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Gastbeitrag: Die Wahrheit hinter dem Schleier

Marwa El-Sherbini enstprach dem bürgerlichen Ideal hierzulande. Nur an ihrem Kopftuch stören sich die Deutschen. Umso wichtiger wäre nach ihrer Ermordung eine Entschuldigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sagt Tarik A. Bary.

Tarik A. Bary lehrt an der Ain Shams Universität in Kairo deutsche Sprache und Literatur.
Tarik A. Bary lehrt an der Ain Shams Universität in Kairo deutsche Sprache und Literatur.
Foto: privat

Drei Fragen bewegen mich: Warum hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel noch nicht für die Ermordung der Ägypterin Marwa El-Sherbini entschuldigt? Warum gingen nicht Zehntausende in Deutschland auf die Straße, um dieses Verbrechen zu verurteilen und ihre Empörung und Ablehnung zu zeigen? Und warum haben die deutschen Medien diese Tragödie so kalt behandelt, als habe sie auf einer Insel im Indischen Ozean stattgefunden und nicht in Deutschland?

Marwa El-Sherbini war eine gut ausgebildete, schöne junge Frau. Ihre kleine Familie entsprach ganz dem bürgerlichen Ideal. Aber sie trug ein Kopftuch - und deutsche Bürger hegen Vorurteile gegenüber dem Kopftuch. Während es bei uns ein Zeichen von Religiosität ist, gilt es ihnen als Symbol von Rückständigkeit und von Distanz zur modernen Welt von heute. Deshalb konnten sie sich nicht mit Marwa identifizieren, deshalb ging das Schicksal der jungen Mutter ihnen nicht sehr nahe. Marwa war anders. Sie haben sie nicht wahrgenommen als eine von ihnen - nur weil sie verschleiert war.

Der Autor

Tarik A. Bary ist in Kairo geboren und aufgewachsen. Der 47-Jährige hat unter anderem in Münster in Westfalen Germanistik studiert. Heute lehrt er an der Ain Shams Universität in Kairo deutsche Sprache und Literatur.

Zusammen mit seiner Frau leitet er in der ägyptischen Hauptstadt ein ägyptisch-deutsches Kulturzentrum. Dieser Beitrag erscheint zeitgleich auch in der ägyptischen Tageszeitung Al Ahram, der ältesten und größten Zeitung des Landes.

Die deutschen Medien, wie alle Medien der Welt, werden von politischen und wirtschaftlichen Interessen geleitet. Sie haben ihre Prioritäten. Und Muslime liegen in ihrem Blickfeld nur sehr am Rande. Aber man kann nicht mitfühlen mit Menschen anderer Kulturen und Religionen, wenn man sie nicht kennt. Dadurch entsteht menschlich eine Distanz - und auch Kühle.

Wir Ägypter sind nicht sehr viel anders. Auch bei uns hat sich kein Protest geregt gegen den Tod von Deutschen bei Terroranschlägen. Wir kennen Europa und Deutschland kaum - bis auf einige Klischees, die nicht frei von Übertreibung sind. Dabei ist es immer eine Schande, wenn ein unschuldiger Mensch ermordet wird - egal ob auf dem Fußboden eines deutschen Gerichtssaales oder auf dem Asphalt einer arabischen Straße. Und es ist traurig, wenn Menschen erst nach Staatsangehörigkeit und Religion fragen, um dann zu entscheiden, ob sie das Opfer betrauern sollen.

Wir haben von Deutschland zwei Bilder: Das erste ist das einer gerechten und seriösen Nation, eines Landes mit Aufrichtigkeit und Disziplin. Deshalb war unsere Wut auch mit Enttäuschung gekoppelt. Wir fühlen uns von unserem positiven Deutschlandbild enttäuscht und wechseln dann rigoros zu dem zweiten Bild, dem von Nazideutschland. So erschien in einer ägyptischen Zeitung eine Fotomontage von Angela Merkel in Nazi-Uniform mit dem Hakenkreuz auf dem Arm. Viele Meinungen, die im Internet oder auf der Straße geäußert werden, sind noch viel drastischer.

Sehr schade, denn Deutschland stand besonders in den letzten Jahren bei den Ägyptern sehr hoch im Kurs. Es hat große Anstrengungen unternommen und enorme Investitionen getätigt im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich. Die Annäherung beider Völker und der Ausbau des Dialogs lassen sich zum Beispiel ablesen an dem erstaunlich gestiegenen Interesse an der deutschen Sprache in unseren Schulen, Universitäten und Sprachzentren.

Wir brauchen die Zusammenarbeit mit Deutschland - auch in Deutschland, um den dort lebenden Muslimen besser helfen zu können, von der Gesellschaft integriert zu werden. Auch müssen wir Ägypter unsere Kulturarbeit in Deutschland viel stärker aktivieren als bisher. Denn die deutschen Bürger müssen mehr erfahren über uns und unser Land, aber auch über das gute Image von Deutschland in der arabischen Region.

Zum Schluss, Frau Merkel, gestatten Sie mir ein persönliches Wort: Handeln Sie bitte der Größe und Bedeutung Deutschlands angemessen. Die Ermordung einer schuldlosen jungen Frau, die ihr Kind auf der Schulter trug, durch achtzehn Messerstiche innerhalb von zwanzig Sekunden in einem deutschen Gerichtssaal, ihr Zusammenbruch, das von ihrem Blut überströmte weinende Kind in den Armen der sterbenden Mutter, die schweren Verletzungen ihres Ehemannes durch den Schuss eines deutschen Polizisten - das alles ist eine Tragödie, die eine Entschuldigung von Ihnen erfordert. Glauben Sie mir, darin liegt die Wahrheit.

Autor:  TARIK A. BARY
Datum:  20 | 7 | 2009
Kommentare:  2
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