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Geiselhaft zerstört Ehe: Scheidung auf Kolumbianisch

Die Ex-Geisel Ingrid Betancourt trennt sich von ihrem Mann und gerät ins Zwielicht.

Kratzer am Heiligenschein: Ingrid Betancourt.
Kratzer am Heiligenschein: Ingrid Betancourt.
Foto: afp

Die Ankündigung kommt nicht überraschend: Ingrid Betancourt, die jahrelang bei den kolumbianischen Rebellen in Geiselhaft war, will sich nun scheiden lassen. Ihr Mann Juan Carlos Lecompte, der die Kampagne zur Freilassung seine Ehefrau geleitet hat, hatte kürzlich in einem Interview gesagt, heute erschienen ihm diese sechs Jahre des Kampfes für Ingrid als "Zeitverschwendung", so kühl wie sie zu ihm sei. Schon im Juli, als Betancourt zusammen mit anderen Geiseln freikam, behandelte sie ihren Mann mit offenkundiger Distanz.

Wie die Zeitschrift Semana berichtet, wird der Scheidungsantrag mit der langen Trennung der Eheleute begründet. Lecomptes Anwälte weisen das jedoch mit dem Argument ab, die Trennung durch Geiselhaft sei nicht freiwillig gewesen. Sie wollen selber die Scheidung beantragen, weil Ingrid Betancourt ihrem Mann während der Gefangenschaft im Dschungel untreu gewesen sei.

Dass die Geiselhaft Ehen und andere menschliche Beziehungen zerstört, diese Erfahrungen haben viele derer machen müssen, die jahrelang in der Gewalt der kolumbianischen Farc-Guerrilla waren. Aber im Falle von Ingrid Betancourt, der prominentesten unter den hunderten von Farc-Geiseln, stellt die Öffentlichkeit einen Zusammenhang her zwischen dem Scheitern der Ehe und dem zunehmend negativen Bild, das seit ihrer Freilassung entstanden ist.

Die Ex-Politikerin, die 2002 als Präsidentschaftskandidatin für die unbedeutende grüne Partei auf einer Wahlkampfreise gekidnappt wurde, geriet erstmals Ende Februar offen ins Zwielicht. Drei Amerikaner, die zeitweise mit ihr in Haft waren und zugleich mit ihr freikamen, legten ein Buch über ihre jahrelange Gefangenschaft vor, in dem Ingrid als arrogant, herrschsüchtig und egoistisch dargestellt wird. Also ein krasser Gegensatz zu dem Bild, das im Ausland von ihr gezeichnet wurde, übrigens mit fachlicher Mitwirkung ihres Ehemanns, eines Werbeprofis. Während es bisher als Tabu galt, intime Dinge aus dem Leben der Geiseln auszuplaudern, berichteten die drei Amerikaner unverblümt, Ingrid habe das Bett mit einem Mitgefangenen, dem Ex-Senator Luis Eladio Pérez, geteilt - Basis des Scheidungsantrages von Lecomptes Anwälten. Die Ehefrau des Senators hatte kürzlich dazu geäußert, bei allem, was ihr Mann erlebte, stehe es ihr nicht zu, ihn zu kritisieren oder anzuklagen.

"Undankbarkeit" warf ihr, kaum war das Buch der Amerikaner erschienen, auch Noel Sáez vor, ein französischer Diplomat, der jahrelang hinter den Kulissen mit der Farc über Ingrids Freilassung verhandelt hat. "Ich habe mein Leben für sie riskiert", sagte Sáez verärgert in einem Interview, aber von ihr "kam nicht das kleinste Signal, kein Treffen, kein Anruf, nichts. Sie war undankbar".

Anders als im Ausland, vor allem in Frankreich, wo man sie zu einer heiligen Heldin stilisiert hatte und sogar für den Friedensnobelpreis vorschlug, sah man sie in Kolumbien stets mit sehr viel Skepsis. Dort war sie eine unwichtige Politikerin, die sich zwar für soziale Gerechtigkeit einsetzte, was aber auf Misstrauen stieß, da sie aus der Oberschicht kommt.

Außerdem empfanden viele Kolumbianer ihre "Vergötterung" im Ausland als Missachtung des Schicksals von Tausenden anderer Entführungsopfer, über das außerhalb Kolumbiens kaum jemand sprach. Dass sich Frankreich für Betancourt, die auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, besonders eingesetzt hat, verstärkte diesen Eindruck.

Autor:  WOLFGANG KUNATH
Datum:  17 | 3 | 2009
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