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Dresden: Zigtausende protestierten gegen Neonaziaufmarsch

Mit Kerzen gedenken die Menschen in Dresden der 25.000 Opfer des Alliierten-Bombenangriffs vor 67 Jahren. Foto: REUTERS

Hunderte Neonazis versammeln sich am Hauptbahnhof in Dresden. Zuvor erinnern Tausende Dresdner in der Alt- und Neustadt mit einer 3,6 Kilometer langen Menschenkette an die Zerstörung der Stadt durch alliierte Bombardements am 13. Februar 1945. [Mit Video]

Dresden –  

Die Baskenmütze auf dem Kopf, den Schal ins Gesicht gezogen, macht sich Wolfgang Thierse auf den Weg. „Ziviler Ungehorsam ist nicht demokratiefeindlich“, sagt der SPD-Vizepräsident des Bundestages, dann stapft er los durch Dresdens Altstadt. Ein eisiger Wind weht, auf der Elbe treiben dicke Eisschollen. Thierse ist einer von Zigtausenden, die sich den Neonazis in den Weg stellen wollen. Es sind, so scheint es an diesem kalten Montagabend, so viele Gegendemonstranten wie nie zuvor unterwegs.

Am Hauptbahnhof sind die Neonazis eingetroffen. Wie jedes Jahr wollen sie ihren Fackelmarsch abhalten. Maximal 500 bis 800, sagt die Polizei. Verglichen mit früheren Jahren, als 4000 bis 7000 Rechtsextremisten aus ganz Europa gekommen waren, ist das ein klarer Misserfolg für die braune Szene. Bis zum Abend bleibt alles friedlich. Hubschrauber kreisen über Stadt, Wasserwerfer stehen in Nebenstraßen bereit. Fast 6000 Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet halten Neonazis und Gegendemonstranten auf Abstand.

Jedes Jahr ziehen die Neonazis durch die Stadt

Seit 14 Jahren ziehen Neonazis am 13. Februar durch Dresden und versuchen, die Erinnerung an die Zerstörung der Elbstadt für ihre Zwecke zu nutzen. Dresden war im Februar 1945 viermal bombardiert worden. Die Altstadt brannte nieder, etwa 25.000 Menschen starben. „Bombenholocaust“ nennen Neonazis, was vor 67 Jahren geschah – und lassen den nazideutschen Teil der Geschichte unter den Teppich fallen.

Friedliche Anti-Nazi-Demo in Dresden

Bildergalerie ( 11 Bilder )

Dresden tat sich anfangs schwer damit, versuchte die Neonazi-Märsche einfach zu ignorieren und gab sich dem eigenen, stillen Gedenken hin. Bloß keine Krawalle, war das Motto. Das verliert sich schon wieder. Doch das war ein bequemer Irrtum: Immer mehr Rechte kamen und machten Dresden zu ihrem Wallfahrtsort. Außerdem gab Krach zwischen den Parteien: Die CDU war nie bereit, sich einem Bündnis gegen Neonazis anzuschließen, in dem auch Linke mitmachten.

Dieses Jahr sollte ein deutliches Zeichen gesetzt werden. Auch aus dem Erschrecken über die Verbrechen der rechtsterroristischen Zwickauer Mörderbande heraus, die im November 2011 aufgeflogen war. Gegen den abendlichen braunen Fackelzug durch die Altstadt hatte ein breites Bündnis aus Parteien, Kirchen und Verbänden unter dem Motto „Mit Mut und Toleranz - Dresden bekennt Farbe" aufgerufen. Und Frank Richter, einem Parrer und hochangesehenen 89er Revolutionär, war es gelungen, im Vorfeld alle demokratischen Parteien zusammenzuführen.

Dresden wurde von den Alliierten Bomben besonders schwer getroffen.
Dresden wurde von den Alliierten Bomben besonders schwer getroffen.
Foto: dapd/Vectur

Am Montagabend bildeten mehr als zehntausend Dresdner eine Menschenkette um die Altstadt. Sie zog sich fast vier Kilometer lang über die Elbe durch Alt- und Neustadt und schloss die Synagoge und die Frauenkirche ein. Deutlich mehr Menschen als im Vorjahr gaben ein klares Bekenntnis gegen den Missbrauch des Gedenktages durch Rechtsextremisten ab. „Unsere Stadt steht fest zusammen, mit Mut, Respekt und Toleranz", sagte der amtierende Bürgermeister Dirk Hilbert (FDP) vor dem Rathaus. Als um 18 Uhr Dresdens Kirchenglocken läuteten, schloss sich die Kette, die Menschen nahmen sich für zehn Minuten an den Händen.

Politprominenz auf die Straße

Zuvor hatten sich fast 2500 Menschen auf den "Mahngang Täterspuren" begeben, der dem Mythos von der unschuldigen Stadt entgegentritt. Auch Dresden sei Teil des nationalsozialistischen Systems gewesen und nicht dessen Opfer, so eine Teilnehmerin.

In diesem Jahr waren nicht nur mehr Dresdner, sondern auch erkennbar viel Politprominenz auf die Straße gegangen. Petra Pau (Linke), die Grünen Claudia Roth, Cem Özdemir, Renate Künast und Jürgen Trittin oder der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, schlossen sich dem Protest an.

Dresden wehrt sich gegen Neonazis

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In den vergangenen beiden Jahren hatten Tausende Gegendemonstranten Neonazi-Märsche durch Dresden verhindert. 2010 war es gelungen, die Rechtsextremisten direkt am Neustädter Bahnhof festzusetzen. Die Polizei nahm etliche Blockierer fest, es gab Hunderte Strafbefehle, darunter auch gegen bekannte Politiker wie den Thüringer Linken-Abgeordneten Bodo Ramelow. Im Jahr darauf ließ die Polizei eine Millionen Handydaten abfragen, um Gegendemonstranten auf die Spur zu kommen.

Außerdem stürmten Polizisten ein alternatives Jugendzentrum. 2011 lief alles aus dem Ruder, es gab heftige Ausschreitungen, Müllcontainer brannten, Scheiben wurden eingeworfen, mehr als 100 Polizisten wurden verletzt.

Autor:  Bernhard Honnigfort
Datum:  13 | 2 | 2012
Kommentare:  10
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