Israelische Kampfpiloten hatten für diesen Tag seit Monaten trainiert. Ebenso lange muss der militärische Geheimdienst Informationen gesammelt haben, um diverse Polizeistationen, Waffen- und Trainingslager der Hamas in Gaza zu lokalisieren. In einer Erklärung wies die Armee stolz auf diese Vorleistung hin. Da hatten bereits mehr als sechzig israelische Jets am Samstag die erste und bislang zerstörerischste Angriffswelle gegen Ziele im Gazastreifen geflogen. Binnen Minuten stiegen riesige schwarze Rauchpilze auf.
Israelische Spaziergänger im Negev sahen die Flieger-Armada kommen. In Sderot, jener Kleinstadt, die in sechs Jahren am meisten unter Einschlägen palästinensischer Kassam-Raketen zu leiden hatte, starteten einige einen Autokorso, mit Hupen und Beifallrufen wie "gut gemacht, Zahal".
Zahal heißt Armee und gemeint war mit dem Zuspruch nicht nur die Trefferquote, sondern auch die Angriffstrategie, die sich Verteidigungsminister Ehud Barak mit Generalstabschef Gabi Aschkenasi ausgedacht hatte. Eine Täuschungslist, dank der sich die Hamas in Sicherheit wähnte, während in Israel der Countdown lief, zur großen Schabbath-Offensive, Codename "Gegossenes Blei". Dass Barak am Freitag Hilfsgüter nach Gaza rollen ließ, hatte davon nur ablenken sollen.
Was in Israel Jubel auslöste, brachte über Gaza Zerstörung und Entsetzen. Vor allem im Polizeihauptquartier in Gaza-Stadt gab es schier unbeschreibliche Szenen. Dort hatte Polizisten das Ende eines Lehrgangs gefeiert. Fernsehbilder zeigten den Hof übersät mit Leichen in schwarzer Uniform. Draußen auf den Straßen rannten panische Schulkinder zwischen verstümmelten Körpern nach Hause.
Seit dem Sechs-Tage-Krieg gab es keinen derartig blutigen Tag wie diesen, an dem mindestens 200 Menschen bei einer israelischen Militäroperation starben. Die Zahl der Opfer stieg am Sonntag, als Israels Luftwaffe erneut Hamas-Zentren bombardierte - darunter eine Moschee sowie den Fernsehsender Al-Aksa. Sie trafen auch ein Gefängnis mit Fatah-Mitgliedern, den politischen Gegnern der Hamas. Die Mehrheit der 280 Toten stand im Dienste der Islamisten. Doch ein Drittel der Opfer waren Zivilisten.
Augenzeugen aus Gaza schilderten, wie Opfer in private Autos gehievt wurden, da die palästinensischen Ambulanzen einem solchen Blutbad nicht gewachsen waren. "Wir leben unter Belagerung, haben daheim kein Wasser mehr und keinen Strom und obendrauf serviert uns Israel ein Massaker", sagte der 41-jährige Bauarbeiter Kamal Mohammed. "Die Mehrheit hier ist nicht für die Hamas, aber wir bezahlen den Preis." Dass Israels Premier Ehud Olmert sie meinte als er sagte "ihr seid nicht unsere Feinde", man habe nur "der Hamas den Krieg erklärt", stieß in Gaza eher bitter auf.
Die Hamas indes legte alles darauf an, ihre ungebrochene Schlagkraft zu beweisen. Direkt nach Beginn der israelischen Offensive hatten Militante über sechzig Geschosse aus Gaza abgefeuert. Eine Rakete schlug direkt in eine Wohnzeile in Netivot ein: ein Ort, der bislang nicht in der Feuerlinie lag. Beber Vaknin, ein 58-jähriger jüdischer Einwanderer aus Äthiopien, war auf der Stelle tot.
Am Sonntag erreichten erstmals zwei der gefürchteten Katjuschas, die die Hamas offenbar über das Tunnelnetz in Rafah nach Gaza geschmuggelt hat, die israelische Hafenstadt Aschdod. Das ist eine Flugweite von über dreißig Kilometern - für die Hamas in Gaza ein neuer Rekord.
Nahezu eine halbe Million Israeli sind jetzt angewiesen, wenn die Sirene ertönt, in 30 bis 45 Sekunden die Schutzräume aufzusuchen. Für die nächste Phase der Operation wurden zudem 6500 Reservisten mobilisiert. Wie ernst es Israel ist, zeigten auch die Panzer, die am Sonntag an der Grenze zu Gaza in Stellung gingen. Man habe keine Wahl, hat Barak gesagt. "Die Zeit zum Kämpfen ist gekommen."
Nur über Gilad Schalit, den israelischen Gefreiten in Geiselhaft der Hamas, wird wenig geredet. Bei all dem "Blei", das über Gaza "gegossen" wird, stehen seine Chancen schlecht, lebend die Freiheit zu erlangen.
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