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Gesellschaft: Krankes Japan

Kann eine Gesellschaft krank sein? Durchaus, wie der Blick nach Japan zeigt. Drei Symptome, die darauf hindeuten:

KAROSHI

Schuften bis zum Umfallen oder anders gesagt: Tod durch Überarbeitung im Job ist in Japan seit Jahrzehnten so alltäglich, dass es ein eigenes Wort dafür gibt: "Karoshi". Meist sterben die Betroffenen, fast ausschließlich Männer, an Schlaganfall oder Herzinfarkt nach monatlich 60, 80, 100 Überstunden.

So verbreitet ist das Problem, dass sich mehrere dutzend japanische Kliniken auf karoshi-gefährdete Patienten spezialisiert haben. Es gibt eine landesweite Hotline und ein Gesetz, wonach Arbeitgeber die Hinterbliebenen von Karoshi-Opfern entschädigen müssen.

Die japanische Regierung führt inzwischen Statistiken mit teils mehreren hundert Karoshi-Toten jährlich. Hinzu kommen ähnlich hohe Zahlen für Suizide, die auf Berufsstress zurückgeführt werden.

Das Phänomen Karoshi wurzelt im rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Japans nach dem Zweiten Weltkrieg und der traditionell starken Opferbereitschaft japanischer Arbeitnehmer für ihre Firma. Der Boom ist zwar vorbei, aber die Angst vor Jobverlust und der Zuwachs der Zeitverträge - jeder dritte Job ist befristet - haben den gleichen Effekt.

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hat mehrfach gerügt, in Japans Arbeitsrecht fehlten verpflichtende Obergrenzen für Überstunden.

In der Tat ist Mehrarbeit, und zwar unbezahlte, in Japan die Regel. Der Autokonzern Toyota etwa, der schon mehrfach zu Entschädigungen für Verwandte von Karoshi-Opfern verurteilt wurde, zahlt erst seit Mai 2008 - und nur für einen Teil der Überstunden.

HIKIKOMORI

Es fängt meist an mit Schule schwänzen und endet in monate- oder jahrelanger Selbstisolation hinter den eigenen vier Wänden: Rund eine Million junge Japaner, schätzt der Psychologe Tamaki Saito, flüchten auf diese Weise vor dem hohen Leistungsdruck der Gesellschaft ins Nichtstun oder Dauersitzungen vor dem PC.

Andere Experten gehen von einigen hunderttausend aus. Hikikomoris ("die sich einschließen") heißen diese Menschen, deren Zahl die Regierung zurückhaltend auf "nur" 50.000 schätzt. Saito hat seit Mitte der 80er etwa 1000 Betroffene behandelt und auch den Namen Hikikomori geprägt.

Er sieht vor allem Jungen gefährdet, denn Söhne, besonders die ältesten, seien hohem elterlichem Erwartungsdruck ausgesetzt: "Wer es nicht auf eine Elite-Uni oder in ein Top-Unternehmen schafft, gilt als gescheitert."

Habe sich jemand erst mal ein Jahr abgekapselt, finde er meist nicht mehr in den Alltag zurück, so der Psychologe. Experten verweisen überdies darauf, dass Wirtschaftskrise und fehlende Perspektiven für Junge die Ausstiegstendenzen noch befördern.

PARASAITO SHINGURU

Dass junge Männer und Frauen bis in ihre 30er Jahre hinein bei den Eltern leben, ist in Japan seit Ende der 70er Jahre zu einem Massenphänomen geworden. "Parasitäre Singles" taufte der Wissenschaftler Masahiro Yamada diese Gruppe, die allerdings auch in den westlichen Staaten wächst.

Neben dem angenehmen "Hotel-Mama"-Faktor (Essen wird gekocht und die Wäsche gewaschen) werden die jungen Japaner aber auch durch wirkliche Nöte in die familiäre Wohngemeinschaft gezwungen: Der Wohnraum ist extrem teuer, vor allem in den Städten, und die andauernde Misere auf dem Arbeitsmarkt macht den jungen Leuten eine finanzielle Selbstständigkeit oft unmöglich.

Das Leben als "parasaito shinguru" wird auch mitverantwortlich gemacht für die gesunkene Geburtenrate in Japan: Das Heiratsalter steigt weiter und damit auch das Alter der Eltern bei der Geburt des ersten Kindes. rü

Datum:  28 | 8 | 2009
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