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Geheimdienste: Die Spione, die sich foppten

Mindestens 12.000 kleine und große Spitzel beim Klassenfeind: Wie die DDR der BRD einmal den Rang ablief.

Die Sache stinkt: Geruchsproben aus dem Stasi-Archiv.
Die Sache stinkt: Geruchsproben aus dem Stasi-Archiv.
Foto: ddp

William Borm war ein seltsamer Freidemokrat. Sogar Parteifreunde wunderten sich gelegentlich über den Linken in ihren eigenen Reihen, der in den 60ern für eine Wiederzulassung der KPD stritt, in den 70ern eine Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft verlangte und anfangs der 80er seinen Außenminister Hans-Dietrich Genscher anblökte. Dieser hatte sich nach Meinung Borms eines "finalen Hinwirkens auf die Wiedervereinigung" schuldig gemacht. So war er, der Borm. Und so durfte er sein. Immerhin hatte er als junger Mann neun Jahre lang im DDR-Knast gesessen. So einer war unverdächtig.

Dumm nur, dass sich später herausstellte: "Sir William", wie Freunde ihn respektvoll nannten wurde, war nicht nur Mitglied des FDP-Bundesvorstands, sondern auch verdienter Mitarbeiter der Stasi. Rund 30 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1987. Er ruht trotzdem in einem Ehrengrab auf dem städtischen Friedhof Berlin-Zehlendorf. Ein Mahnmal dafür, wie sich "Freiheitliche" in ihrem Freiheitsbegriff verheddern können.

Heute weiß man: William Borm war einer von vielleicht 12.000, vielleicht auch mehr. So viele kleine und große Spitzel beim Klassenfeind heuerte die DDR im Laufe ihres 41-jährigen Daseins an. Ganz genau weiß man es nicht. Ganz genau will es wohl auch nicht jeder wissen. Aber dazu später. Klar ist: Das gegenseitige Durchdringen mit Lauschsubjekten gehörte hüben wie drüben zu den Grundregeln des Spiels "Kalter Krieg". Immerhin dabei hatte die DDR stets die Nase vorn.

In allen Parteien, auch der CDU, wirkte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) mit. 1972 bestach die Stasi unter anderem den CDU-Bundestagsabgeordneten Julius Steiner, damit Kanzler Willy Brandt ein Misstrauensvotum überstand. Der Kohl-Vertraute Hans-Adolf Kanter brachte es auf runde 40 Jahre Spitzeldienst für den Osten. Daneben galt das besondere Interesse der Stasi etwa 1000 Zielobjekten in der BRD; mehr als 150 "feindlichen" Gruppen - darunter die Zeugen Jehovas - ließ sie ihre Fürsorge angedeihen. Selbst im Bundesnachrichtendienst, ihrem West-Gegenüber, platzierte sie Spione, die so freilich nicht heißen wollten. Die BND-Regierunsdirektorin Gabriele Gast jedenfalls sah sich als "Kundschafterin des Friedens".

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Für die Rekrutierung von "Perspektivagenten" schienen den Horchern und Guckern vor allem westdeutsche Universitäten geeignet. Mitte der 70er Jahre soll es 170 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) an BRD-Hochschulen gegeben haben, darunter neben Studenten etliche Professoren. Berlin als Zentrum der Studentenbewegung war vorne dran: Mehrere SDS-Funktionäre in der geteilten Stadt wurden später als Stasi-Zuträger enttarnt.

Soviel staatliche Neugier stieß im Westen auf Unbehagen, zumal die dortigen Versuche der Gegen-Spionage oft genug glücklos blieben. "Wir wissen heute, dass die Stasi so gut wie jede Quelle des BND in der DDR kannte", sagte der langjährige BND-Mitarbeiter Norbert Juretzko am Dienstag der FR. MfS und BND "haben in völlig unterschiedlichen Ligen gespielt", so der frühere SPD- und heutige Linken-Politiker. Der Ost-Dienst habe sogar böse Spielchen mit den überforderten Westkollegen getrieben: Einmal im Jahr habe das MfS Observanten ausgebildet, die "Abschlussprüfung" habe in der Regel auf dem Bonner Platz in München stattgefunden - just dort, wo der BND seine geheime DDR-Aufklärungsstelle unterhalten habe.

Gelegentlich meldete der West-Dienst Erfolge, etwa 1979, als der MfS-Oberleutnant Werner Stiller spektakulär zum Klassenfeind überlief. "Aber wir wissen bis heute nicht, ob Stiller womöglich geschickt wurde", so Juretzko.

Was genau der BND im Lauf der Jahrzehnte in der DDR so tat, wüsste man gerne. Der Dienst gibt sich jedoch schmallippig. Gerade mal 2000 Akten soll er bislang ans Bundesarchiv übergeben haben. Ein Witz im Vergleich zu den 160 laufenden Kilometern, die in der Birthler-Behörde lagern.

Dass man trotzdem noch immer erstaunlich wenig weiß über das Wirken der Stasi in westdeutschen Parteien, Kirchen, Gewerk- und Studentenschaften, muss kein Zufall sein: Nicht jeder in Großdeutschland dürfte überwältigendes Interesse an Aufklärung haben. 1990, als CDU-Innenminister Peter-Michael Diestel in der scheidenden DDR das Kommando übernahm, ging die Aktenvernichtung munter weiter. Eine Öffnung der Stasi-Akten erzwangen erst Bürgerrechtler per Hungerstreik. Der Einigungsvertrag von 1990 hatte sie nicht vorgesehen.

Autor:  JÖRG SCHINDLER
Datum:  27 | 5 | 2009
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