Moskau. Es ist, als wäre der Kriegszustand verhängt worden. Auf der Twerskaja-Straße, wo sonst der Verkehr rauscht, stauen sich in der Dämmerung Panzer und Raketenwerfer. Die Motoren schweigen, aus den Luken schauen gelangweilte Soldaten. Vor den Absperrgittern drängt sich das Volk. Um zehn Uhr soll die größte Militärparade geprobt werden, die Moskau seit dem Ende der Sowjetunion erlebt hat. Bis dahin ist noch eine halbe Stunde Zeit, um sich vor einer Abschussrampe für Interkontinentalraketen zu fotografieren.
Seit Monaten schon bereitet sich Russland auf den 65. Jahrestag des Sieges vor. Die diesjährige Siegesparade zum 9. Mai - man feiert traditionell einen Tag später als in Westeuropa - soll alle Rekorde brechen. Viermal wurde die Innenstadt gesperrt, um zu üben. Der Sieg ist allgegenwärtig: "Freude mit Tränen in den Augen - Tag des Sieges! Tag des Sieges! Tag des Sieges!" schmettert ein Männerchor alle paar Minuten aus den Lautsprechern von Trolleybussen.
Dieselbe Stimme, die kürzlich die Tariferhöhungen verkündet hat, dankt nun den "Veteranen und Werktätigen der Heimatfront". Ähnlich feierlich spricht es aus dem Telefonhörer, wenn man die eigens eingerichtete gebührenfreie Telefonnummer 1945 anruft. Dort verliest der Radiosprecher die Siegesmeldungen des Jahres 1945, täglich aktualisiert. Gerade hat die 2. Belorussische Front Rügen besetzt.
Ideologische Leere füllen
"Zuviel Pathos, finde ich", sagt Sergej Kudrjaschow, der am Deutschen Historischen Institut über den Krieg forscht. "Wenn die Fernsehnachrichten jetzt schon immer damit beginnen, dass die Siegesparade geübt wurde, was wollen sie dann erst am 9. Mai zeigen?" Dabei hat die Feier des Sieges erst lange nach dem Krieg, unter Leonid Breschnew, so bombastische Formen angenommen. Davor wurde der 9. Mai offiziell fast gar nicht begangen - es war ein normaler Arbeitstag. Im Mittelpunkt des offiziellen Helden- und Totenkultes seit Breschnew stand freilich stets die Partei als führende Kraft. "Deshalb war es für Boris Jelzin, der ja auf einer Welle des Antikommunismus an die Macht gekommen war, ein unbequemer Feiertag", erinnert Kudrjaschow.
Erst zum 50. Jahrestag 1995 wurde der 9. Mai wieder im großen Stil begangen, wobei sich auch die Spaltung der Gesellschaft zeigte: Oben am neu fertiggestellten Siegespark feierte die Staatsführung, unten im Zentrum marschierten die Kommunisten. Wladimir Putin verzichtete auf antikommunistische Rhetorik. Der Sieg über den Faschismus füllte die ideologische Leere, die das Ende des Kommunismus hinterließ: Einst rollten die Interkontinentalraketen zur Feier der Oktoberrevolution über den Roten Platz, nun tun sie es zum 9. Mai, seit zwei Jahren schon.
"Es ist der einzige echte Nationalfeiertag, den wir haben", sagt der liberale Journalist Alexander Golz, "ein Mittel zur Selbstidentifizierung. Den hat sich die Führung angeeignet." Kreml-treue Jugendorganisationen wachen über den korrekten Wortgebrauch im Umgang mit dem Sieg. Und Boris Gryslow, Putins Vize in der Kremlpartei Einiges Russland, erhebt das Siegen zur nationalen Idee: "Wir sind ein Siegervolk", schwadronierte er jüngst, "wir können gar nicht anders als siegen - ob auf dem Schlachtfeld oder im Wettkampf."
Irina Schtscherbakowa von der Bürgerbewegung "Memorial" freut sich dennoch. "Sie hätten mal die hysterische Propaganda vor fünf Jahren hören sollen." Erstmals seien westliche Truppen eingeladen: "Das ist, auf seine Weise, ein riesiger Sieg, denn die Propaganda der letzten Jahre zielte ja in die Gegenrichtung." "Keine Nato-Stiefel auf den Roten Platz!", hatten Kommunisten vergeblich protestiert. USA, Briten und Franzosen sind ebenso wie eine polnische Einheit dabei, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird an der Gedenkfeier teilnehmen. Und ein weiterer Sieg freut Schtscherbakowa: Moskaus populistischer Bürgermeister Juri Luschkow ist damit gescheitert, in der Stadt Stalin-Porträts aufzuhängen, unter Verweis auf Stalins Rolle als Kriegsherr. Die Führung wünsche keine Rückkehr stalinscher Symbolik, sagte Präsident Dmitri Medwedew überraschend deutlich in einem Interview, dass die Zeitung Iswestija am Freitag druckte: "Das ist absolut ausgeschlossen. Darin liegt, wenn sie so wollen, die heutige staatliche Ideologie."
Dabei hatte Moskaus Stadtverwaltung das stärkste Argument aufgefahren: Die Veteranen wollten die Porträts. Je weniger Frontkämpfer noch am Leben sind, desto heftiger werden die Verbliebenen verehrt in diesen Tagen. Den 70. Jahrestag des Sieges wird man wohl ohne sie begehen müssen.
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