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26. September 2014

Gaza-Konflikt: Ohne Hoffnung in Gaza

 Von 
Deprimierende Aussichten: Der Wiederaufbau des Gazastreifens nach dem verheerenden Krieg kommt nicht in Gang.  Foto: afp

Viele junge Palästinenser wollen nur noch weg aus dem Elendsstreifen. Auch der junge Ibrahim will nicht länger in Gaza bleiben und versucht sein Glück auf einem der vielen Flüchtlingsboote.

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Als Ibrahim, sein jüngster Sohn, nur noch weg wollte, hat Samir Abu Taima ihn ermutigt. „Ich hatte ihm hier nichts zu bieten“, sagt der 62-jährige Palästinenser bitter und weist mit einem Kopfnicken auf die Zerstörung ringsum. Vor zehn Jahren noch florierte sein Bauunternehmen in Gaza. Dann kam die Hamas an die Macht und es ging bergab.

Auch das neue Haus, das er für sich und seine drei Söhne in Is-Sana, einem östlichen Viertel von Chan Junis, gebaut hat, ist zur Hälfte eine Ruine. Eine israelische Fassbombe hat einen sechs Meter tiefen und zwanzig Meter weiten Krater im Garten aufgerissen und die Außenwände der Anlieger demoliert. Ibrahims Eckzimmer mit den drei Bogenfenstern bekam die volle Wucht der Explosion ab. Von seinem ersten eigenen Reich ist nicht mehr geblieben als ein einsturzgefährdeter Schutthaufen. Ein paar angesengte Englischhefte hatte Ibrahim noch daraus hervorziehen können, das war’s.

Danach setzte der 23-Jährige alles daran, mit Vaters Hilfe 4000 US-Dollar aufzutreiben, um sich raus aus Gaza zu machen – mit Ziel Europa. Den Abschied am 31. August, fünf Tage nach dem Waffenstillstand, wird Abu Taima nie vergessen. Es war das letzte Mal, das er seinen Sohn lebend gesehen hat. Die ersten 800 Dollar gingen dafür drauf, die ägyptischen Grenzbeamten in Rafah zu schmieren, um eine Einreiseerlaubnis zu bekommen, weiß der Vater noch. Danach hat er nur ein einziges Mal von Ibrahim gehört.

Das war eine Woche später, Ibrahim saß im Bus von Port Said nach Alexandria und erzählte am Handy voller Freude, jetzt endlich den Kontakt zu den Schleppern hergestellt zu haben, die ihn auf ein Flüchtlingsschiff bringen würden. Den Rest der Geschichte kennt Abu Taima von einem der wenigen Überlebenden, der mit Ibrahim im gleichen überfüllten Boot tagelang über das Meer trieb, aber nach dessen Kentern vor der Küste Maltas aus dem Wasser gefischt wurde. Er hat ihn vor Tagen angerufen und erzählt, dass Ibrahim, der nicht schwimmen konnte, vermutlich wie Hunderte andere ertrunken sei.

Seitdem schleppen sich die drückend heißen Nachmittage noch trostloser dahin, die Abu Taima, der einst so stolze, tatkräftige Unternehmer mit dem gestutzten eisgrauen Bart,  auf der alten Pritsche verbringt – daheim in seiner ruinierten Existenz. Die Möbel sind verbrannt, ebenso das Lager mit den Baugerüsten im Keller. Sämtliche Hauswände sind mit Einschussnarben übersät. In eines der Löcher hinter ihm hat Abu Taima ein Transistorradio geklemmt. Neben ihm liegt ein Päckchen Zigaretten. So schlägt er die Zeit tot. In dem Menschengewühl in der UN-Schule, wo seine Frau samt Töchtern und Enkelkindern noch immer untergebracht sind – dem Fluchtpunkt für so viele Palästinenser während des Gaza-Krieges – hält der 62-Jährige es wie die meisten Männer nicht aus. „Bitte erwähnt das Wort Hoffnung nicht“, sagt Abu Taima, „nach drei Kriegen in fünf Jahren habe ich keine mehr.“

Die Zerstörung

Über 2150 Palästinenser kamen in dem 50 Tage währenden Gaza-Krieg um, davon laut einem UN-Bericht 506 Kinder und Minderjährige. Der Anteil militanter Hamas-Kämpfer ist umstritten.
Mehr als 16.000 Wohnungen, so schätzt UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) wurden zerstört oder schwer beschädigt. In 19 UN-Schulen in Gaza sind noch immer 57.000 Palästinenser untergebracht, die aus den Kampfzonen geflohen waren.
3,8 Milliarden US-Dollar veranschlagt die palästinensische Einheitsregierung für den Wiederaufbau in Gaza.
Mehr als 1000 vorwiegend junge Palästinenser haben den Gazastreifen über die Schmuggeltunnel in den Sinai oder den Übergang Rafah verlassen, um nach Europa zu gelangen.

An eine Zukunft in Gaza glauben auch viele Junge nicht länger. „Mir fehlt das nötige Geld“, meint Achmed Abu Jama, Ibrahims bester Freund aus dem zerstörten Haus gegenüber. „Sonst wäre ich mit ihm gegangen.“ Nein, die Gefahr schrecke ihn nicht, von skrupellosen Menschenhändlern auf hoher See im Stich gelassen zu werden. Er sei fest entschlossen, sein Glück außerhalb Gazas zu versuchen, sobald sich die Gelegenheit biete. „Jeder in meiner Generation denkt so“, bekräftigt Achmed lächelnd. Umfragen bestätigten das. Fast jeder zweite Palästinenser in Gaza denkt an Auswandern. „Migration ist nur ein Weg, leben zu können“, sagt Achmed. „Wenn Gaza offen wäre, würde ich bleiben.“

Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas hält zwar seit über vier Wochen. Die Skepsis jedoch ist gewachsen, ob die neuen Gespräche in Kairo zu einem Ende der Blockade führen. Benjamin Netanjahu will laut eigenen Worten nur über Sicherheitsbelange und humanitäre Hilfen mit sich reden lassen, um rechten Kritikern in der Koalition keine Angriffsfläche zu bieten. Schon gar nicht ist der israelische Premier zu Zugeständnissen wie der Erlaubnis für einen Seehafenbau in Gaza bereit.

Und Hamas und Fatah pflegen wieder viel zu sehr ihre alten Konkurrenzen, als dass sie politisch an einem Strang ziehen könnten. Ihre in Gaza so gut wie nicht präsente Einheitsregierung scheint immer mehr eine Farce.

Derweil lässt der Wiederaufbau auf sich warten. Auf Trümmergrundstücken haben die Besitzer jener Häuser, die dort vor dem Krieg noch standen, Schilder mit ihren Namen und Telefonnummern aufgestellt. Die beauftragte Kommission zur Schadensregistrierung aus Vertretern von UN-Organisationen und palästinensischen Regierungsexperten geht bei ihrer Arbeit auch systematisch vor. Aber sonst ist nicht viel geschehen – mal abgesehen davon, dass die Hamas jedem Eigentümer, der ein ganzes Haus verloren hat, 2000 Dollar ausgezahlt hat. Baumaterialien sind knapp, wenn überhaupt zu haben. Ein Sack Zement kostet drei- bis viermal so viel wie früher. Das ist unbezahlbar für einen wie Mohammed Abu Reida (40).

Viele Bewohner von Husa’a hausen in Hütten.  Foto: Inge Günther

Der Bauarbeiter schätzt, 14 Tonnen Beton zur Reparatur seines teildemolierten Acht-Familien-Hauses in Husa’a zu benötigen, eines der wenigen Gebäude in diesem Dorf östlich von Chan Junis, die noch stehen. Mit insgesamt 19 Kindern haben er und seine Brüder sich in den Räumen eingerichtet, die halbwegs intakt sind. „Es ist hart so zu leben“, sagt Abu Reida, „aber was bleibt uns sonst.“ Weite Teile von Husa’a gleichen einer wüsten Mondlandschaft. Viele frühere Bewohner sind obdachlos, hausen in Hütten aus zusammengestückelten Materialien. Während der Bodenoffensive waren die israelischen Soldaten hier in Husa’a, wo sie auf starken Widerstand von Hamas-Kämpfern gestoßen waren, nach der berüchtigten „Hannibal-Prozedur“ vorgegangen. Die besagt: lieber alles niedermachen als riskieren, dass Kameraden in Feindeshände fallen.

Vor allem die Kinder plagen traumatische Erinnerungen an diese Kriegstage. Haja, Abu Reidas achtjährige Tochter, hat Angst einzuschlafen, Angst den Fernseher anzumachen, Angst, „dass die Panzer wiederkommen“, wie sie flüsternd gesteht. Ihr Vater weiß nicht, wie er ihr helfen soll. „Ich sehe für uns keine Zukunft“, sagt er, „und keine Alternative.“

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