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08. Januar 2013

Gewalt gegen Frauen: Südafrika debattiert über Vergewaltigungen

 Von Tom Schimmeck
In Indien wird seit Wochen täglich für mehr Frauenrechte demonstriert.  Foto: dapd

"Wir sind Beute", klagen viele Frauen am Kap. Die brutale Vergewaltigung in Indien löst in Südafrika eine Debatte über Gewalt gegen Frauen aus.

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Johannesburg –  

Die Leitungen liefen heiß, als Südafrikas Nachrichtensender „SAfm“ das Thema Vergewaltigung aufrief. „Wir sind Beute, das Thema wird hier einfach verleugnet“, erklärten Frauen am Telefon. „Wir werden provoziert von Frauen, die halbnackt herumlaufen“, verteidigten sich manche Männer. Doch es gab auch nachdenklichere Stimmen. Einer, der als Jugendlicher selbst Täter war, erklärte: „Ich schäme mich heute zutiefst.“

Der Aufschrei gegen Vergewaltigung in Indien hat auch in Südafrika ein Echo gefunden. Im Land grassiert die sexuelle Gewalt, in entsprechenden internationalen Vergleichen belegt es regelmäßig Spitzenplätze. Die letzte offizielle Kriminalstatistik verzeichnete 64.514 Fälle. Die Dunkelziffer ist wohl noch viel höher, Schätzungen gehen von 500.000 Taten jährlich aus.

In einer Umfrage unter 4000 Frauen gab ein Drittel an, schon einmal vergewaltigt worden zu sein. Eine Studie des Medical Research Council unter Männer ergab, dass gut 25 Prozent bereits Täter gewesen sind. Manche mehrmals. Eine Frau habe in Südafrika eine größere Chance, vergewaltigt zu werden als lesen zu lernen, sagen Frauenrechtsaktivistinnen.

Taten gegen Babys und Senioren

Die Fälle sexueller Gewalt, die fast täglich vor Südafrikas Gerichten ausgebreitet werden, sind schockierend. Oft geht es um Kindesmissbrauch, Gruppenvergewaltigungen und zunehmend auch um Gewalt gegen Seniorinnen. In der Stadt Pietermaritzburg stand vor kurzer Zeit ein 25-Jähriger vor Gericht, der eine 82-Jährige überfallen hatte. Es sei der brutalste Fall, den er in 40 Jahren gesehen habe, sagte der Amtsarzt in dem Prozess aus.

In Nachtclubs werden vielerlei Substanzen benutzt, um Frauen zum Geschlechtsverkehr zu bewegen. Augentropfen gelten als besonders beliebt. Seit einigen Jahren werden auch Gewalttaten gegen lesbische Frauen gemeldet. Männliche Täter sagen aus, sie wollten diese Frauen „kurieren“. Im November 2012 standen sechs Jungen aus der Provinz Limpopo vor Gericht. Sie waren angeklagt, drei Kinder vergewaltigt und ermordet zu haben. Der jüngste der mutmaßlichen Täter war zehn Jahre alt.

„Hier greifen die Vergewaltiger alle an – von Babys bis zu Großmüttern“, klagt Pinky Khoabane, Kolumnistin der Zeitung The Times aus Johannesburg. „Die guten Männer müssen endlich aufstehen“, fordert sie. Es gibt eine hohe Zahl alleinerziehender Mütter und einen akuten Mangel an positiven männlichen Vorbildern, sagt Nonhlanhla Mokwena, Direktorin der Hilfsorganisation People Opposing Women Abuse („Menschen gegen den Missbrauch von Frauen“). „Die guten Männer da draußen müssen endlich zur Party kommen“, sagt sie.


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Verbreitete Macho-Kultur

Die Armut, die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die Verrohung aus Apartheid-Zeiten und eine noch immer sehr verbreitete Macho-Kultur werden für die Untaten verantwortlich gemacht. All dies aber kann die enorme Zahl der Taten nur bedingt erklären. Zumal es eine Fülle von Institutionen gibt, die aufklären und sich um Opfer kümmern.

„Wir sehen die Macht des Gesetzes nicht“, sagt Aktivistin Mokwena. Die Strafverfolgung gilt noch immer als dürftig. Strafanzeigen, die bei der Polizei aufgegeben werden, bleiben oft folgenlos. Die Richter urteilen oft sehr milde, vor allem in Fällen von Gewalt in der Ehe. In ländlichen Regionen kommt es noch immer vor, dass die Familie eines Täters der des Opfers Geld fürs Schweigen gibt – um öffentliche Bloßstellung zu vermeiden.

Selbst Südafrika polygamer Staatspräsident Zuma stand im Jahr 2006 wegen Vergewaltigung vor Gericht. Er war angeklagt, eine 31-jährige Bekannte vergewaltigt zu haben. Zuma wurde damals freigesprochen. Aus Mangel an Beweisen.

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