Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe, dessen Vater bei einem Entführungsversuch ums Leben gekommen ist, verweist gerne auf die Erfolge seiner Politik der harten Hand. So ist die Farc, Kolumbiens größte Guerillagruppe, derzeit so schwach wie nie zuvor. Die Kämpfer desertieren dutzendweise. Im Mai vergangenen Jahres konnte die Armee die Rebellen bei einer spektakulären Militäraktion überrumpeln und ihre prominenteste Geisel, Ingrid Betancourt, befreien.
Mehr als 1500 Entführte sind auf der Homepage von "Las voces del secuestro" noch immer aufgelistet, Monat für Monat kommen Dutzende neue Namen hinzu. Soldaten, Politiker und Polizisten, Kinder und Greise, Arme und Reiche. Einige von ihnen vegetieren seit mehr als zehn Jahren in versteckten Dschungelgefängnissen vor sich hin.
Herbin Hoyos wurde auch entführt. Am 13. März 1994 verschleppte die Farc den Rundfunkjournalisten nach seiner abendlichen Politiksendung in die Berge, sie hatten ihm vor dem Rundfunkgebäude aufgelauert. Obwohl erst 24 Jahre alt, war Hoyos damals schon prominent in Kolumbien. Als Kriegsberichterstatter hatte er aus Palästina, Tschetschenien und dem Balkan berichtet. Jetzt wollten die Rebellen, dass er ihre Propaganda per Radio verbreitet.
In einem Lager der Linksguerilla traf er einen hageren, alten Mann. Er war an einem Baum gekettet worden, kauerte unter einer Plastikplane und presste sich einen Weltempfänger ans Ohr. "Als er mich erkannte, fragte er mich: ,Warum machen all die Journalisten kein Programm für uns Entführten, warum lassen sie nicht unsere Familien zu Wort kommen, warum lassen sie uns keine guten Nachrichten zukommen?'" Wenige Tage später, nach mehr als zwei Wochen in den Händen der Guerilleros, wurde Hoyos von der Armee befreit. Die Idee für die "Stimmen der Entführung" nahm er mit zurück in die Zivilisation. "Seitdem sind wir auf Sendung - fast 15 Jahre ohne Unterbrechung", sagt Hoyos.
Gesendet wurde schon damals nur nach Mitternacht, weil dann der Empfang im Urwald am besten ist und der Krieg Pause macht. Die anfänglichen 15 Sendeminuten waren jedoch schon bald zu wenig. Zu viele Menschen wollten zu ihren Angehörigen sprechen, auch wenn sie dafür mitten in der Nacht nach Bogotá kommen oder stundenlang in der Telefon-Warteschleife ausharren mussten. So wurden aus einer Viertelstunde schon bald drei Stunden.
Heute ist Hoyos sechs Stunden auf Sendung. Die Botschaften an die Verschleppten sind in rund 150 Ländern der Welt zu empfangen, unterbrochen lediglich von Nachrichten und gelegentlicher Eigenwerbung des Senders. Dazwischen Schicksale im Drei-Minuten-Takt. "Erinnerst du dich, als wir uns das erste Mal gesehen haben, als du zu mir nach Hause kamst? Erinnerst du dich daran, wie du mich an deinem Geburtstag zum allerersten Mal geküsst hast?", fragt eine junge Frau mit bebender Stimme ihren Verlobten, den sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Nun fleht sie ihn fast an: "Du sollst fröhlich sein, die Erinnerungen an unsere ersten Stunden sollen dir Kraft geben weiterzuleben, bis du freikommst." Nach ihr ist Ana Elvia Castro Mora an der Reihe. Zwei Stunden hat sie neben Moderator Hoyos darauf gewartet, zu ihrem Sohn sprechen zu können: "Ich denke immer an dich, zu jeder Tageszeit, zu jeder Stunde, in jedem Augenblick."
Die Nachrichten in dieser Nacht ähneln sich, es geht um Einsamkeit, Trost, Hoffnung und Liebe. Weinende Mütter und um Haltung bemühte Väter versuchen in einer Art gesprochenem Tagebuch ihre Liebsten zumindest für einen Moment an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Da erzählt eine Frau aus der Küstenstadt Santa Marta ihrem Mann, dass sie das Haus endlich umdekoriert hat. Ein junger Mann schildert seinem Bruder die Geburtstagsfeier der Großmutter, und ein Junge, der erst nach der Entführung seines Vaters zur Welt kam, erzählt von seinen Milchzähnen.
Auch wenn sie nicht einmal wissen, ob sie überhaupt zuhören können, ob sie nicht schon lange tot sind. Verscharrt irgendwo im Dschungel, wertlos geworden für ihre Entführer. Viele brechen bei den stundenlangen Gewaltmärschen durch den feuchtheißen Dschungel zusammen, ausgemergelt durch Tropenkrankheiten, deprimiert von den immer wieder scheiternden Verhandlungen und den nicht enden wollenden Tagen. Der Freitod scheint ein möglicher Ausweg aus dem Martyrium.
"Ein Ziel meiner Sendung ist es, eben dies zu verhindern", sagt Hoyos, "die Entführten sollen wissen, dass sie nicht allein sind, dass hier jemand auf sie wartet." Viele Geiseln, die ihr Martyrium im Dschungel überlebt haben, kommen bald nach ihrer Befreiung ins Studio, zur "Umarmung der Freiheit", wie Hoyos sagt, als lebender Beweis, dass die Hoffnung der Entführten nicht vergebens ist. Mehr als 11 000 waren es bislang, die Hoyos in die Arme schließen konnte. In dieser Nacht sind es Leutnant Raymundo Malagón und der Sanitäts-Unteroffizier William Pérez Medina.
Am 2. Juli des vergangenen Jahres sind sie gemeinsam mit der französisch-kolumbianischen Politikerin Ingrid Betancourt und zwölf weiteren Geiseln von der Armee befreit worden. Er habe es sich immer ausgemalt, wie es wohl sei, wenn er irgendwann hier im Studio sitzen könne, sagt William Pérez Medina. "Und jetzt ist es unbeschreiblich, dieses Gefühl, wirklich hier zu sein." Ein Drittel seines Lebens hat er in Geiselhaft verbracht. Schmächtig ist er, schüchtern wirkt er. Aber nun umarmt er Herbin Hoyos innig, "Gracias Don Herbin". Der versucht erst gar nicht, seinen Stolz zu verbergen und verkündet mit Pathos in der Stimme: "Bienvenido a la libertad", willkommen in der Freiheit.
Später, nach der Sendung wird der Radiomacher erklären, dass es eben diese Momente seien, die ihn und seine Unterstützer für ihr ehrenamtliches Engagement und die Entbehrungen entschädigen. Hoyos, ein kleiner Mann mit einem großen Ego, zahlt einen hohen Preis für sein Tun. Er bekommt Morddrohungen, wird rund um die Uhr von Bodyguards begleitet. Drei Attentate hat er schon überlebt, seine Familie lebt an einem geheimen Ort. Warum er all das auf sich nimmt? "Es ist meine Bestimmung. Ich schulde es dem alten Mann im Dschungel." Und dann fügt er leiser an: "Ich hoffe, dass ich irgendwann keine Zuhörer mehr habe. Bis dahin mache ich aber weiter."
Die meisten Angehörigen dieser Nacht sind schon nach Hause gegangen. Eine kleine Gruppe aber ist bis sechs Uhr morgens geblieben. An der Seite Hoyos' verlässt sie das Studio - mit müden Augen, aber der stillen Gewissheit, dass jetzt, wo es in den Bergen und Wäldern Kolumbiens dämmert, da draußen einige Geiseln neuen Mut geschöpft haben, weiterzuleben.
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