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02. Mai 2011

Gastbeitrag zu Al-Kaida: Was Osama bin Ladens Tod bedeutet

 Von Ahmed Rashid
Osama-Verehrer in Pakistan: Nachwuchs-Dschihadisten gibt es zur Genüge. (Archiv-Aufnahme)  Foto: Getty Images

Al-Kaida ist seit Jahren so etwas wie ein Franchise-Unternehmen: Jeder kann sich ihm anschließen, wenn er nur irgendwo eine Bombe legt. Fast jeder, der nach Pakistan oder Afghanistan reist, erhält Ausbildungsangebote von Al-Kaida-Verbündeten.

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Al-Kaida ist seit Jahren so etwas wie ein Franchise-Unternehmen: Jeder kann sich ihm anschließen, wenn er nur irgendwo eine Bombe legt. Fast jeder, der nach Pakistan oder Afghanistan reist, erhält Ausbildungsangebote von Al-Kaida-Verbündeten.

Während die Menge in New York noch begeistert ist und der Jubel durch die Regierungsflure westlicher Länder zieht, macht man sich in den Hauptstädten rund um den Globus bereits darauf gefasst, welche Auswirkungen die Tötung des weltweiten Feindes Nummer Eins – Osama bin Laden – haben könnte.

Hunderte einsatzbereiter Möchtegern-Dschihadisten werden heute trauern und schwören, dass sie ihr Leben geben werden, um Osama Bin Laden zu rächen, der bei einem gemeinsamen Einsatz von Spezialkräften aus den USA und aus Pakistan in der pakistanischen Stadt Abbottabad getötet wurde.

Zur Person

Ahmed Rashid, 1948 geborener pakistanischer Autor, gilt als einer der besten Kenner der Terroristen-Szene in Pakistan und Afghanistan.

Auf Deutsch erschien zuletzt von ihm das im Jahr 2000 veröffentlichte Buch „Sturz ins Chaos. Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban“. Es war fünf Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times und wurde nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 1,5 Millionen Mal verkauft.

Es gibt wenig Zweifel daran, dass der Tod von Bin Laden ein gewaltiger Schlag gegen das Terroristen-Netzwerk ist. Doch Al-Kaida hat sich mit den Jahren von einer außerordentlich zentralisierten Hierarchie, in der es zu Rekrutierung, Ausbildung und Befehlsausführung nur nach Anordnung der Chefetage kam, zu einer viel loseren und amorphen Organisation entwickelt.

Heute lautet die Philosophie von Al-Kaida: ein Mann, eine Bombe. In anderen Worten: Es braucht keinen zweiten 11. September, um ein Zeichen zu setzen. Eine Bombe auf dem Times Square in New York, gezündet von einem engagierten Selbstmordattentäter, oder eine Bombe in der New Yorker U-Bahn – Anschlagsversuche dieser Art gab es im vergangenen Jahr – sind ausreichende Indikatoren dafür, dass Al-Kaida gesund und munter ist.

Al-Kaida ist seit Jahren so etwas wie ein Franchise-Unternehmen. Jeder kann sich ihm anschließen, wenn er nur irgendwo eine Bombe legt. Fast jeder, der nach Pakistan oder Afghanistan reisen kann, wird Ausbildungsangebote von wichtigen Al-Kaida-Verbündeten wie den pakistanischen Taliban oder jener afghanischer Gruppe erhalten, die von Jalaluddin Haqqani angeführt wird.

Al-Kaida hat viele Filialen

In Pakistans Städten ist dafür maßgeblich Lashkar-e-Taiba verantwortlich – eine Gruppe, die vormals in Kaschmir gekämpft hat, aber mittlerweile viele unterschiedliche Ziele angreift und Al-Kaida unterstützt. Nach dem 11. September half die Gruppe, vielen hochrangigen Al-Kaida-Mitgliedern Unterschlupf in pakistanischen Städten zu geben. Und es kann durchaus sein, dass sie auch Bin Laden geholfen hat, sich zu verstecken.


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Pakistan hat sich geweigert, gegen Al-Kaida-Verbündete wie Haqqani vorzugehen, weil diese in Afghanistan angreifen, nicht aber in Pakistan. Zugleich stehen Gruppen wie Lashkar-e-Taiba den Geheimdiensten nahe, weil ihre Hauptziele Kaschmir und Indien sind.

Eine Bedrohung gibt es also. Vor dem 11. September gab es keine bekannten Al-Kaida-Zellen in Europa – abgesehen von der Hamburger Zelle, die die Angriffe mit den Flugzeugen startete. Heute aber hat jedes einzelne europäische Land eine Al-Kaida-Zelle. Hunderte von Muslimen mit Reisepässen europäischer Staaten waren in Ausbildungscamps in den pakistanischen Stammesgebieten und sind nach Europa zurückgekehrt.

Nach der Verhaftung von drei Marokkanern in Deutschland, die verdächtigt werden, Bombenanschläge geplant zu haben, räumten die deutschen Behörden ein, dass mehr als 200 deutsche Staatsangehörige in Ausbildungslagern in den Stammesgebieten waren und viele davon inzwischen wieder in Deutschland sind. Ähnlich sieht es aus in Großbritannien, Skandinavien, Frankreich, Spanien und Italien.

Jetzt ist die Furcht besonders groß, dass es zu Selbstmordanschlägen oder Sprengstoffattacken in U-Bahnen und Bahnhöfen in den USA oder in Europa kommen könnte. Oder zu Flugzeugentführungen und Angriffen auf westliche militärische Ziele und US-Botschaften im Nahen Osten, die ohnehin seit langem bedroht sind. Oder es macht sich der einfache Amateur-Dschihadist auf und legt eine Bombe in einem Supermarkt.

Es wird wahrscheinlich zu Anschlägen kommen. Engagierte Langzeit-Dschihadisten, die als Schläfer in die Mitte der westlichen Gesellschaften platziert wurden, könnten nun aktiv werden und Anschlagspläne umsetzen, an denen sie seit Jahren gearbeitet haben. Solche Täter sind schon in den USA aufgegriffen worden. Es waren Einzelpersonen, die in den Stammesgebieten ausgebildet worden waren und dann in US-Städte zurückkehrten, um einen Anschlag zu verüben, der meist von den Sicherheitsbehörden in letzter Minute vereitelt wurde.

Einige Staaten sind besonders gefährdet. Da ist vor allem Afghanistan. Dort ist der Franchise-Gedanke von Al-Kaida unter Dschihadisten wie der Haqqani-Gruppe besonders verbreitet. Allerdings unterhielt Al-Kaida seine Basis in letzter Zeit in Pakistan – trotz einer ganzen Serie von Dementis der pakistanischen Behörden, die sich jetzt als falsch erwiesen haben. Und es ist diese Verbindung, die Pakistan extrem verwundbar macht.

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Das Netzwerk Al-Kaida und seine verbündeten pakistanischen Gruppen sind fest entschlossen, im Gedenken an Osama bin Laden eine Serie von Bombenanschlägen zu verüben. Das wird die Spannungen in einem Land noch zusätzlich erhöhen, das ohnehin schon von Energie-Engpässen und einer Wirtschaftskrise geplagt wird.

Schließlich mögen Al-Kaida und seine Verbündeten finden, dass jetzt der richtige Moment gekommen sei, um große Verwerfungen zwischen Indien und Pakistan zu schaffen. Das könnte durch einen Angriff auf indisches Territorium nach dem Vorbild des Anschlags von Mumbai geschehen. Und das hätte zum Ziel, den Verfolgungsdruck auf Al-Kaida-Mitglieder in Pakistan zu verringern.

Der Nahe Osten mit der arabischen Revolution bleibt ein großes Vakuum für Al-Kaida. Trotz des Rückschlags, den der Tod Bin Ladens bedeutet, ist die Region für Al-Kaida weiterhin äußerst bedeutsam, um Einfluss zu bekommen auf die neue Führungsgeneration, die in Tunesien, Ägypten, Syrien und den Golfstaaten entsteht. Allerdings wird das sehr schwer werden.

Al-Kaida stehen schwierige Zeiten bevor. Sicherlich wird Bin Ladens Tod den Geheimdiensten rund um den Globus viele Hinweise bringen, um andere Top-Terroristen ergreifen zu können. Allerdings: Al-Kaida wird nicht über Nacht verschwinden.

Übersetzung aus dem Englischen: Damir Fras

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