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Gastbeitrag: Fritzl - ein Kerl wie wir

Josef Fritzl ist die Zuspitzung der gesellschaftlichen Normalität Österreichs. Von Sibylle Hamann

Sibylle Hamann  ist Autorin in Wien.
Sibylle Hamann ist Autorin in Wien.
Foto: Privat

Josef Fritzl, das irre Monster. Josef Fritzl, das abartige Wesen, das mit uns nichts, aber auch gar nichts gemein hat. Österreich verwendet in diesen Tagen viel Mühe darauf, sich den Gewalttäter von Amstetten vom Leib zu halten. Der Mann mit den wirren Haaren, der sich mit hängenden Schultern durch den Gefängnishof schleppt, wird in den Medien als das ferne, unfassbare Böse stilisiert. Als radikale Antithese zu allem, was den Österreichern lieb und heilig ist. Das Publikum nimmt diese Interpretation dankbar an.

Doch die Wahrheit ist viel schlimmer, und manchmal schimmert sie durch: Josef Fritzl ist nicht das Gegenbild zur gesellschaftlichen Normalität in diesem Land, sondern dessen extreme Zuspitzung. Das Milieu, das ihn und seine Gewalttaten hervorgebracht hat, ist den meisten Österreichern und Österreicherinnen nur allzu vertraut: Es ist die autoritäre, katholische, patriarchale Kernfamilie, wie sie auf dem Land und in der Kleinstadt noch heute als Norm gilt.

Wir haben aus dem einstigen Alltag der - angesehenen und allseits beliebten - Amstettner Familie Fritzl in den vergangenen Monaten einige Details erfahren. Der Vater sagte, was zu geschehen hat, die Kinder schwiegen. Reden durfte nur, wer gefragt wurde, und wer nicht gehorchte, fing sich eine Ohrfeige ein. Die Ehefrau hatte er "im Griff", wie man so schön sagt. Sie erfüllte brav ihre Haushaltspflichten, sie war dabei still und sehr sparsam, denn finanziell hielt er sie an der kurzen Leine. Vor Nachbarn und Verwandten wies er sie mit demütigenden Bemerkungen zurecht. Wenn so ein Vater sagt, keiner darf in den Keller, dann kann er sicher sein, dass sich keiner in den Keller traut.

Diese Art Familie kennt jeder in Österreich. In ihr ist Gewalt quasi strukturell eingebaut - noch ehe das ganz große, grausige Verbrechen geschieht. Dennoch genießt diese Art Familie einen gesellschaftlichen Vertrauensvorschuss, den sie eigentlich gar nicht verdient.

Die jahrzehntelang misshandelte und gequälte älteste Tochter muss das sogar als Komplizenschaft zwischen ihrem Peiniger und den Behörden erlebt haben. Mit elf wurde sie von ihrem Vater bereits sexuell misshandelt. Als sie mit siebzehn von zu Hause weglief, weil sie es nicht mehr aushielt, wurde sie von der Polizei in Wien aufgegriffen und in die Obhut des Vaters zurückgebracht. Kurz drauf sperrte er sie im Keller ein.

Sogar als die ganze Dimension seiner Verbrechen klar wurde, verflog der Respekt vor dem Patriarchen nicht gleich. Die örtlichen Behörden und die meisten Medien beschrieben den Gewalttäter als "Respektsperson", als "stattlichen Mann mit großer sexueller Potenz". Sie sprachen anerkennend von seinem technischen Geschick, seinem strategischen Weitblick bei der Planung seines Doppellebens, sogar "Genie" wurde er genannt.

Es war eine verirrte Bewunderung, die hier aufblitzte, so verräterisch wie ehrlich: In Josef F. steckte Vertrautes. Mehr als man zugeben konnte, und wahrscheinlich mehr, als man ertragen kann.

Das Land hat Josef F. beinahe ein Jahr lang einsperren und isolieren müssen, um diese Erkenntnis zu bannen.

Sibylle Hamann ist Autorin in Wien.

Autor:  SIBYLLE HAMANN
Datum:  16 | 3 | 2009
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