Ramallah. Die Mandelblüte war verfrüht. Der plötzliche Wintereinbruch hat die weiße Blütenpracht zerrupft. Die malerische Lage der Westbank-Hügel nördlich der Birzeit-Universität erschließt auch so. Es könnte schön sein, hier zu wohnen. Und das ist nicht mal ein Traum. In Hanglage zwei benachbarter Anhöhen soll eine neue palästinensische Stadt entstehen - die erste seit hunderten von Jahren.
Rawabi wird sie heißen, was auf Arabisch Hügel heißt. Ein ehrgeiziges Projekt in jeder Hinsicht. Es handelt sich um die größte Investition, die in den Autonomiegebieten je gemacht wurde. 500 Millionen US-Dollar sind für die erste Phase veranschlagt. Geld, das zu zwei Dritteln aus dem Golfstaat Katar kommt und zu einem Drittel von der palästinensischen Baufirma Massar.
Seit Anfang Januar planieren Bulldozer und Bagger die Infrastruktur. Rawabi ist ausgelegt als moderne Stadt: Kindergärten, Kinos, neueste technische Kommunikation, alles inbegriffen. Baschar Masri, Chef von Massar, spult die Details in seinem ultraschicken Büro in Ramallah ab wie am Schnürchen. In vier- bis sechsstöckigen Apartmentblocks sollen 5000 Wohnungen entstehen, in zweieinhalb Jahren die ersten Palästinenser einziehen. Der Hauskauf wird 20 bis 30 Prozent günstiger sein als im neun Kilometer südlich gelegenen Ramallah, wo die Autonomieregierung sitzt und die Nachfrage nach Wohnraum konstant steigt. Rawabi, da sind die Investoren zuversichtlich, wird auch private Häuslebauer anziehen. Die zunächst für 25.000 Einwohner geplante Stadt, ist Masri überzeugt, werde schnell auf doppelte Größe wachsen.
Noch hängt das Projekt aber am seidenen Faden. Die über sechs Millionen Quadratmeter, die das Stadtgebiet umfassen soll, liegen zwar zu über 90 Prozent im vollautonomen A-Gebiet. Nur, die nötige Zufahrtstraße von Birzeit nach Rawabi muss auf 2,8 Kilometer Länge von Israel kontrolliertes C-Gebiet durchkreuzen.
Ateret, eine israelische Siedlung, liegt in der Quere. Man muss wissen, um Ateret herum ist - wie in allen Westbank-Kolonien, in denen jüdische Siedler leben - eine große Sicherheitszone ausgewiesen. Eben das besagte C-Gebiet, das insgesamt 60 Prozent des Westjordanlandes einnimmt. Palästinenser dürfen ohne Erlaubnis der israelischen Militärverwaltung dort nichts tun. Doch die hält sich zur Zeit bedeckt, was den gewünschten Straßenbau anlangt. Vor anderthalb Jahren gab es eine Zusage im Grundsatz. Seitdem ist nichts geschehen. "In zwei Monaten werden wir Probleme haben, falls wir die Straße nicht bekommen", fürchtet Masri. Spätestens dann, wenn Betonmischer, Baukräne und Schwerlaster mit Materialien anrücken müssen.
Trotz mehrmaliger Nachfrage der FR blieb eine israelische Stellungnahme aus. Verteidigungsministerium und zivile Militärverwaltung schieben die Zuständigkeit auf die jeweils andere Behörde. Der Verdacht liegt nahe, dass Israel auf stur schaltet, solange im Friedensprozess Stillstand herrscht. Dabei sollte das Rawabi-Projekt, das zehntausende Jobs produzieren wird, eigentlich Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gefallen. Lautet doch seine Maxime, dass "ökonomisches Wachstum für jeden gut ist und ganz sicher für Frieden".
Genauso passt Rawabi zum Konzept des palästinensischen Premiers Salam Fayyad, die Autonomiegebiete binnen zwei Jahren staatsreif zu machen. Schon jetzt mangelt es in der Westbank an rund 200.000 Wohnungen. Sollten sich irgendwann Flüchtlinge fest ansiedeln, dürfte der Bedarf dramatisch steigen. "Schon vor dem Verkaufsmarketing", berichtet Masri, "sind wir bombardiert worden mit Anfragen." Darunter eine Frau, die unbedingt 15.000 Schekel für ihren Bruder anlegen wollte, der bald aus dem israelischen Gefängnis komme und sich eine gute Zukunft aufbauen solle. 6000 Kaufwillige haben sich bereits registrieren lassen.
Masri selbst findet, dass das Architekturmodell Rawabi mit dem Stadtzentrum auf der Höhe und den terrassenförmig angelegten Wohnklötzchen für sich spricht. Hunderte Hürden habe man bei der Planung bereits genommen. Die begeisterten palästinensischen Reaktionen seien es, die "über allen Frust hinweg helfen" - auch über den Nervenkrieg mit Israel um eine 2,8 Kilometer lange Straße.
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