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Gaza: Schwärende Wunden

Stadtviertel in Trümmern, von Phospor-Bomben gezeichnete Menschen, Trauerzelte für die Toten: Ein Besuch in Gaza zeigt die grausamen Folgen des Krieges und die Wut der Bevölkerung. Von Inge Günther

Nur Schutt ist übrig geblieben von den zwei kleinen Häusern der Familie Samuni.
Nur Schutt ist übrig geblieben von den zwei kleinen Häusern der Familie Samuni.
Foto: Günther/FR

Gaza-Stadt. Die Zerstörung hat etwas Bizarres. Häuser, die aussehen, als wenn ein Riese sie wie Pappschachteln zusammengedrückt hätte. Dazwischen ist, auch das erstaunt, eine Menge halbwegs ganz. Vom palästinensischen Außenministerium ist aber nicht mehr übrig geblieben, als Außenwände, die kurz vorm Einstürzen sind. Trümmerteile hängen wie Girlanden herunter. Auch entlang der Omar-Muchtar-Straße, die Prestigemeile in Gaza-Stadt, lässt sich besichtigen, wie das, was einst die palästinensische Autonomie ausmachte, in Schutthaufen verwandelt wurde: Parlament wie Polizeizentrale haben die Israelis platt gebombt.

Doch hat auch das Leben eine gewaltige Kraft. Der Krieg ist noch keine Woche aus, und die Menschen tummeln sich auf den Straßen. Ladenbesitzer stellen ihre Auslagen heraus. Manche schwingen Besen, andere behelfen sich mit schwererem, jedoch ebenso unpassendem Gerät, um Trümmer aus dem Weg zu schaffen. Von der Hamas beorderte Männer sorgen dafür, dass der Verkehr fließt. Der ist überraschend rege. Die Stadt räumt auf.

Aber dann kommt man in das Seitun-Viertel im Südosten. Es könnte sich genauso gut um ein Erdbebengebiet der schlimmsten Sorte handeln. Hier sind nicht nur Bomben oder Panzergranaten eingeschlagen. Hier hat die Armee mit Bulldozern alle Häuser, in denen sie nicht selbst Position bezogen hatte, niedergewalzt. Die Soldaten sind weg, die Bewohner wieder da - soweit sie überlebt haben.

Für die Toten, 32 Mitglieder der Großfamilie Samuni, haben sie ein Trauerzelt in der verwüsteten Landschaft errichtet, in der es nach Verwesung stinkt. Dort hockt Arafat Samuni (36), der unter den Todesopfern 15 nähere Verwandte wie Neffen oder Cousins hat. "Ich kann bis jetzt nicht glauben, was ich vor Augen habe", sagt er und schüttelt den Kopf. Der Schock ist unverdaut. Als die Rede auf die Hamas kommt und deren Exil-Chef Khaled Meschaal, der in Damaskus den "glorreichen Sieg" in Gaza pries, reißt ihn die Empörung aus seinem Schmerz. "Wo soll das sein? Zeigt mir einen Ort, wo die Hamas siegreich war", höhnt Arafat Samuni. "Hier bei uns hat die Hamas jedenfalls nicht gekämpft. Wir hätten ihr auch nicht erlaubt, von unserem Gebiet aus zu schießen."

Das mag man glauben oder nicht. Aber als Hamas-Repräsentanten nach dem Krieg zu Kondolenzbesuchen aufkreuzten, haben die Samunis ihnen bedeutet, dass sie auf ihr Beileid verzichten können. Das Geld, das ein Vertreter des Islamischen Dschihad brachte, haben sie dann doch angenommen. Alle stehen hier vor dem Nichts. "Jeder Schekel ist willkommen, egal von wem", sagt Arafat Samuni. Er ist ein geschlagener Mann. In leisen Worten schildert er, was passiert ist, nachdem die israelische Armee zu Beginn der Bodenoffensive Seitun einnahm, gelegen an der Salah-ed-Din-Straße, der strategisch wichtigen Nord-Süd-Achse in Gaza. An jenem Sonntag hatten die Soldaten viele Bewohner des Viertels gezwungen, in ein bestimmtes Haus zu gehen. Sie dachten, dort wenigstens sicher zu sein. Am folgenden Morgen, am 5. Januar, wurde dieses Gebäude beschossen.

Arafat Samuni schaffte es, mit den Seinen herauszurennen. "Alle waren voller Blut, wir sind trotzdem weiter und weiter gelaufen." Zwei Tage später dann klingelte sein Handy. Die schon tot geglaubte Amal, seine achtjährige Nichte, rief an. Sie hatte in einer Schranknische in dem Haus Schutz gesucht und überlebt, so wie auch weitere Verwandte. Sofort hat Arafat Sumani das Internationale Rote Kreuz alarmiert und ist fast verrückt geworden, weil zunächst keiner glauben mochte, dass unter diesem Trümmerberg noch Verletzte zu bergen seien.

All das hat Arafat Samuni hinter sich. Wie soll er mit dem fertig werden, was unmittelbar vor ihm liegt? Er führt uns zu der Stelle, wo einst seine beiden kleinen Häuser standen, eins für die Erstfrau Ibtisar (32), mit der er einen Sohn hat, und eins für seine Zweitfrau Hadija (25), mit der er dort weitere Kinder bekommen wollte, weil Ibtisar keine mehr gebären kann. Hier verbringen sie seit dem Waffenstillstand ihre Tage, richten Essen - Kichererbsenbrei und Oliven - auf einer Holzplanke an und kochen auf offenem Feuer Tee, den sie jetzt auch den Journalisten reichen. Dankbar schon dafür, dass sich überhaupt jemand für ihr Schicksal interessiert.

Falls der Westen mit seiner Wiederaufbauhilfe warten will, bis die politischen Bedingungen stimmen, könnte es zu spät sein. Arafat Samuni, dessen einziger Sohn nicht zufällig Yasser heißt, ist für die PLO und für Präsident Mahmud Abbas. Aber seine Meinung ist nicht unbedingt repräsentativ für die Mehrheit in Gaza. Die verspricht sich nicht viel von der internationalen Gemeinschaft und einem moderaten Kurs. Nicht nach diesen 22 Tagen Krieg.

"Wir haben hier ein regelrechtes Massaker erlebt", sagt Doktor Nafez Abu Schaban, "und die Welt hat weggeschaut." Schaban ist ein beherrschter Mensch, ein ergrauter Herr mit akkurat gestutztem Schnäuzer. Nur ein Zittern in seiner Stimme verrät seine unterdrückte Erregung. Schaban hat rund um die Uhr operiert. Sofern er zum Schlafen kam, hat er "nicht erwartet, am nächsten Morgen lebendig aufzuwachen". Und er hat Opfer behandelt, an deren Art von Verletzungen viele zunächst kaum glauben mochten.

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Autor:  INGE GÜNTHER
Datum:  24 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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