Berlin. Die somalische Piraterie befindet sich derzeit in einer Hochkonjunktur: Nachdem die Seeräuber bereits am Wochenende drei Schiffe entführt und mindestens zwei weitere angegriffen hatten, gelang es den Piraten, den deutschen Frachter MV Victoria unter ihre Kontrolle zu bringen.
Die elfköpfige Crew, ausschließlich Rumänen, sei bei dem Überfall unverletzt geblieben, teilte Andrew Mwangura vom kenianischen Seefahrer Hilfsprogramm der FR mit. Der Überfall fand im Golf von Aden statt, rund 120 Seemeilen nördlich von Bossaso, der Hauptstadt der somalischen Puntland-Provinz.
Das mit 10.000 Tonnen Reis beladene Schiff gehört der niedersächsischen Reederei "Intership Verwaltungsgesellschaft mbH" in Haren an der Ems und fährt unter der Flagge von Antigua und Barbuda.
Nach Auskunft des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam war die Victoria in einem von der europäischen Mission "Atalanta" organisierten sogenannten "group transit" durch den Golf von Aden unterwegs.
Das Schiff sei aber nicht von einem Kriegsschiff begleitet worden, obwohl es sich um ein "hohes Risikoobjekt" gehandelt habe, weil die Victoria sehr langsam und mit einer nur zwei Meter aus dem Wasser ragenden Bordwand auch äußerst niedrig sei.
Wie ein Sprecher der Schiffseignerin auf Anfrage mitteilte, sei die Victoria wegen schlechter Wetterbedingungen nicht rechtzeitig zum Abfahrtstermin eines ursprünglich vereinbarten Konvois eingetroffen, der von einem Kriegsschiff begleitet worden sei.
Sie sei deshalb in einen unbegleiteten Konvoi aufgenommen worden, aus dem heraus sie von den Seeräubern dann gehijackt wurde. Das 146 Meter lange Schiff befände sich derzeit auf dem Weg in die somalische Piratenhochburg Eyl. Die Entführer hätten sich bisher noch nicht gemeldet.
Sprecher der EU-Mission "Atalanta" erklärten, das Schiff sei in einem bewachten Pulk gefahren, ein Hubschrauber des nächstgelegenen Kriegsschiffes konnte die Entführung jedoch nicht mehr verhindern. Der Überfall sei innerhalb weniger Minuten vonstatten gegangen, "so dass jede Hilfe zu spät kam", sagte der Sprecher der Nachrichtenagentur AFP.
Das "Überraschungsmoment war auf Seiten der Piraten". Der Angriff sei "bei hellem Tageslicht am Nachmittag" erfolgt, sagte der Sprecher. Das Schiff sei bei der in der Region patrouillierenden Piratenbekämpfungsflotte der EU angemeldet gewesen und auf der empfohlenen Strecke unterwegs gewesen.
In den Gewässern vor Somalia kommt es immer wieder zu Angriffen schwer bewaffneter somalischer Piraten. Die Seeräuber haben bereits Millionen Dollar Lösegeld erpresst und halten noch immer Schiffe fest, darunter auch den deutschen Frachter "Hansa Stavanger".
Experten führen die beispiellose Aktivität der Piraten auf das Wetter zurück. Derzeit sei der Indische Ozean mit zwei bis vier Fuß hohen Wellen und Windgeschwindigkeiten von lediglich fünf Knoten verhältnismäßig ruhig, sagte Piratenexperte Andrew Mwangura.
Hinzu käme, dass die Seeräuber 20 entführte Schiffe haben, die sie teilweise als sogenannte "Mutterschiffe" einsetzten. Von ihnen aus starten sie neue Angriffe.
Für Reeder und Piratenjäger gibt es allerdings einen Hoffnungsschimmer: Im Juni setzen gewöhnlich die Monsunwinde ein, die den Seeräubern das Geschäft zumindest erschweren werden. (mit afp/dpa)
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