Wise. Wenn John Bryant erzählt, muss man genau hinhören. Seit er sich vor einem Jahr alle Zähne ziehen ließ, nuschelt der 51-Jährige wie ein Greis. Eine angeborene Kieferkrankheit hatte sein Gebiss allmählich zerstört. "Man hätte das behandeln und den Kiefer richten können", sagt er, "aber ich konnte mir das nie leisten." Also entschied sich Bryant für das kleinere Übel, als die Schmerzen unerträglich wurden. Letzten Sommer kamen die Zähne raus. Alle.
Und selbst das konnte sich John Bryant nur leisten, weil für Menschen ohne Krankenversicherung und ohne Geld für einen Arztbesuch hier im entlegenen Wise County einmal im Jahr eine Art medizinisches Weihnachten ist: Auf einer Wiese an der Hurricane Road behandeln dann aus dem ganzen Land angereiste Ärzte drei Tage kostenlos Bedürftige.
Heute ist wieder Weihnachten in Wise County. Zum zehnten Mal hat die Hilfsorganisation Remote Area Medical (RAM) in dem abgelegenen Grubenrevier der Appalachen-Berge Virginias ihr Feldlazarett aufgeschlagen. Unter einer weißen Zeltplane stehen graue Klappliegen in schier endlosen Reihen. Zahnärzte beugen sich in drückender Juli-Hitze dicht an dicht im Akkord über offene Münder. Ein mobiler Röntgenwagen brummt. Nebenan werden alte Spenderbrillen angepasst.
In einer verwitterten Scheune trennen Planen schmale Behandlungsräume ab. Dazwischen wie auf einem Jahrmarkt Hunderte Menschen, mit roten, blauen und gelben Armbändern, mit schwarzen Nummern auf den Handrücken. Wer nicht früh um fünf Uhr vor den Toren stand, um sich für eine Behandlung registrieren zu lassen, muss es morgen wieder versuchen. Nur 1600 Patienten haben täglich Einlass. "Wir mussten mehr Leute wegschicken als je zuvor", bedauert Krankenschwester Teresa Gardner, "es kommen einfach jedes Jahr mehr."
Acht Autostunden entfernt in Washington streitet Amerika wieder mal über eine Gesundheitsreform. Hier auf der sattgrünen Wiese von Wise sind die Gründe zu besichtigen: surreale Szenen, die man eher irgendwo im fernen Dschungel erwarten würde als in einem der reichsten Länder der Erde.
Kentucky statt Guatemela
Tatsächlich rief RAM-Gründer Stan Brock das Hilfswerk einst ins Leben, um den ärmsten Völkern der Welt zu helfen. Das offene Khakihemd, die sonnengegerbte Haut verraten den Abenteurer, der einst bei den Wapishana-Indianern am Amazonas lebte. "Vor 20 Jahren waren wir in Mexiko und Guatemala", erzählt Brock, "heute sind zwei Drittel unserer Einsätze in den Vereinigten Staaten." Vor allem in den ländlichen Armutsgegenden von Kentucky, Tennessee und Virginia. Im August aber zieht die Helfer-Karawane in die schillernde Metropole Los Angeles. "Auf Schwarzweißfotos kann man nicht erkennen, ob ein Lager in Guatemala oder den USA ist", sagt Brock. Das mag übertrieben sein; die Patienten kommen hier nicht in Eselskarren oder barfuß. Über die Hurricane Road zog am Morgen eine Kilometer lange Blechkarawane.
Velvet und Lynn Harron waren gestern schon da. Auf dem Parkplatz, der jetzt längst überfüllt ist, haben sie hinter ihrem Pick-up ein verblichenes Zelt aufgebaut und die Nacht in Schlafsäcken verbracht. Die junge Frau mit dem verlebten Gesicht und den müden Augen will sich einen Zahn ziehen lassen. Vielleicht bekommt sie auch Medikamente gegen den hohen Blutzucker. Ehemann Lynn hofft auf eine neue Brille. "Wir kommen her, weil das alles ist, was wir uns leisten können", erzählt der frühere Kohlekumpel in der abgewetzten Latzhose, "normalerweise stellt dir jeder Arzt sofort 200 Dollar in Rechnung, wenn du das Wartezimmer betrittst." Nur einmal in seinem Leben hatte Lynn einen Arbeitgeber, der auch die Krankenversicherung bezahlte. Jetzt ist sein Rücken kaputt; er hofft, in die staatliche Invalidenversicherung aufgenommen zu werden. Die ist für viele hier das einzige soziale Netz.
Margaret Bowd muss, weil ein Zahn nicht warten konnte, bis die RAM-Helfer kamen, bei einem Zahnarzt 207 Dollar abstottern. Dabei findet die 57-jährige Näherin jetzt in der Wirtschaftskrise nicht mal mehr Gelegenheitsjobs. Dass sie unter freiem Himmel behandelt wird, stört sie nicht: "Hauptsache, es kostet nichts."
Zahnärztin Katherine Fischer hat für ein Wochenende ihre Praxis in Centreville im Speckgürtel von Washington dichtgemacht, um hier mit Tochter Chelsea und Sohn Harrison Bedürftigen zu helfen. "Die Kinder sollen sehen, was es alles gibt in diesem Land", sagt sie, "und so ein Einsatz gibt dir einfach ein gutes Gefühl, etwas getan zu haben." Dann rechnet sie vor, warum sich kaum Zahnärzte in Gegenden wie Wise County ansiedeln: Bis zu 40 000 Dollar pro Jahr kostet die Ausbildung. Bis die Praxis eingerichtet ist, hat ein junger Kollege schnell eine Viertelmillion Dollar Schulden. Niederlassen kann er sich nur, wo es genug Versicherte oder zahlungskräftige Kunden gibt.
Es sind längst nicht mehr nur die Armen, die auf wohltätige medizinische Hilfe angewiesen sind. Deborah Honaker etwa zählt sich hartnäckig zur Mittelklasse. Ihr Mann war 30 Jahre lang im Staatsdienst, dann bei einer Eisenbahngesellschaft. Das Ehepaar bezieht eine ordentliche Pension und hat eine Krankenversicherung. Nicht alles aber ist abgedeckt, allein ihre Pillen kosten 700 Dollar Eigenanteil pro Monat. Deshalb drückt sich die resolute Frau mit der Blümchenbluse jetzt leicht verlegen in einen Plastikstuhl im Wartezelt, um sich eine Medikamentenspende abzuholen. Auch ihre Zähne will sie später behandeln lassen.
Lotteriegewinn Zahnersatz
Von einer allgemeinen Krankenversicherung, wie es sie in anderen Industriestaaten gibt, hält sie trotzdem nichts. "Zu viele Leute würden das missbrauchen", sagt Deborah Honaker, fügt mit misstrauischem Blick auf ihre Mitpatienten leise an: "Hier sollten sie wirklich Drogentests machen." Auch sie aber wünscht sich eine Gesundheitsreform, die Prämien senkt und Arztbesuche wieder erschwinglich macht: "Meine Arztrechnungen machen mir Angst."
"Sie haben hier eine Lotterie", erzählt Johnny Bryant, der Mann ohne Zähne, "wenn Deine Nummer gezogen wird, bekommst Du im nächsten Jahr eine Zahnprothese." Kommt sein Los nicht, will er nächstes Jahr wieder da sein.
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