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Politik
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05. Oktober 2012

Global Village: Die chinesische Mutti-Steuer

 Von Chi Ying Yuen
Ein Neunjähriger übt in der Sportakademie in Peking. Erfolg ist für viele chinesische Kinder keine Privatsache, sondern auch eine Verpflichtung der Familie gegenüber.  Foto: picture-alliance/ dpa

Chinesische Eltern bezahlen für ihre Kinder so lange alles, bis die selbst Geld verdienen: Schule, Studium, Universitäten, auch im Ausland. Anschließend sind die Kinder an der Reihe. Sie unterstützen die Eltern bis zu deren Tod

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Neulich erzählte mir eine Freundin, dass sie jeden Monat ein paar hundert Euro von ihrer Mutter bekommt. Ich machte große Augen und stellte mir vor, wie peinlich es sein muss, mit fast vierzig Jahren noch Taschengeld von Mama zu beziehen. Ich antwortete ihr, dass ich meiner Mutter Geld gebe, mal mehr, mal weniger, wie ich gerade könne.

Daraufhin machte sie noch größere Augen als ich. Die Idee, als Kind seinen Eltern Geld zu geben, fand wiederum meine Berliner Freundin komisch.

Später habe ich eine kleine Umfrage gestartet und fand heraus, dass tatsächlich viele meiner deutschen Freunde noch von den Eltern finanziert werden, obwohl sie selbst arbeiten. Denn sie verdienen nicht genug für die alltäglichen Bedürfnisse. Aber selbst die Gutverdiener unter ihnen geben umgekehrt den Eltern kein Geld.

Was für ein Unterschied zwischen unseren Völkern! Denn sobald wir Chinesen arbeiten, unterstützen wir ganz selbstverständlich die Eltern und auch die Großeltern. Das verlangen schon der Respekt gegenüber den älteren Generationen und die Verantwortung für die Familie.

Mit 16 Jahren fing ich in Hongkong an, privat Nachhilfeunterricht zu geben. Damals verdiente ich etwa 80 Euro im Monat und gab meiner Mutter die Hälfte davon. Auch ein Teil meines späteren Arbeitslohns nach dem Studium ging, bis ich nach Deutschland kam, als eine Art monatliche Mutti-Steuer an die Familie.

Chinesische Eltern bezahlen für ihre Kinder so lange alles, bis die selbst Geld verdienen: Schule, Studium, Universitäten, auch im Ausland. Anschließend sind die Kinder an der Reihe. Sie unterstützen die Eltern bis zu deren Tod. In China und Hongkong kannte man deshalb lange Zeit keine Rente. Erst seit dem Jahr 2000 ist in Hongkong eine obligatorische Rentenversicherung gesetzlich verankert. Von deren Auszahlungsbeträgen leben kann allerdings niemand.

Für uns Chinesen bedeutet ein Kind eine Absicherung für den Rest des Lebens. Es ist, wenn man es denn so nennen will, eine Investition. Man kümmert sich um seine Eltern, und das eigene Kind kümmert sich dann um einen selbst. Das klingt ein bisschen wie ein Geschäft, aber es führt auch zu einer sehr engen Familienbindung. Und es ist wohl auch der Grund, warum die meisten Chinesen, bis sie heiraten, bei Mutti wohnen.


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