Inzwischen wird es von Israel nicht mehr bestritten: der Einsatz von Bomben mit weißem Phosphor. Schaban ist Spezialist für plastische Chirurgie und Brandverletzungen im Schifa-Hospital, dem größten palästinensischen Krankenhaus überhaupt. In seinem Sprechzimmer packt er eine Tüte mit sandig verklebten Bodenproben aus, die aus dem Stadtteil Tel Hawa stammen. Sobald er reinsticht, wird ein übler Geruch frei, typisch für weißen Phosphor. "Am Anfang hatten wir keine Erfahrung im Umgang mit Phosphor-Verletzten", sagt Schaban. Erst der Krieg brachte es ihnen bei. "Weißer Phosphor brennt sich durch Gewebe und Muskeln, oftmals runter bis zum Knochen." Normale Behandlung mache die Sache nur schlimmer. Das einzige, was helfe, sei, den Brandherd chirurgisch zu säubern. Eine Erkenntnis, die für manche Patienten zu spät kam.
Mahmud al-Dschamal, ein 18-jähriger Oberschüler, ist einer, der überlebt hat. Seine linke Hand, die Brust und vor allem das linke Bein sind übersät mit Brandwunden, die tief ins Fleisch gehen. Passiert ist es in der dritten Kriegswoche, am 16. Januar, dem Tag, an dem die israelischen Truppen tiefer als zuvor nach Gaza-Stadt vorstießen. "Es war morgens um fünf", schildert Mahmud. "Wir hörten eine Bombendetonation und sind raus gerannt. Plötzlich traf mich etwas wie Feuer. Dabei trug ich wegen der Kälte drei Jacken übereinander." Als er fünf Stunden später im Krankenhaus erwachte, fühlte er sich, "als ob mein Körper in einem Ofen steckte". Noch auf dem OP-Tisch kam laut Doktor Schaban aus einer von Mahmuds schlimmsten Wunden weißer Rauch. Den Anästhesisten traf beim Säubern versehentlich ein winziger Phosphorrest am Halsausschnitt. An der Stelle hat er jetzt ein bleibendes Brandmal.
Auch Amnesty International hat einen Nachweis für den Einsatz von Weißer-Phosphor-Geschossen in dicht bevölkerten Wohngebieten in Gaza-Stadt sowie nördlich davon erbracht. Nach internationalem Übereinkommen sind solche Waffen, die bis zu hundert in Phosphor getunkte Einzelkomponenten enthalten, legal, dürfen aber nicht gegen Zivilisten verwendet werden.
Mahmud al-Dschamal sagt, seine Worte reichten nicht, um zu beschreiben, wie er sich fühle nach dem, was ihm angetan worden sei. Er hat allerdings eine klare Rangfolge, wen er verantwortlich macht. "Als erstes die Israelis und als zweites die Vereinten Nationen, die uns im Stich gelassen haben." Kommt die Hamas gar nicht vor? Die hat doch dauernd Raketen auf Sederot und andere israelische Städte gefeuert. Mahmud winkt mit seiner gesunden rechten Hand ab. Diese "Kassams" seien "vergleichsweise nichts" und sowieso nur eine Reaktion auf die israelische Belagerung des Gazastreifens gewesen. Doktor Schaban springt ein. "Ich habe nicht die Hamas gewählt", sagt er. "Aber nach meinem Eindruck hat sich Abbas nicht gerade um sein Volk gesorgt." Nach diesem Krieg, ist er überzeugt, "werden die Menschen in Gaza nicht mehr die Gleichen sein". Die Sonne scheint über Gaza, als wäre nichts gewesen. Doch man soll sich nicht täuschen. Manche Wunden schwären ewig.
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