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05. Januar 2011

Gräberliste entdeckt: Die Todesklinik von Hall

 Von Norbert Mappes-Niediek
Undatierte historische Aufnahme der Klinik in Hall.  Foto: REUTERS

Von 1940 an befahlen Nazis, auch in Österreich Behinderte und psychisch Kranke zu ermorden. Hunderttausende wurden in Tötungskliniken verlegt und vergast. Auch 360 Patienten aus Hall waren darunter. Historiker untersuchen nun die näheren Umstände.

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Bei „Grabungsarbeiten“ seien die „Überreste“ von „220 Euthanasieopfern“ gefunden worden: Die Nachricht aus dem österreichischen Städtchen Hall machte Schlagzeilen. Doch weder gab es hier in jüngster Zeit Grabungsarbeiten, noch wurden irgendwelche Überreste gefunden. Dennoch soll eine Historikerkommission des Landes Tirol den Fall untersuchen. Entdeckt wurde eine Gräberliste, sagt Oliver Seifert, der Historiker der Tiroler Krankenhausgesellschaft, zu der auch die alte Psychiatrie in Hall bei Innsbruck gehört. Seifert promoviert über die „T4-Aktion“ der Nazis zur Ermordung von Behinderten und psychisch Kranken, die 1940 auch im angeschlossenen Österreich einsetzte, 1941 aber nach Kirchenprotesten im ganzen Reich beendet wurde. 70.000 Menschen wurden in sechs Tötungskliniken verlegt und dort vergast. Auch 360 Patienten aus Hall waren darunter.

Nach ihrem offiziellen Ende 1942 ging die Mordaktion, beschönigend als „Euthanasie“ bezeichnet, dezentral und oft spontan weiter − offenbar auch in Hall. Spätestens als der Bombenkrieg einsetzte, ließen Ärzte, Schwestern und Pfleger ihre Patienten verhungern, ließen sie bei Krankheit unbehandelt oder töteten sie mit falschen oder überdosierten Medikamenten.

Das könnte auch in Hall so gewesen sein. „Es gab zwischen 1942 und 1945 eine signifikante Übersterblichkeit“, sagt Seifert. Neu war die Gräberliste: Ausgerechnet 1942, also am Ende der T-4-Aktion, wurde in der Anstalt von Hall ein Friedhof eingerichtet − und ausgerechnet 1945 wurde er wohl wieder eingeebnet. Von „220 Euthanasieopfern“ wird man dennoch nicht ausgehen dürfen, denn unter den ständig 800 Patienten der Klinik muss ein Teil zwischen 1942 und 1945 eines natürlichen Todes gestorben sein.

Für die Arbeit der mit dem Fall betrauten Historikerkommission hat die Krankenhausgesellschaft Mittel bereitgestellt. Das Land will bei der Exhumierung und Autopsie der Opfer keine Kosten scheuen. Das war nicht immer so: Noch 1963, so der Innsbrucker Historiker Horst Schreiber, habe sich das Gesundheitsamt aus dem Landesarchiv die Akte über die Verlegungen in die Todeskliniken besorgt und vernichtet.

Auf die Historiker wartet noch viel Arbeit. Unklar ist, ob alle Verstorbenen wirklich auf dem Anstaltsfriedhof begraben wurden, ob unter den Toten bestimmte Patientengruppen besonders stark vertreten sind und warum der Friedhof 1945 aufgegeben wurde. Zeitzeugen sind rar. „Einige alte Haller können sich erinnern, dass das eingeebnete Gelände noch in den 50er Jahren zu Allerseelen begangen wurde“, so Seifert. Der Fokus wird wohl auf dem strukturellen Mord liegen: Ganze drei Ärzte standen im Krieg für die 800 teils pflegebedürftigen Patienten zur Verfügung.

Ein Licht dürfen die Historiker auch auf die Rolle des damaligen Anstaltsleiters werfen. Ernst von Klebelsberg (1883-1957), der der Klinik von 1925 bis 1950 vorstand, gilt in Tirol heute als Held: Der Psychiater hat offenbar etwa hundert Patienten von den Tötungslisten der T4-Aktion herunterbekommen. Er nehme an, dass Klebelsberg wirklich ein Gegner der Euthanasie gewesen sei, sagt Seifert. Seine Biografie sei aber noch unzureichend erforscht.

Euthanasie

Das NS-Regime pervertierte den Begriff Euthanasie (griechisch etwa „schöner Tod“; gemeint ist Sterbehilfe) zu einer Pflicht des Staates, geistig oder körperlich Kranke und Behinderte zu beseitigen, deren Leben die „Rassehygieniker“ für „nicht lebenswert“ hielten.
Mit Kriegsbeginn im Jahr 1939 startete die „Aktion T 4“ (benannt nach der Berliner Bürozentrale, eine Villa in der Tiergartenstraße 4): Massenmord an Behinderten, mit Unterstützung von Ärzten, Pflegekräften und Beamten. In den „Euthanasie“-Anstalten Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Pirna, Bernburg und Hadamar wurden bis August 1941 rund 70000 Menschen meist durch Gas oder Injektionen ermordet.
1941 prangerte der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, die Tötungsaktionen in einer Predigt an. Hitler ließ das Programm daraufhin offiziell einstellen. Mehr als 30000 Behinderte starben aber auch danach in geheimen Tötungsaktionen. olk

Tatsächlich hatten Anstaltspsychiater nicht immer nur humane Motive, wenn sie sich gegen die Mordlisten aus Berlin stemmten. Die Zahl ihrer Patienten verlieh ihnen Macht und Bedeutung, und der Anstaltsbetrieb ließ sich ohne „Arbeitstherapie“ nicht aufrechterhalten. Sollten die von der Selektionsliste Gestrichenen in den Jahren nach der Aktion auf andere Weise zu Tode gekommen sein, erschiene die vorgebliche Rettungsaktion wohl in einem anderen Licht.


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