Kaum waren die rund 75.000 Militärdokumente und Frontberichte aus sechs Kriegsjahren am Hindukusch im Internet zu lesen, da lief in Washington auch schon die Operation Schadensbegrenzung an. „Unverantwortlich“, empörte sich der nationale Sicherheitsberater James Jones in einer vorbereiteten Erklärung über den jüngsten Coup des Internet-Portals Wikileaks: Die Enthüllungen könnten „das Leben von Amerikanern und unserer Partner gefährden und bedrohen unsere nationale Sicherheit.“
Was Wikileaks da im Datennetz veröffentlicht und zuvor der New York Times, dem Spiegel und dem britischen Guardian zur Einsicht gegeben hatte, ist ein gewaltiger Berg geheimer Militärunterlagen, den die US-Regierung aus vielerlei Gründen gern unter Verschluss gehalten hätte. Anders als 1971 bei den berühmten „Pentagon Papers“ zum Vietnamkrieg geht es zwar nicht um die Lügen von Präsidenten oder illegale Flächenbombardements von Drittstaaten. Doch was die Feldberichte von US-Soldaten aus den Jahren 2004 bis 2009 zeichnen, ist laut New York Times ein „ungeschminktes Bild vom Krieg in Afghanistan, das vielfach düsterer ausfällt als die offizielle Darstellung“.
Die Empörung in Washington ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass die Regierung von Präsident Barack Obama drei Monate vor der Kongresswahl kein Interesse an einer neuen Debatte hat. Der Krieg am Hindukusch ist in den USA unpopulär – vor allem in Obamas eigener Partei. Mit dem einflussreichen Vorsitzenden des außenpolitischen Ausschusses im Senat, John Kerry, preschte am Montag ein Skeptiker vor: „Wie illegal auch immer diese Dokumente ans Licht gekommen sind, sie werfen ernste Fragen zur US-Politik gegenüber Afghanistan und Pakistan auf.“
Das Weiße Haus verlegte sich demgegenüber auf eine aggressive Abwehrstrategie. Die Bedeutung der Papiere wurde heruntergespielt: Meist stammten sie aus der Amtszeit von Ex-Präsident George W. Bush, bevor Obama im Dezember 2009 die neue Afghanistan-Strategie verkündet habe, erklärte das Präsidialamt – als hätte sich die Lage am Hindukusch seither gebessert. In ungewöhnlich scharfer Form wurde auch Wikileaks angegriffen: Die Enthüllungs-Spezialisten seien nicht objektiv, sondern „eine Organisation, die die US-Politik in Afghanistan ablehnt“.
Schon seit Monaten spielt Wikileaks mit dem Pentagon Katz und Maus, tauchen geheime Militärdokumente auf, versuchen Ermittler, die anonymen Quellen des Internet-Portals aufzuspüren. Nachdem Wikileaks im April ein Video über einen blutigen Hubschrauberangriff in Bagdad veröffentlicht hatte, bei dem 2007 zwölf Zivilisten ums Leben kamen, war der US-Gefreite Bradley Manning verhaftet worden. Der 22-Jährige hatte als Analyst beim US-Militärgeheimdienst im Irak gearbeitet. Manning soll eine Sicherheitslücke im Computersystem des Verteidigungsministeriums genutzt haben, um Tausende Datensätze zu kopieren. Aufgeflogen war er, weil er gegenüber dem Ex-Hacker Adrian Lamo mit seinem Klau geprahlt hatte. Wer immer der Whistleblower-Plattform nun die Afghanistan-Papiere zugespielt hat, dürfte ebenfalls Uniform tragen und an den Tastaturen des Pentagon sitzen.
Guttenberg: Mehr „Offenheit“
Die Reaktionen in Deutschland auf die Veröffentlichung fielen zurückhaltend aus. Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sprach sich für einen offeneren Umgang mit dem Afghanistan-Einsatz aus. In den vergangenen Jahren seien „Realitäten weichgezeichnet worden“, sagte Guttenberg am Montag dem TV-Sender Phoenix. Er betonte aber, die Information über den Afghanistan-Einsatz müsse ihre Grenzen haben. Ein Übermaß könnten sich die Taliban zunutze machen. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte, die Dokumente würden auf neue Erkenntnisse hin ausgewertet und auch darauf hin, ob durch die Veröffentlichung „ein Risiko für unsere Frauen und Männer der Bundeswehr“ entstehe. Der Zeitplan für den Afghanistan-Einsatz bleibe aber unverändert. (mit dpa/afp)
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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