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03. August 2014

Gaza-Krieg: Israel setzt Offensive fort

 Von 
Gewalt, Zerstörung und kein Ende in Sicht: Ruinen vor dem Minarett einer Moschee in Beit Lahia im nördlichen Gazastreifen.  Foto: AFP

Erneut gerät eine UN-Schule im Gazastreifen unter Beschuss. 3000 palästinensische Zivilisten hatten hier Unterschlupft gesucht. Zehn Menschen sterben, viele werden verletzt. Die israelische Armee bestätigt, auf ein Ziel nahe der Schule gefeuert zu haben.

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JERUSALEM –  

Israel hat am Sonntag größere Teile seiner Bodentruppen im nördlichen Gazastreifen an die Grenze zurückverlegt. Bereits in der Nacht hatte die Armee den vermissten Offizier Hadar Goldin für tot erklärt, womit sich der Druck, noch tiefer in den Gazastreifen vorzustoßen, erheblich verminderte. Vor allem Rafah, die Stadt am Südzipfel Gazas, blieb aber hart umkämpft.

Dort geriet erneut eine UN-Schule unter Beschuss, in der 3000 palästinensische Zivilisten Unterschlupf gesucht hatten. Zehn Menschen starben, mehr als dreißig wurden verletzt. Die israelische Armee hat bestätigt, auf ein Ziel nahe einer UN-Schule im Gazastreifen geschossen zu haben. Im Visier seien drei "Terroristen" der radikalen Palästinensergruppe Islamischer Dschihad gewesen, die auf einem Motorrad nahe der Schule unterwegs gewesen seien, erklärte die Armee am Sonntag.

Die israelische Armee entdeckte im Wohngebiet von Rafah auch einen weiteren Tunnel, in dem Militante an die 150 Mörsergranaten gelagert hatten. Derweil bombardierte die Luftwaffe am Sonntag weiter Ziele in Gaza. Die Palästinenser zählten 75 Tote binnen 24 Stunden.

Bei der Suche nach versteckten Tunneleingängen in Rafah war ebenso Hadar Goldin, ein Verwandter von Verteidigungsminister Mosche Jaalon, zusammen mit zwei anderen Soldaten von einem palästinensischen Kommando am Freitagmorgen angegriffen worden.

Leiche verschleppt

Auf Basis der vor Ort gefundenen Indizien geht Israel davon aus, dass der 23-Jährige wie seine beiden Kameraden von einem Selbstmordattentäter in den Tod gerissen worden sei. Seine Leiche wurde offenbar von Militanten verschleppt. Dennoch stimmte seine Familie der Empfehlung des Militärrabbiners zu, für ihn eine Beerdigungsfeier auszurichten. Die Eltern Goldins hatten zunächst in der Annahme, ihr Sohn sei der Hamas lebend in die Hände gefallen, an die Armee appelliert, „Gaza nicht ohne ihn zu verlassen“.

Ein Palästinenser führt seine Kuh durch die zerstörten Straßen von Beit Lahia im Norden des Gazastreifens.  Foto: AFP

Die Offensive werde mit voller Kraft fortgesetzt, bis sichergestellt sei, dass die israelische Bevölkerung für lange Zeit in Ruhe leben könne, erklärte Premier Benjamin Netanjahu Samstagabend in einer Fernsehansprache in Tel Aviv. Die Streitkräfte würden ihren Einsatz nicht eher beenden, bevor das Tunnelnetzwerk der Hamas zerschlagen sei. Nach Darstellung der Militärs ist dies bereits zu neunzig Prozent geschehen. Die übrigen Schachtanlagen ließen sich binnen ein, zwei Tagen sprengen.

Humanitäres Desaster

UN-Hilfsorganisationen beschreiben die Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung in weiten Teilen Gazas als „gesundheitliches und humanitäres Desaster“. Ein Drittel der Krankenhäuser sowie zahlreiche ambulante Kliniken seien durch Beschuss beschädigt. Mindestens fünf Mitarbeiter des medizinischen Personals bezahlten den Einsatz mit ihrem Leben, vierzig Prozent der Pflegekräfte können laut Angaben der Welt-Gesundheitsorganisation infolge von Kampfhandlungen seit Tagen ihre Arbeitsplätze nicht mehr erreichen.

Besonders kritisch bleibt die Situation im südlichen Gazastreifen, der nach dem Scheitern der Waffenruhe am Freitagmorgen von der israelischen Armee massiv bombardiert worden war. Das Nadschar-Hospital in Rafah wurde deshalb evakuiert und vorläufig geschlossen. Zahlreiche Todesopfer mussten laut palästinensischen Angaben in Kühlräumen von Gemüseläden gelagert werden, weil ihre Beerdigung wegen anhaltender Kämpfe zu gefährlich sei.

Die Zahl der Kriegsflüchtlinge wird inzwischen auf 460.000 geschätzt, das entspricht einem Viertel der Gesamtbevölkerung Gazas. Davon suchten 260.000 Palästinenser in 90 Schulen unter der UN-Flagge Zuflucht, die übrigen kamen in anderen öffentlichen Einrichtungen oder bei Verwandten unter. Es wird davon ausgegangen, dass inzwischen etwa 10.000 Wohnungen völlig zerstört sind.

In den überfüllten Auffanglagern herrschen laut UN infolge von Wasser- und Strommangel gesundheitsbedrohliche hygienische Verhältnisse. Die meisten Flüchtlinge dort erhielten pro Kopf und Tag nur noch drei Liter Wasser. Viele Kinder litten an Hautausschlägen und Durchfall. Auch die Fälle von durch Viren erzeugte Meningitis seien dramatisch gestiegen.

Nicht allein wegen dieser Erfolgsbilanz erteilte das Sicherheitskabinett weiteren Verhandlungsversuchen über einen Waffenstillstand eine Absage. Da die Hamas mehrfach vereinbarte Feuerpausen gebrochen habe, mache es keinen Sinn, eine Delegation nach Kairo zu schicken, wo nach Vorschlägen der USA und der Vereinten Nationen am Wochenende eigentlich Gespräche zwischen beiden Kriegsparteien unter ägyptischer Vermittlung beginnen sollten. Das israelische Sicherheitskabinett beschloss stattdessen, auf militärische Abschreckung zu setzen, um über die Formel „Ruhe gegen Ruhe“ eine Befriedung zu erzwingen. Im Einklang mit diesem Konzept könnten aber Bodensoldaten zurückgezogen werden, soweit sie ihre Aufgabe erfüllt hätten.

Ein Verbleib von Bodentruppen birgt zudem das Risiko, von palästinensischen Scharfschützen ins Visier genommen zu werden. Die Armee rückte denn auch am Sonntag aus den nordöstlichen Gebieten Gazas ab.

Opposition: Chance vertan

Gleichzeitig erteilte sie der Bevölkerung dort grünes Licht, etwa nach Beit Lahia wieder zurückkehren zu können. Die linke Opposition in Israel begrüßte den unilateralen Abzug, kritisierte aber die Netanjahu-Regierung für deren Boykott der Gespräche in Kairo.

Damit verspiele sie die Chance einer diplomatischen Lösung, die moderate palästinensische Kräfte um Präsident Mahmud Abbas gegenüber der Hamas stärken könne, sagte die Meretz-Vorsitzende Zahava Gal-On. Dies zeige, dass Netanjahu nur den militärischen Konflikt kontrollieren wolle, aber auf keinen Fall Friedensverhandlungen.

Derweil reiste eine palästinensische Delegation aus Ramallah nach Kairo, wo ebenso Vertreter von Hamas und Islamischem Dschihad eintrafen. In israelischen Regierungskreisen hieß es, man werde einen neuen Waffenstillstandsentwurf prüfen, sollte er zustande kommen. Nicht ausgeschlossen wird, dass in diesem Fall auch Israel eine Delegation nach Ägypten entsendet. (mit afp)

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