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Gorleben: Es wird wieder gebohrt

Seit dem vergangenen Herbst ist der Dornröschen-Schlaf im Berg vorbei, Schwarz-Gelb lässt weiterbohren. Für die Leute, die unten im „Erkundungsbergwerk“ arbeiten, ist es eine Befreiung. Ein Besuch im Salzstollen des Bergwerks von Gorleben.

Geologe bei der Arbeit: Mit UV-Licht wird die Beschaffenheit des Salzstockes getestet.
Geologe bei der Arbeit: Mit UV-Licht wird die Beschaffenheit des Salzstockes getestet.
Foto: Alex Kraus
Gorleben –  

Der „Berauber“ ist fertig. Er hat ganze Arbeit geleistet, 840 Meter unter der Erde. Schicht um Schicht fräste die Bergbau-Maschine mit ihren Stahlzähnen Salz von Wand und Decke ab. Erst war es nur ein Belüftungsstollen. Jetzt jetzt ist die 130 Meter lange „Strecke“ voll ausgebaut – wie die beiden anderen unterirdischen Hauptwege, die vielleicht in 30 Jahren in die heiße Zone eines Atom-Endlagers führen werden: 5,50 Meter breit, 3,80 hoch. Das lose Salz ist über Tage auf eine Halde geschafft worden. Mit den Mercedes-Pick-ups, die als Mannschaftstransporter dienen, kann man nun durch den Stollen fahren, ohne klaustrophobische Anfälle zu bekommen. Mit Tempo 35 Spitze.

Für die Leute, die hier unten im „Erkundungsbergwerk“ arbeiten, ist es eine Befreiung. „Bin froh, dass es wieder losgeht“, sagt ein Geotechniker in Bergmannskluft, der nicht weit entfernt am „Bohrort 1.4“ arbeitet und gerade ein Bohrgestänge einrichtet für die nächste Exploration, 30 Meter ins Salzgestein hinein. Man glaubt es ihm aufs Wort.

Der jetzt aufgeweitete Lüftungsstollen wurde 2000 angelegt – es war die letzte größere Arbeit im Gorleben-Bergwerk. Ein Jahrzehnt ist seither vergangen. 2000 hatte Rot-Grün im Atomkonsens mit den Stromkonzernen den vorläufigen Baustopp für das umstrittene Endlagerprojekt beschlossen. Die Frage wurde neu aufgerollt, wie ein Endlager ausgewählt werden und welche Sicherheit es bieten soll. Seit dem vergangenen Herbst ist der Dornröschen-Schlaf im Berg vorbei, Schwarz-Gelb lässt weiterbohren. Übertage eskaliert seither der politische Streit, 840 Meter tiefer herrscht Aufbruchstimmung.

Erkundung

Der Salzstock Gorleben in Ost-Niedersachsen wird seit 1979 als möglicher Standort für ein Atom-Endlager untersucht. 1983 rieten die damit betrauten Wissenschaftler, auch Alternativen zu erkunden. Die damalige Kohl- Bundesregierung setzte sich darüber hinweg. Die Untertage-Arbeiten begannen 1986. 2000 wurden sie von Rot-Grün und den Stromkonzernen gestoppt. Die Personalstärke in Gorleben sank von 350 auf 75 Personen.

Schwarz-Gelb hob das Moratorium 2010 auf. Die Erkundung startete Ende des Jahres neu. Mit einer Aussage über Eignung oder Nichteignung des Salzstocks wird ab 2025 gerechnet. Die Mitarbeiterzahl wurde hochgefahren - auf derzeit rund 150. (jw)

Nein, langweilig sei es nicht gewesen. „Es gab ja immer was zu tun“, sagt der Techniker im grauen Overall, der wie alle hier Helm und Grubenlampe trägt. Aber die letzten zehn der inzwischen 22 Gorleben-Jahre waren doch eine harte Prüfung für den Bergmann und die Kollegen. „Offenhaltungsbetrieb“ hieß der Zustand. Die Jobs: Maschinen in Schuss halten, Belüftung im Berg sicher stellen, in den Stollen das durch den mächtigen Druck von oben allmählich nachrückende Steinsalz wegfräsen. Jetzt gibt es richtige Arbeit.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das das Bergwerk betreibt, spult ein umfangreiches Bohr- und Messprogramm ab. Es ist umstritten, denn die Gorleben-Gegner behaupten, die Nichteignung des Salzstocks sei längst offenkundig. Die Fortführung der „Erkundung“, die bereits 1,6 Milliarden Euro kostete, diene der Zementierung des Standorts. Schwarz-Gelb bestreitet das. Man prüfe „ergebnisoffen“.

Wie auch immer: Die Sache nimmt Fahrt auf. Mehrere Teams hantieren unter Tage. Ein Trupp Bergmänner schneidet mit Motorsägen große Quader aus dem Steinsalz heraus. Man schafft die hunderte Kilo schweren Blöcke nach oben, etwa, um die chemische Struktur des Materials zu analysieren, das den Atommüll für eine Million Jahre sicher von der Biosphäre isolieren soll. Andere bereiten Bohrungen vor. Die Bohrkerne, die sie gewinnen, sollen mehr Fakten über die Verhältnisse tief drinnen im Salz bringen. Techniker führen Radarmessungen durch, mit denen Gas oder Wasser aufgespürt werden können. Man will Aufschluss über Spalten im Gestein bekommen, durch die Wasser fließen könnte.

Keine schnellen Antworten

Trotzdem: Auch wenn Schwarz-Gelb auf die Tube drückt, schnelle Antworten wird es nicht geben. „Es sind noch viele Schritte nötig, bis wir wirklich beurteilen können, ob Gorleben geeignet ist oder nicht“, sagt BfS-Sprecher Florian Emrich bei der Tour im Berg. Ende 2012 soll eine „vorläufige Sicherheitsanalyse“ des Bundesumweltministeriums fertig sein.

Dann soll eine Bewertung durch internationale Experten folgen. Von ihr hängt ab, ob und wie es in Gorleben überhaupt weitergeht. Bis zum finalen „Eignungsnachweis“ dauert es laut BfS bis 2025. Nochmal 15 Jahre würde es dauern, bis das Lager fertig wäre und die Atombehälter (Marke „Pollux“) eingelagert werden könnten.

Vorerst bohren, fräsen und messen die Bergmänner nur im „Erkundungsbereich 1“, der in den 90er Jahren nach dem Abteufen der beiden Förderschächte im Gorlebener Wald angelegt wurde. Danach soll der Bereich 3 angegangen werden. Er schließt direkt im Nordosten an die „1“ an.

Zu Beginn der Gorleben-Arbeiten Mitte der 80er Jahre waren neun solcher Zonen in der Tiefe des 14 Kilometer langen und vier Kilometer breiten Salzstocks abgezirkelt worden. Allerdings: Mit diesem Programm gibt es große Probleme. Denn vier Zonen – die Nummern 2, 4, 6 und 8, die im Südwesten liegen – sind für die „Erkundungs“-Trupps tabu. Der Grundbesitzer und Gorleben-Gegner Andreas Graf von Bernstorff, dem hier die Salzrechte gehören, legt sich quer. Seit 30 Jahren wehrt sich der Bernstorff-Clan gegen das Atomlager. Neben Bernstorffs Frau Anna ist inzwischen auch Sohn Fried (28) dabei.

Im Nordosten wurden die Erkundungsbereiche gegenüber dem ursprünglichen Konzept 1997 unter der damaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) so umgeplant, dass die ebenfalls fehlenden Salzrechte der Evangelischen Kirche „umfahren“ werden können. Intern hält das Bundesumweltministerium heute die Komplett-Untersuchung des Salzstocks für notwendig, um die Eignung beurteilen zu können. Dazu müsste Bernstorff enteignet werden. Das wäre nach dem von Schwarz-Gelb geänderten Atomrecht möglich. Aber es würde Jahre dauern – und den Widerstand über Tage noch kräftig weiter anheizen.

Braune Schmiere quillt heraus

Für Überraschungen ist freilich nicht nur die Zukunft im Salzstock, sondern auch die Gegenwart gut. Beispiel: Auf der Tour durch den Berg kommt man mit dem Pick-up an einer Stelle vorbei, die unter Gorleben-Experten bereits eine gewisse negative Berühmtheit erlangt hat. Die Wand im Salzgestein ist dort auf einer Fläche von mehreren Quadratmetern dunkel verfärbt. Braune Schmiere quillt langsam, aber stetig hier heraus, und es riecht – wie an einer Tankstelle, wenn Diesel ausgelaufen ist. „Dass das hier auftreten könnte, damit hat man nicht gerechnet“, sagt BfS-Mann Emrich. Es handelt sich um Erdöl aus sehr tiefen Erdschichten, das offenbar beim geologischen Aufstieg des Steinsalzes vor Millionen Jahren mit nach oben gedrückt wurde. Um herauszubekommen, wie groß das Vorkommen ist, bohren die Bergleute in die Zone hinein. Ergebnisse gibt es noch keine.

Die Gorleben-Story

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Für die Gorleben-Kritiker freilich sind die festgestellten „Nester“ von Erdöl – aber auch von Erdgas und Wasser – im Salzstock Wasser auf ihre Mühlen. Der Kieler Geologe Ulrich Schneider zum Beispiel glaubt: Salz tauge deswegen gar nicht als Einlagermedium für den 200 Grad heißen Atommüll. Und er wirft den Gorleben-Experten vor, die Probleme all die Jahre heruntergespielt zu haben. Schon 1980 und 1981 seien Bohrmannschaften in Gorleben auf Gas und Öl im Salz gestoßen; das Gas habe teils sogar sei abgefackelt werden müssen.

Derweil geht der Job unter Tage weiter. BfS-Sprecher Florian Emrich sagt: „Weder die Eignung noch die Nichteignung von Gorleben ist bewiesen. Deswegen arbeiten wir hier ja.“ Emrich macht aber keinen Hehl daraus: Das BfS hätte es lieber gesehen, wenn schon aus juristischen Gründen auch andere Standorte untersucht würden.

Autor:  Joachim Wille
Datum:  13 | 2 | 2011
Kommentare:  6
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