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14. August 2012

Gesundheit: Die Organspende-Weltrekordler

 Von Martin Dahms
Eine Niere wird verpflanzt: Organtransplantationen wie diese wurden 2011 in Deutschland 1200 Mal vorgenommen. Zugleich warteten 12.000 Menschen auf ein Spenderorgan. In Spanien wären ihre Chancen auf Hilfe doppelt so hoch.  Foto: dapd/Al Hartmann

Spaniens Transplantationssystem funktioniert vorbildlich. Dabei sind die Spanier gar nicht spendewilliger als andere

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MADRID –  

Bis zu jenem Tag im Dezember 2004 hatte es das Schicksal gut gemeint mit Jacobo Elosua. Der damals 30-Jährige arbeitete als Investmentbanker in London, seit einem halben Jahr war er glücklich verheiratet. Als er über Weihnachten in seine Heimatstadt Vigo im Nordwesten Spaniens flog und etwas trinken gehen wollte, spürte er, wie ihm die Luft wegblieb. „Ach, irgendeine Kleinigkeit“, dachte er und fuhr doch erst in den Skiurlaub. Dort aber nahmen seine Atembeschwerden zu. Zurück in Vigo, erfuhr er vom Arzt, „dass es ernst war“. So ernst, dass anderthalb Jahre später der Tod bei ihm anklopfte. Lungen-Histiozytose X hieß die unheilbare Krankheit. Eine Lungentransplantation rettete ihm das Leben.

Jacobo Elosua lebt, weil ein anderer starb und dessen Angehörige in die Organspende einwilligten. Elosua weiß nicht, wo er seinen Dank loswerden soll. „Ich hätte mich gern persönlich bei den Angehörigen bedankt. Aber es ist nicht vorgesehen, dass du Kontakt zur Familie des Spenders hast“, sagt er. Also macht sich Elosua, indem er seine Geschichte erzählt, zum Werber für die Organspende. Denn: „Ich finde, dass ich noch in der Schuld des Systems stehe.“

Sensibilisierung ist nutzlos

Das System, von dem Elosua spricht, ist das spanische Transplantationssystem. Es ist, gemessen an der Zahl der Organspender, das erfolgreichste der Welt. In keinem anderen Land wäre Elosuas Leben mit größerer Wahrscheinlichkeit durch ein Spenderorgan gerettet worden als in Spanien. Pro Million Einwohner gibt es dort 35 Organspender, mehr als doppelt so viele wie in Deutschland. „Wir geben nicht vor, die Besten in allen Aspekten der Transplantation zu sein“, sagt Rafael Matesanz, Direktor der Nationalen Transplantationsorganisation (ONT). „Was wir beitragen, sind Strategien, um die Organspende zu verbessern.“

Als der heute 62-jährige Nierenfacharzt 1989 die ONT ins Leben rief, hatte Spanien ungefähr dieselbe Spenderrate wie heute Deutschland. Dass sich diese Rate seitdem mehr als verdoppelt hat, liegt nicht daran, dass sich die Spendebereitschaft der Spanier entscheidend verändert hätte. Auf die Eurobarometer-Frage: „Wären Sie bereit, eines oder mehrere Ihrer Organe nach Ihrem Ableben zu spenden?“, antworten 57 Prozent der Spanier mit Ja – das ist nicht mehr als europäisches Mittelfeld. „Es gibt keine Korrelation zwischen der Spendebereitschaft einer Bevölkerung und der Zahl der effektiven Spender“, sagt Matesanz. „Manche Länder geben sehr viel Geld für Sensibilisierungskampagnen aus. Die sind völlig nutzlos. Sie überzeugen nur den, der schon überzeugt ist.“

Statt zu versuchen, aus den Spaniern bessere Menschen zu machen, hat sich die ONT darauf beschränkt, die Organisation der Organspende zu verbessern. Entscheidend für den Erfolg eines Transplantationssystems ist seine Fähigkeit, „die potenziellen Spender auch wirklich zu entdecken“, sagt Matesanz. „Und genau darin, im Entdecken, ist das spanische System wirklich sehr effizient.“

Schlüsselfiguren dieses Systems sind die Transplantationskoordinatoren, die in allen 180 Krankenhäusern mit Intensivstation ein Auge auf mögliche Organspender haben. Weil Spaniens staatliches Gesundheitswesen verhältnismäßig wenige, dafür aber große Kliniken betreibt, gewinnen die Koordinatoren schneller Erfahrung mit dem Erkennen potenzieller Organspender. In Deutschland gibt es nicht 180, sondern knapp 1 400 Krankenhäuser mit Intensivstation – unter Organspendeaspekt „ein Wahnsinn“, findet Rafael Matesanz.


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Den Transplantationskoordinatoren – allesamt ausgebildete Intensivmediziner – fällt eine schwierige Rolle zu: Als Ärzte müssen sie ihre Patienten, für deren Wohlbefinden sie zuständig sind, nach ihrer Nützlichkeit für eine mögliche Organspende beurteilen. Juan José Rubio, seit vier Jahren Transplantationsbeauftragter am Krankenhaus Puerta del Hierro im Madrider Vorort Majadahonda, antwortet auf die Frage, ob er sich deshalb manchmal wie ein Geier fühle, ohne zu zögern mit „ja“.


 Foto: dpa

In ethische Konflikte gerät der 59-Jährige darüber nicht. „Wenn du einem deiner Spender vier Organe entnimmst, gibt es danach vier operierte Patienten. Wenn alles gut läuft, merkst du sofort, dass du etwas Sinnvolles getan hast“, sagt er. „Wir sorgen dafür, dass alle Kollegen auf der Intensivstation erfahren, wie es den Leuten geht, die ein Spenderorgan erhalten haben. Damit sie sich eben nicht wie Geier fühlen.“

Ob eine Transplantation stattfinden kann, hängt von der Zustimmung der Angehörigen des potenziellen Spenders ab. Rubio spricht mit ihnen, um ihr Einverständnis zur Organentnahme zu erbitten. Manchmal erlebt er es, dass ihm die Hinterbliebenen zuvorkommen und von sich aus fragen, ob man nicht die Organe spenden könne. „Das ist sehr berührend“, sagt der Arzt. „Sie haben gerade erfahren, dass ihr Angehöriger gestorben ist. Sie weinen. Und trotzdem sagen sie dir: Wir würden gerne spenden.“

Nicht alle Angehörigen willigen ohne weiteres in die Organspende ein. Rubio versucht, sie zu überzeugen, fragt nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen. Er stellt ihnen die Lage der Patienten dar, die auf ein Spenderorgan warten. „Und danach sagen sie oft Ja. Und manchmal Nein.“ Eine Ablehnung sei „vielleicht ein wenig frustrierend“, sagt Juan JoséRubio, aber er könne die Angehörigen verstehen: „Es ist eine dramatische Situation für sie.“

Wenn der Zweifel bleibt

Erstaunlich bleibt, wie viele von ihnen in Spanien schließlich ihre Zustimmung zur Organentnahme geben: 84 Prozent – weit mehr also als die 57 Prozent aus der Eurobarometer-Umfrage. Es zahlt sich aus, dass die Transplantationskoordinatoren und ihre Mitarbeiter für die Gespräche mit den Angehörigen geschult werden. Auch weil sie viele Zweifelnde überzeugen können, ist das spanische Transplantationssystem so erfolgreich.

Diejenigen, die beim Nein bleiben, sind nicht unbedingt hartherziger als die anderen. Sie sind skeptischer. Sie misstrauen der Versicherung des Arztes, dass ihr Angehöriger tot sei. Ein klassischer Organspender ist ein Patient, dessen Gehirn gestorben ist, der aber weiter künstlich beatmet wird, so dass sein Herz noch weiter schlägt. Würde das Beatmungsgerät abgeschaltet, hörte das Herz zu schlagen auf, und der Tod wäre offensichtlich. So ist er es nicht. „Der häufigste Grund in Spanien, die Organspende abzulehnen, ist das Nichtverstehen des Hirntods“, sagt ONT-Direktor Matesanz.

Für solche Zweifel hat Jacobo Elosua wenig Verständnis. „Entweder leben wir in der westlichen, zivilisierten Welt oder in der Welt des Aberglaubens. Und nach heutigem Stand des Wissens ist der Hirntod der Tod.“ Elosua hat eine pragmatische Einstellung zu den Dingen. Auch zu den Spenderlungen, die seinen Körper seit sechs Jahren am Leben halten. „In dieser Zeit habe ich keine zwei Minuten darauf verwandt, für meine Lungen ein Gefühl der Fremdheit zu empfinden“, sagt Elosua. Er betrachtet sie als eine Maschine, die ihn frei atmen lässt – und mit deren Hilfe er noch viele Jahre Luft holen will.

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