Wie schön war doch die Republik - unter der Monarchie. Dieser Ausspruch wird enttäuschten Republikanern während der Französischen Revolution zugeschrieben, die mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte begann, dann in die Schreckensherrschaft der Jakobiner ausuferte, nach der Hinrichtung Robespieres von den gemäßigten Thermidorianern weitergeführt wurde und schließlich in Napoleons kaiserliches Regime mündete.
Einen ähnlichen, wenn auch weniger extremen, Verlauf nahm die Geschichte nach den erstaunlichen Ereignissen des Jahres 1989. Michail Gorbatschow, Vaclav Havel und Lech Welesa wurden für Millionen Menschen zu Hoffnungsträgern; die dramatischen Bilder des Berliner Mauerfalls gingen um die Welt - die Menschen erwarteten nun aus den Ruinen des sowjetischen Terrorregimes einen Aufbruch in Richtung Demokratie und Liberalismus und vielleicht eine osteuropäische Version von Sozialdemokratie. Einige prophezeiten sogar das "Ende der Geschichte".
Aber es kam anders. Und was heute vor allem auffällt, sind die Unterschiede in der Entwicklung der einzelnen Länder, in denen vorher doch scheinbar mehr oder weniger die gleiche Art von Regime geherrscht hatte. Ein Regime, das Privateigentum ablehnte, eine zentral verwaltete Wirtschaftsordnung praktizierte, von einer einzigen Partei geführt wurde und ein Monopol auf Bildung und die Medien beanspruchte.
Während sich in Russland ein neo-autoritaristisches Regime mit einer dominanten Führungsfigur herausgebildet hat, kämpft die benachbarte Ukraine darum, sich als Nation zu definieren und steht kurz vor dem Zusammenbruch. Im Vergleich dazu haben Polen, Tschechien, Ungarn und überraschenderweise sogar die Slowakei es geschafft, eine stabile demokratische Struktur aufzubauen - mit freien Wahlen, Mehrparteiensystem, einer freien Presse und Marktwirtschaft.
Es stellt sich heraus, dass es einen wichtigen Faktor gibt, der den Werdegang von ehemaligen kommunistischen Ländern bestimmt und der entscheidender ist als andere Aspekte, wie etwa der Grad der wirtschaftlichen Entwicklung oder ähnliche Indexe. Ausschlaggebend ist letztendlich, ob es eine Gesellschaftsstruktur gibt, in der die Erinnerung (ob real oder eingebildet, spielt keine Rolle) an präkommunistische Institutionen besteht, die als Grundlage für eine liberale und demokratische Politik dienen können. Deswegen war es in Ländern wie Tschechien, Polen und Ungarn (ungeachtet ihrer unterschiedlichen historischen Entwicklung) möglich, auf der Basis von repräsentativen Einrichtungen aus präkommunistischer Zeit und der Tradition einer starken bürgerlichen Gesellschaft mit freien Institutionen (Kirche, Universitäten und andere Organisationen) ein demokratisches System aufzubauen.
In einem Land wie Russland allerdings, mit seiner zaristischen Vergangenheit, gab es solche Grundlagen nicht. Repräsentative Einrichtungen hatte es in Russland nie gegeben, und die präkommunistische Politik war autoritär und hierarchisch strukturiert. Aus diesem Grund musste auch die Revolution von 1917 scheitern. Wenn es in Russland eine tief reichende Tradition gegeben hat, dann waren das die Zaren. Peter und Katharina (beide mit dem Beinamen "der" beziehungsweise "die Große") modernisierten gewaltsam das Land und befestigten einen autoritären Staat, in dem der Adel, die Kirche und die geistige Elite der autoritären Bürokratie unterworfen waren und es keinerlei politische oder kulturelle Freiheit gab. Kein Wunder, dass in Wladimir Putins Büro im Kreml ein Porträt von Peter dem Großen hängt.
Die politisch instabile Lage in der Ukraine ist bedingt durch das Fehlen aller historischen, intellektuellen und institutionellen Grundlagen der Staatenbildung. Das Kosakentum beispielsweise - man erinnere sich an Bogdan Chmelnizki, den Gründer des ersten Kosakenstaates - spielt für die ukrainische Identität eine zentrale Rolle, eignet sich aber kaum als Grundlage für einen modernen Staat. Das bedeutet nicht, dass die Zukunft dieser Länder nur durch ihre Geschichte vorbestimmt wäre oder dass es keine Möglichkeit gäbe, sich von einer dunklen Vergangenheit zu befreien. Kroatien und die Slowakei sind Länder, die das geschafft haben.
Allerdings braucht das nicht nur Zeit, sondern auch mutige politische Führer und eine Situation, die einen Neuanfang möglich machen. Auch gilt es, die geopolitischen Umstände zu bedenken, auf die eine Gesellschaft selbst keinen Einfluss hat. Georgien ist ein Beispiel dafür, dass trotz guten Willens äußere Zwänge den Fortschritt im Inneren aufhalten können.
Ein weiterer Aspekt ist folgender: Gemeinhin herrscht die Ansicht, dass Demokratisierung und Marktwirtschaft Hand in Hand gehen. Das ist nicht immer der Fall, wofür nicht nur China ein Beispiel ist, wo im Moment eine Mischung aus politischem Autoritarismus und Marktwirtschaft zu beobachten ist, sondern dies trifft auch zum größten Teil auf Putins Russland zu.
Es handelt sich um komplexe Zusammenhänge, aus denen keine einfachen Schlussfolgerungen gezogen werden können. Erstens: Der Gang der Geschichte ist nicht voraussehbar. Zweitens: Es gibt keine Faustregel, die sich auf alle Gesellschaften anwenden lässt, selbst wenn sie offensichtlich sehr ähnlich sind. Und drittens: Wenn man die Geschichte einer Gesellschaft außer Acht lässt oder sie nicht kennt, wird man diese Gesellschaft nicht verstehen und ganz sicher auch nicht erkennen, dass die Geschichte einerseits eine Last, aber auch eine Möglichkeit für die Zukunft darstellt.
Das trifft nicht nur auf Osteuropa zu. Diese Art von Ignoranz macht die US-amerikanischen Bemühungen im Irak und in Afghanistan zunichte und zieht sich auch durch die vergeblichen Versuche, einen palästinensischen Staat zu bilden. Aber das ist eine andere Geschichte - obwohl die Handlung ähnlich sein mag.
Shlomo Avineri ist Professor für Politikwissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem. Der Autor schreibt regelmäßig für die israelische Zeitung Haaretz, wo auch dieser Text erschien.
Übersetzung: Andrian Widmann
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