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09. März 2015

Griechenland Varoufakis: Der Popstar der Ökonomie

 Von 
Varoufakis’ Sorgenfalten – sein Markenzeichen wie das Hemd.  Foto: dpa

Griechenlands Finanzminister Gianis Varoufakis hebt sich in jeglicher Hinsicht von seinen Vorgängern und seinen Kollegen ab. Seine Anhänger halten ihn für einen Brillanten Analytiker. Kritiker beschreiben ihn als einen streitsüchtigen Querkopf.

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Athen –  

Gianis Varoufakis ist nicht zu beneiden. Finanzminister von Griechenland: Das ist so ungefähr das Gegenteil eines Traumjobs. Mitte des Monats werden zwei Darlehen des Internationalen Währungsfonds (IWF) von insgesamt 930 Millionen Euro fällig, und bis zum 20. März muss der Minister noch einmal 350 Millionen auftreiben.

Dabei sind die Kassen in Athen ziemlich leer. Die Steuereinnahmen sprudeln nur spärlich. Im Januar kamen statt erwarteter 4,5 Milliarden Euro nur knapp 3,5 Milliarden in die Kassen des Fiskus.

Trotz des Engpasses ist Varoufakis zuversichtlich: „Wir werden unseren Zahlungsverpflichtungen korrekt und pünktlich nachkommen“, versichert der Minister. In Athen gibt es nun offenbar Überlegungen, dass sich der Staat kurzfristig Geld aus den Rentenkassen leiht, um die internationalen Gläubiger zu bezahlen. So verzweifelt ist die Lage.

Die Lederjacke liegt auf einem der roten Polstersessel, Varoufakis sitzt in einem dunkelroten Pulli und Jeans an seinem Schreibtisch. Aus seinem Büro im 6. Stock des Finanzministeriums geht der Blick über den betriebsamen Syntagmaplatz hinüber zum klassizistischen Parlamentsgebäude. Seit der Wahl vom 25. Januar ist der Ökonomieprofessor Varoufakis einer von 300 Abgeordneten dort.

Es heißt, Alexis Tsipras habe auf seinen Wirtschaftsberater lange einreden müssen, bis der sich entschloss, für das Linksbündnis Syriza zu kandidieren. Die Wähler mögen ihn offenbar: In seinem Wahlkreis Athen 2 bekam Varoufakis 153 638 Stimmen – mehr als jeder andere Kandidat irgendeiner Partei.

Rucksack statt Aktentasche

Dabei hat er die meiste Zeit seines Lebens im Ausland verbracht. Er studierte in Essex, lehrte als Professor in Australien und den USA. Varoufakis ist anders. Er fährt lieber auf seinem Motorrad ins Ministerium statt im Fonds einer Limousine. Statt einer Aktentasche trägt er einen Stoffrucksack.


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In seiner Heimat galt der 53-Jährige schon vor seiner Berufung zum Minister als eine Art Popstar der Ökonomie. Varoufakis sei ein brillanter Analytiker, sagen seine Fans, die ihm seit Jahren in seinem englischsprachigen Blog folgen. Kritiker beschreiben ihn als einen streitsüchtigen Querkopf. Aber bei dem einstündigen Treffen in seinem Büro ist Varoufakis nicht kantig, sondern freundlich und gewinnend – auch wenn er auf manchen Fotos, die jetzt durch die internationale Presse gehen, wie ein griechischer Mephisto ausschaut.

Oder „wie ein Drogendealer aus Manchester“. So schrieb eine britische Zeitung, als Varoufakis im Ledermantel, das Hemd über der Hose, in der Londoner Downing Street zum Rendezvous mit dem überaus korrekt gekleideten britischen Schatzkanzler anspazierte.

Stört es ihn, dass sich viele Medien mehr für seinen Stil als für seine Politik zu interessieren scheinen? „Sehr sogar“, sagt er. „Der Prominentenkult hat mich immer schon gestört, auch als ich noch nicht dazugehörte.“ Sich in die Rolle des Ministers hineinzufinden, das ist ihm offensichtlich anfangs nicht ganz leicht gefallen.

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Es heißt, bei seinem ersten Auftritt in der Eurogruppe habe er die Geduld seiner Kollegen aus den anderen Euro-Staaten mit einem langen ökonomischen Vortrag strapaziert – „eine Antrittsvorlesung“, wie einer der Teilnehmer spöttisch anmerkte.

Zur griechischen Krise und wie man sie lösen kann, hat Varoufakis seine eigenen Ansichten. Während in Europa bereits über ein drittes Hilfspaket spekuliert wird, das im Sommer geschnürt werden könnte, sagt Varoufakis: „Wir wollen nicht mehr Geld.“ Er wolle nicht, dass sich Griechenland noch mehr Schulden aufbürdet.

Schulden erträglicher machen

Stattdessen fordert er einen Wachstumspakt für sein Land, der sich auf Investitionen des Privatsektors gründet und eine Erholung der Wirtschaft einleiten soll. „Dann müssen wir nicht um immer neue Kredite der europäischen Steuerzahler bitten“, sagt Varoufakis.

Nur wenn die Wirtschaft wieder wächst, kann Griechenland seine Schulden abbezahlen. Der neue Athener Finanzminister möchte die Schuldenlast erträglicher machen. Das Un-Wort Schuldenschnitt nimmt er nicht mehr in den Mund. Stattdessen plädiert er für eine „intelligentere Lösung“, etwa die Umwandlung eines Teils der Hilfskredite in Bonds, deren Zins- und Tilgungspläne ans Wirtschaftswachstum gekoppelt werden – je schneller Griechenlands Wirtschaft wieder wächst, desto rascher bekommen die Gläubiger ihr Geld zurück.

Aber geht es wirklich ohne neue Hilfskredite? Zwischen Juni und August muss Griechenland fast 11,5 Milliarden Euro für die Tilgung fälliger Anleihen und Kredite aufbringen. „Das können wir unmöglich schaffen, wenn wir bis dahin nicht zu einer neuen Vereinbarung kommen“, räumt Varoufakis ein. Darüber muss er in den kommenden Monaten verhandeln. Ein schwieriger Spagat.

Denn zugleich steht Premier Alexis Tsipras bei seinen Wählern im Wort, die Folgen der „humanitären Krise“ zu lindern, die das Spardiktat über das Land gebracht hat. Die ersten Gesetzentwürfe dazu kommen jetzt ins Parlament: kostenloser Strom und Mietzuschüsse für bedürftige Familien, Lebensmittelgutscheine und kostenlose Behandlung im staatlichen Gesundheitswesen. Das wird dreistellige Millionenbeträge kosten – Geld, das der griechische Finanzminister gar nicht hat.

Das Schwierigste steht Varoufakis wohl erst noch bevor.

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