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Geert Wilders: Verachtung ist sein Programm

Holland wählt am Mittwoch. Der Populist und Islam-Hasser Geert Wilders gilt schon jetzt als ein Gewinner - obwohl er keinen Wahlkampf im eigentlichen Sinne macht. Von Werner Balsen

Geert Wilders provoziert, aber er diskutiert nicht.
Geert Wilders provoziert, aber er diskutiert nicht.
Foto: afp

Der Eismann erkennt ihn sofort: "Da kommt das blonde Engelchen ja." Der Verkäufer auf dem Großen Markt in Haarlem deutet auf die Gruppe, die eilig aus der Koningstraat kommt. An ihrer Spitze - gut sichtbar mit seinen hellblond gefärbten Haaren - Geert Wilders, umringt von sechs Bodyguards.

Der Blonde, von dem in den Niederlanden alle sprechen. Der Politiker, der es wie kein anderer zwischen Groningen und Maastricht versteht, zu provozieren und zu polarisieren. Der Islam-Hasser, der auch in den Nachbarstaaten Besorgnis weckt. Der pauschal auf Muslime und Einwanderer eindrischt - ganz gleich, über welches Thema er redet. Der Wahlkämpfer mit dem festgefrorenen Lächeln im Gesicht, immer gleichermaßen freundlich, egal ob die Menschen vor dem Eisstand ihm das Infoblatt seiner Partij Voor De Vrijheid (PVV) bereitwillig abnehmen oder es mürrisch ablehnen.

Zur Person

Geert Wilders (46) ist einer der bekanntesten Politiker in den Niederlanden. Berüchtigt wurde er für seine heftige ausländer- und islamfeindliche Politik, mit der er und seine Gruppierung "Partei für die Freiheit" (PVV) bei den Europawahlen 2009 und den holländischen Kommunalwahlen im März Erfolg hatten.

Am 9. Juni wählt Holland sein Parlament - Wahlforscher gehen zurzeit von einer Verdopplung der PVV-Sitze aus.

Seine politische Karriere begann Wilders in der rechtsliberalen VVD. Die war ihm 2004 zu ausländerfreundlich und er gründete die PVV, eher eine politische Gruppierung als eine Partei. (FR)

Es ist Samstag und der Mann des Lächelns macht Wahlkampf. Das sieht so aus: Die Website der Partei meldet "Kampagne in Haarlem um 13.30 Uhr. Vormittags in Den Helder". Die Polizei in dem nordholländischen Städtchen weiß, dass es am Busbahnhof losgehen wird. Dort warten bereits acht PVV-Sympathisanten und mehr als doppelt so viele Sicherheitsleute auf den Kampagnenbus, dessen Reisende in ihren weißen PVV-Plastikjacken die Zahl der örtlichen Sympathisanten verfünffachen.

Nachdem Wilders in einer schweren BMW-Limousine vorgefahren ist und seine PVV-Jacke angezogen hat, beginnt der Gang durch die Stadt, vorbei an den Obst- und Blumenständen, durch die Einkaufspassage und zurück zum Busbahnhof. Das Ganze dauert kaum eine halbe Stunde, in der Wilders und die Seinen das Blatt mit den Kernpunkten des Parteiprogramms verteilen, Bürger dem blonden Spitzenmann "viel Glück" wünschen, und der ein oder andere sich mit ihm fotografieren lassen darf. Keine Wahlkampfrede, keine politische Aussage, kein Gespräch, das länger als zwei Sätze dauert - auch keine Kritik am Islam.

Morgens im nordholländischen Den Helder, nachmittags in Haarlem westlich von Amsterdam. Wie ein Volkstribun, einer der die Massen in seinen Bann zieht, wirkt der 46-Jährige dabei eigentlich nicht - und doch darf er eine wachsende Zahl seiner Landsleute auf seiner Seite wähnen: An diesem Mittwoch wird das neue Parlament gewählt, und erste Prognosen sagten der Wilders-Partei eine Steigerung von derzeit neun auf 38 Sitze voraus.

"Wilders sucht nie die Debatte, auch im Parlament nicht", sagt Klaas Broekhuizen, der Parlamentskorrespondent der Wirtschaftszeitung Het Financieele Dagblad. "Er macht selbst in den großen Auseinandersetzungen nur kurze Statements. Dabei geht er gerne einen Schritt zu weit mit seinen islam- oder ausländerfeindlichen Provokationen. Dann reden alle von ihm."

Das sieht der Publizist Dick Pels genau so: "Der hat kein Interesse an Argumentation, der will in der Öffentlichkeit punkten, in dem er bis an die Grenze des Zulässigen geht. Mehr nicht." Dabei müsse Wilders "immer aufpassen, dass er nicht die bürgerlichen Sympathisanten erschreckt, die er auch hat", betont der für die Grün-Linke Partei arbeitende Pels. Viele von denen verprellte er etwa, als er während der Debatte über den Haushalt 2010 eine Kopftuchsteuer forderte. Dabei benutzte er nicht das übliche Wort Hoefddoek für Kopftuch, sondern sprach verächtlich von einer "Kopvodden-Tax" - was sich in etwa als "Steuer auf die Schädellumpen" übersetzen lässt: "Kop" wird im Sprachgebrauch eher für Tierschädel als für menschliche Köpfe verwendet. Das nahmen ihm auch viele Wohlmeinende übel.

Die hässliche Attacke war ein ungewöhnlicher Lapsus für einen Politiker, dem die meisten bescheinigen, er wisse genau, wie man sich sympathisch darstellen kann und wie man Stimmen fängt Wilders formuliert oft das, was viele Menschen hören wollen - so dass sie am Ende glauben: "Endlich sagt mal einer, wie es ist."

Euro-Krise? Nicht sein Thema

Nach dem vor acht Jahren ermordeten Pim Fortuyn ist Wilders der zweite niederländische Politiker, der die überaus geringe Parteienbindung der Wähler ausnutzt. Er will die große Zahl der Unentschiedenen ködern - indem er auf Verunsicherung und Ängste setzt.

Lange lief das gut für ihn. Seit einigen Wochen aber steht der nationalistische Populist vor einem Problem: Auch den Niederländern brennen derzeit andere Themen unter den Nägeln - vor allem Haushaltssanierung, Bankenkrise und Eurorettung. Probleme, bei denen viele ahnen, dass simple Lösungen nicht ziehen, und es nicht allzu überzeugend wirkt, wenn der PVV-Chef nach zwei Sätzen schon überschwenkt zu seinem Lieblingsthema, der Bekämpfung des Islam.

Deshalb verlieren Wilders und seine PVV derzeit Unterstützung. Von den 38 Sitzen, die erste Befragungen voraussagten, sind die Prognosen auf 16 bis 18 gesunken. "Das ist immer noch eine Verdopplung unserer derzeitigen Zahl und ich bin sicher, dass es am Wahltag noch ein paar Sitze mehr sein werden", gibt sich Wilders optimistisch.

Kann gut sein: Denn mehr als die Hälfte der Wähler weiß noch nicht, wem sie am 9. Juni ihre Stimme geben sollen. Egal, wie es ausgeht, eines kann Wilders sich schon jetzt zugute halten: Er hat die Politik zwischen Den Haag und Enschede verändert - alle Parteien im Land haben sich nach rechts bewegt.

Autor:  Werner Balsen
Datum:  8 | 6 | 2010
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