Otto Schily
Die Gründungszeit der Grünen war aufregend, interessant, teils auch etwas deprimierend. Ich habe mich aus der alternativen Bewegung zum ersten Mal in einen Parteienzusammenhang gewagt. Das hat mich für die politische Praxis nachhaltig geprägt: mein erster Wahlkampf, Flugblätter verteilen auf den Straßen Düsseldorfs; die interessante, aber spannungsreiche Zusammenarbeit mit Joseph Beuys; dazu eine Partei, die sich selbst noch finden musste.
Als wir bei unserer ersten Bundestagswahl 1980 nur 1,5 Prozent bekamen, empfanden das viele als fürchterliche Niederlage. Keiner in unserem kleinen Quartier in Bonn wollte sich dazu im Fernsehen äußern. Aber ich sagte, immerhin haben wir die 0,5-Prozent-Hürde geschafft, wir bekommen Wahlkampfkostenerstattung! So konnte sich die Partei stabilisieren, wir waren ja nicht mit Glücksgütern gesegnet.
An die Jahre im Bundestag habe ich viele positiven Erinnerungen: die Arbeit mit Joschka Fischer und im Flick-Untersuchungsausschuss, viele spannende Debatten - um Nachrüstung, Demokratisierung und so weiter.
Sicher sind nicht alle Ziele, die wir uns damals erträumten, heute erreicht. Aber die Grünen haben in den 30 Jahren eine erstaunliche positive Entwicklung genommen. Als wir 1983 als "Anti-Parteien-Partei" in den Bundestag kamen, war ich der Einzige, der fand, wenn man ins Parlament kommt, muss man auch Willen zur Regierungsverantwortung haben. Dafür wurde ich als Verräter an den Idealen geschmäht. Selbst mein Freund Joschka war da noch sehr zurückhaltend.
Aber viele, die ja aus der katholischen Jugend und den K-Parteien kamen, machten riesige Lernprozesse durch. Neben der Leistung, das Öko-Thema etabliert zu haben, war die Einbindung der APO ins demokratische System die große Leistungen der Grünen. Das trug viel zur Stabilisierung der Gesellschaft bei.
Ich selbst war des parteiinternen Streits 1989 müde: Ich wollte mich mit dem politischen Gegner streiten, nicht immer mit Herrn Ebermann und Frau von Ditfurth! Mit denen konnte man sich nicht mal auf Selbstverständliches einigen wie darauf, dass in der Demokratie der Staat das Gewaltmonopol hat.
Da sich inzwischen die SPD stark unseren Ideen geöffnet hatte, fühlte ich mich dort dann besser aufgehoben. Und: Wie das es Schicksal wollte, war ich nachher dann doch mit den Grünen in einer Regierung! Und jetzt sind sie ja bald bei Schwarz-Grün - eine erstaunliche Entwicklung.
Natürlich müssen die Grünen wegen ihrer Klientel immer darauf achten, besonders jung und modern zu bleiben - da haben sie ja gerade kleine Schwierigkeiten. Aber ich bin sicher, das Umweltthema wird ein wichtiges bleiben. Und weil den Grünen darin keiner ihre Kernkompetenz streitig machen kann, bleiben sie sicher eine feste Größe im deutschen Parteienspektrum.
Otto Schily (77), in Bochum und Bayern aufgewachsen, seit 1963 Rechtsanwalt, war 1980 Mitbegründer der Bundespartei Die Grünen und 1983 Vorsitzender der ersten Bundestagsfraktion. 1989 wechselte er zur SPD und war 1998 bis 2005 Bundesinnenminister. Er verließ den Bundestag 2009 und betreibt heute eine Kanzlei in Berlin.
Aufgezeichnet von Steven Geyer
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