1 nach Hause geschickt. Lee quittierte das Ergebnis mit einem wissenden Lächeln, schon zwei Tore Unterschied hätten dem Mann, der zwei Jahre später vor dem Landgericht Frankfurt wegen Fußball-Manipulation zu zweieinhalb Jahren verurteilt wurde, gereicht, um die Wette zu gewinnen. 2,8 Millionen Euro hatte Mister Lim, damals wohnhaft in Bad Dürkheim, auf diese Partie gesetzt. In Bangkok knallten die Sektkorken.
Über diesen Fall berichtet in seinem am Dienstag erscheinenden Buch "Sichere Siege. Fußball und organisiertes Verbrechen oder wie Spiele manipuliert werden" der kanadische Journalist und Wissenschaftler Declan Hill. Der 43-Jährige, der das gesammelte Material auch für seine Dissertation in Soziologie an der Universität Oxford nutzte, war just an jenem Abend Zeuge im Golfclub in Thailand. Dabei auch: Lee Chin, "ein berüchtigter Matchfixer, ein Mann, der Fußballspiele verschiebt", wie das Nachrichtenmagazin Spiegel schrieb. Hill sagte dem Spiegel über diesen Lee Chin: "Er behauptete, er sei ein führendes Mitglied eines Syndikats, das Fußballspiele manipuliert. Er berichtete von manipulierten Spielen bei Olympischen Spielen, U-20-Weltmeisterschaften, Südostasienspielen, und er sagte das Ergebnis des Bundesligaspiels in Hannover voraus." Und Mr. Lim aus Bad Dürkheim, der mit dem asiatischen Wettsyndikat unter einer Decke steckte, setzte - und kassierte ab.
William Bee Wah Lim ist ein professioneller Spieler, ein Zocker, der über sehr viel Geld verfügt. Viel mehr weiß man nicht. Es ist nicht einmal sicher, welche Nationalität der Mann hat. Im Zuge des Prozesses vor dem Frankfurter Landgericht im März 2007 gab er sich als William Bee Wah Lim aus Malaysia aus. Er sei Witwer, lebe in Bad Dürkheim, sei 1989 nach Deutschland gekommen. Als Beruf gab er Tischler an, er habe auch als Koch gearbeitet. Laut Spiegel hat er 1992 bei der Spielbank Baden-Baden ein Depot mit 1,2 Millionen Mark angelegt. Im Zuge des Prozesses in Frankfurt fanden die Ermittler einen chinesischen Pass, zudem Kopien von zwei weiteren Pässen. Bisweilen nannte er sich Gan Soon Hong, Teo Seng Moa oder Limin Zhu. Als Geburtsjahr gab er mal 1957, mal 1961 an. In Frankfurt ging es um Manipulationen in der Regionalliga und in Österreich. Lee wurde zu zwei Jahren und fünf Monaten verurteilt. Gegen eine Kaution von 40 000 Euro kam er auf freien Fuß und tauchte sofort unter.
Der Wettmarkt ist ein gigantischer. Legale Buchmacher erwarten in 2008 weltweit einen Online-Umsatz von mehr als 13 Milliarden Euro. Und das ist nur der legale Markt - im Wettmarkt ist Geldwäsche durchaus nicht ungewöhnlich.
Droht dem deutschen Fußball, drei Jahre nach dem aufgearbeiteten Fall um den bestochenen Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer, ein neuer Skandal um abgesprochene Spiele? Können Spiele trotz eines deshalb installierten Frühwarn-Systems "Betradar" weiterhin verschoben werden? Fast scheint es so. Denn der Spiegel nennt noch die Partie aus der Zweiten Liga vom 7. August 2005 (Karlsruhe SC - Sportfreunde Siegen, 2:0), und selbst bei der Achtelfinal-Begegnung bei der WM 2006 in Deutschland, Ghana gegen Brasilien (3:0), soll es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. 30 000 Dollar Garantiesumme sollen ghanaische Spieler dafür bekommen haben, mit mehr als zwei Toren zu verlieren, sagte Hill dem Spiegel.
Ist das glaubhaft? Sich bei einer Fußball-Weltmeisterschaft für solch eine geringfügige Summe schmieren zu lassen? Immerhin standen im "Black Stars" genannten Team der Westafrikaner Stars wie Stepphan Appiah (damals Fenerbahce Istanbul), Michael Essien (FC Chelsea) oder Otto Addo (damals Mainz 05) - Spieler also, die zusätzliches Geld eigentlich nicht nötig haben. Hills Recherchen zufolge war der frühere ghanaische Nationaltorwart Abukari Damba der Verbindungsmann zwischen Wettpaten aus Bangkok und den Spielern. Die Partie selbst verlief weitgehend unspektakulär, Brasilien war besser. Die FR schrieb seinerzeit am 29. Juni 2006. "Die Black Stars überraschten die Fußballwelt und auch sich selbst ein kleines bisschen, weil sie nicht nur mit Mut und Hingabe auftraten, sondern überdies einen kombinationssicheren und technisch hochwertigen Fußball zelebrierten." Teammanager Anthony Baffoe, einst Profi bei Fortuna Düsseldorf, sprach gar davon, Ghana habe "exzellente Werbung für den Fußball in Afrika gemacht". Gestern sagte Baffoe: Die Vorwürfe seien "absolut haltlos. Ich hätte es gemerkt, wenn was gelaufen wäre." Spiegel-Autor Christoph Biermann indes sagt: "Die Indizienkette ist beeindruckend."
Die Dachverbände Deutsche Fußball Liga (DFL) und Deutscher Fußball-Bund (DFB) kündigten am Sonntag eine "umfassende Aufklärung der Angelegenheit" an. DFL und DFB beauftragten das Unternehmen Sportradar mit einer Analyse der Partien. Das teilten Ligaverbands-Präsident Reinhard Rauball und DFB-Chef Theo Zwanziger in einer gemeinsamen Presseerklärung mit. Mögliche Täter würden bei nachweisbaren Verfehlungen konsequent bestraft. Der DFB-Chef stellte klar, dass die Saison 2005/2006 nicht neu aufgerollt werde.
Alle verdächtigen Spieler beteuern ihre Unschuld, heißt es im Spiegel. Der Vorstandsvorsitzende von Hannover 96, Martin Kind, betonte: "Es handelt sich um eine Anfangsvermutung, die aber ernst genommen werden muss." Rolf Dohmen, der Manager des Karlsruher SC, nahm die Sache freilich weniger ernst. "Wer auf Karlsruhe setzt, hat, denke ich, einfach Ahnung." Seite S 2 kil/dpa/sid
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