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27. April 2015

Gaza-Streifen: Die Trümmerfamilien von Gaza

 Von 
Sinnbild für ein heiles Leben: die Miezekatze, die der britische Graffitikünstler Bansky auf die einzige stehengebliebene Wand von Schimbaris Haus gesprüht hat.  Foto: Reuters

Seit dem Krieg im Gaza-Streifen wurde noch kein Haus wieder aufgebaut. Es mangelt an Zement und politischen Lösungen. Die Zustände sind himmelschreiend, es fehlt an allem.

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Die Kinder schniefen erbarmungswürdig. Ihre Rotznasen werden die fünf nicht so bald los. Vom Nahost-Frühling war in diesem April bislang wenig zu sehen, dafür peitschten umso mehr Regenstürme nieder. Gegen Wind und Wetter ist die Hütte nicht gefeit, die Ismael Schimbari für seine Familie dort, wo mal ihr Haus stand, aus Sperrmüll, Plastikplanen und Wellblech gezimmert hat. Um nicht im Matsch zu versinken, hat der 28-jährige Palästinenser von israelischen Panzern ausgehebelte Trottoirsteine gesammelt und damit den Boden ausgelegt. Eine kleine Verbesserung im Vergleich zu den ersten vier Monaten, die er und die Seinen nach dem Gaza-Krieg im Zelt auf freiem Feld verbracht hatten.

Aber Kälte und Wasser kommen immer noch durch alle Ritzen herein. Seine fünf Kinder im Alter zwischen anderthalb und elf Jahren kauern oft blaugefroren beisammen, berichtet Schimbari. Mehr als einen Gaskocher auf einem Lattenrost und einen Stapel dünner Matratzen hat die ärmliche Unterkunft nicht zu bieten. Töpfe und Teller müssen mangels Platz draußen aufbewahrt werden, hinter dem schwarzen Plastikfass mit nicht trinkbarem Waschwasser.

Die Zustände sind himmelschreiend, es fehlt an allem. „Gott soll die bestrafen, die für unser Elend verantwortlich sind“, schimpft Tagrid, die 27-jährige Ehefrau. Wen sie damit meine? „Nicht nur die Israelis“, erwidert sie vielsagend. Auch auf die Hamas, die sie im Stich lasse, so ist bei dem Gespräch herauszuhören, sind die meisten Palästinenser hier in Beit Hanun inzwischen wütend.

Seit dem Krieg hat Schimbari, ein ungelernter Arbeiter, keinen Job mehr bekommen. Ein paar Schekel verdient er sich mit dem Sammeln von Trümmersteinen, die sich recyceln lassen. In den Steinmühlen, die die Brocken zermahlen, um sie als Füllstoffe wieder zu verwenden, werden für eine Steinladung auf dem Eselskarren etwa zwei Euro gezahlt.

Viele Häuser in Beit Hanun sind zerstört.  Foto: Inge Günther

Vom früheren Haus der Schimbaris steht nur noch eine einzige Wand. Zur Straßenseite hin zeigt sie eine riesengroße Miezekatze wie aus dem Bilderbuch. Banksy, der weltbekannte, britische Graffitikünstler, hat sie bei einem heimlichen Gazabesuch gemalt und damit im Nachhinein für mächtiges Aufsehen gesorgt.

Banksy ist ein Pseudonym, keiner kennt den Mann dahinter. Aber Ismael Schimbari hat ihn gesehen. Wie er aussah? „Ziemlich ausländisch“, meint er. Es war ein Freitagmorgen, gegen sechs Uhr in der Früh. „Alle schliefen noch, ich wurde von Stimmen draußen wach.“

Zwei Leute – ein Fahrer und ein Übersetzer – seien mit Banksy auf einem Tuk-Tuk gekommen, ein Karren, gezogen von einem Motorroller. „Wir haben ihnen Tee und Kaffee gekocht“, sagt Schimbari, „und der Mann hat gesprüht und kein Wort gesagt.“ Der palästinensische Familienvater hat sich damals ziemlich gewundert. Erst später wurde ihm klar, dass nun ein Kunstwerk von unglaublichem Wert an seiner Mauer prangt. „Wenn wir irgendwann das Haus wiederaufbauen können“, hat er für sich beschlossen, „wird die Wand verglast.“

Die Kinder mochten die Miezekatze von Anfang an – dieses Sinnbild einer heilen Welt inmitten der kriegsverwüsteten Landschaft von Beit Hanun. Auch andernorts in Gaza hat der Künstler sarkastische, surreale Sprühwerke hinterlassen. Banksy selbst hat im Internet verlauten lassen, mit seinen Graffitigemälden das Augenmerk auf die sich dahinter befindende Zerstörung in Gaza lenken zu wollen.

Denn so wie den Schimbaris geht es nahezu 100 000 Palästinensern in Gaza, die keine feste Unterkunft haben, weil ihr früheres Heim ganz oder größtenteils in Schutt und Asche liegt. Kein einziges Gebäude wurde in den acht Monaten seit dem Gaza-Krieg im vorigen Sommer wieder errichtet. Geld müsste eigentlich da sein. Die Geberkonferenz in Kairo hat im Herbst 3,5 Milliarden US-Dollar für den Wiederaufbau in Gaza zugesagt, gut 26 Prozent dieser stattlichen Summe wurden laut Weltbank auch bereitgestellt.

Die Schimbaris mit ihren Kindern.  Foto: Inge Günther

Aber die Baumaterialien kommen infolge israelischer Einfuhrbeschränkungen und ägyptischer Blockade nicht in der nötigen Menge herein. Aus Protest verweigern die 300 palästinensischen Bauunternehmer inzwischen die Kooperation mit dem „Gaza Reconstruction Mechanism“, einem komplizierten Kontrollverfahren, das der UN-Nahostgesandte Robert Serry mit Israel und den palästinensischen Autonomiebehörden in Ramallah im Herbst ausgehandelt hat.

„Das ist alles viel zu bürokratisch“, erregt sich Verbandschef Nabil Abu Muailik. „Wir lassen uns von Israel nicht vorschreiben, wer Aufträge kriegt und wer nicht.“ Kleinere Bombenschäden konnten zwar vielerorts inzwischen repariert werden. Zu diesem Zweck dürfen Wohnungsbesitzer nach akribischer Prüfung ihres Bedarfs ein paar Säcke Zement kaufen.

Rund 60 000 Familien waren so in der Lage, zerschossene Wände und Decken in ihren Häusern zu flicken. „Aber wir brauchen 10 000 Tonnen Zement täglich, um den eigentlichen Wiederaufbau in Gang zu bringen“, rechnet Muailik vor. „Die 70 000 Tonnen, die geliefert wurden, reichen gerade mal für eine Woche.“ Den Einwand, mit dem Kontrollverfahren solle doch nur verhindert werden, dass Hamas-Militante nichts für neue Tunnelbauten abzweigen könnten, lässt der palästinensische Unternehmerboss nicht gelten. „Die 300 Tonnen Zement, die bei einem Tunnelbau draufgehen, sind ein Klacks von dem, was wir brauchen“ – soll heißen, eine solche Menge beschaffe sich die Hamas auch so auf dem Schwarzmarkt.

„Was ist denn die Alternative, wenn in Gaza nichts geschieht?“, erregt sich Muailik. „70 Prozent der Palästinenser in Gaza sind jünger als 30 Jahre. Wenn sie alle Hoffnung auf eine Zukunft verlieren, werden sie durchdrehen und zu jeder Schandtat bereit sein.“ Es liegt allerdings nicht nur an Israel, dass das Mammutprojekt Wiederaufbau in Gaza stockt. Kairo will den Übergang Rafah nur öffnen, wenn die palästinensische Grenzseite von Truppen der gemäßigten Fatah abgefertigt wird. Hardliner der Hamas, bislang die Alleinmacht in Gaza, sperren sich dagegen. Und Ramallah lässt die Sache laufen. Gerade mal für einen Tag ließ sich Premier Rami Hamdallah kürzlich in Gaza blicken. „Er müsste mindestens eine ganze Woche hier verbringen. Sonst kapiert er nicht, was Leben in Gaza bedeutet, und wie es sich anfühlt, bei Stromausfall zwölf Stockwerke hoch und runter zu laufen“, giftet Muailik.

Abdul Karim Saleem vor den Trümmern seiner Fabrik.  Foto: Inge Günther

Selbst das sind die Probleme der Bessergestellten. Von den Ausgebombten hausen noch Zehntausende so wie die Schimbaris in Ruinen. Über 8000 Familien sind nach wie vor in UN-Schulen untergebracht. Für viele ist der einzige Lichtblick ein Arbeitsbeschaffungsprogramm, finanziert von den Vereinten Nationen und der Autonomieregierung, um mit dem Besen Unrat und Kriegsschutt von den Straßen zu beseitigen. Dabei wird Eigeninitiative in allen Schichten Gazas groß geschrieben, wenn nur die Chance da ist.

Abdul Karim Saleem jedenfalls hat sie ergriffen, trotz aller finanziellen Risiken. Ihm und zwei Brüdern gehört eine Matratzenfabrik im Norden Gazas am Rande von Beit Hanun. Mehrere Produktionshallen wurden im Krieg von israelischen Geschossen getroffen und brannten völlig aus. Geschätzter Schaden: 3,5 Millionen US-Dollar. Als sie erstmals die Berge verkohlter Gestänge sahen, wollten die Gebrüder schon hinschmeißen. „Am Anfang haben wir gedacht, wozu das alles nochmal“, sagt Abdul Karim Saleem. Irgendwie haben sie sich trotzdem durchgerungen und 400 000 Dollar aus dem Familienvermögen in neue Maschinen investiert.

Immerhin, in einigen leeren Lagerhallen, die das Feuer verschont hat, werden inzwischen wieder Matratzen zugeschnitten und Bezüge gesteppt. Saleem, der in Deutschland studiert hat, zählt das zum „Wunder von Gaza“. Eigentlich sei doch die Wirtschaft längst völlig kaputt. „Aber irgendwas funktioniert immer noch.“ 30 von ehemals 50 Beschäftigten der Fabrik fanden jedenfalls erneut Arbeit. Hilfsorganisationen kauften auch jede Menge dünner Billigmatten für die Notquartiere, in denen Kriegsopfer untergebracht sind. Das Material dafür wird aus Schaumstoffblocks zugeschnitten, die von der Westbank geliefert werden. Rentabel ist das nicht gerade. Dazu müsste die zerstörte Fabrik schon wie früher wieder eigenen Schaumstoff produzieren können.

Die dafür nötige Maschine ist anderthalbmal so teuer wie alles andere, was die Brüder Saleem bislang für den Neuanfang ausgegeben haben. Sie haben sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, als sie die Maschine für 750 000 Dollar vor einiger Zeit in England bestellt haben. Demnächst wird sie geliefert und muss bezahlt werden.

Schon der Gedanke daran raube ihm den Schlaf, gesteht Abdul Karim Saleem mit einem tiefen Seufzer. Denn eine nötige Komponente für die Herstellung von Schaumstoffen steht seit kurzem auf der „Dual-use“-Liste und darf nicht importiert werden, weil diese Chemikalie – sagen die Israelis – auch für den Waffenbau verwendet werden könnte. Wenn es dabei bleibt, droht der Fabrik doch noch das Aus.

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