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Gronau: Arbeiter in Atom-Fabrik verstrahlt

Es ist der schwerste Zwischenfall in der Geschichte von Deutschlands größter Urananreicherungsanlage: Die Ursache ist unklar - doch der Betreiber bestreitet Gefahren. Von Annika Joeres

Am Zaun der Urananreicherungsanlage in Gronau.
Am Zaun der Urananreicherungsanlage in Gronau.
Foto: Bernd Thissen / dpa

Gronau. Es ist der schwerste Zwischenfall in der Geschichte von Deutschlands größter Urananreicherungsanlage (UAA): Im münsterländischen Gronau sind radioaktive Stoffe ausgetreten. Ein Mitarbeiter, der in dem betroffenen Raum gerade Behälter für eine Druckprüfung vorbereitete, bekam Uranhexafluorid ab - einige Gramm nur, aber der Stoff ist hochgiftig. Der Mann bekam erhöhte Strahlung ab, erlitt Verätzungen und einen Schock. Er wurde zur Beobachtung in ein Münsteraner Krankenhaus eingeliefert.

Über die Tragweite des am Freitag bekannt gewordenen Vorfalls vom Donnerstag gibt es unterschiedliche Auffassungen. Die Firma Urenco, an der auch die deutschen Energiekonzerne RWE und Eon beteiligt sind, beschwichtigt: "Es hat zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden", sagt Sprecherin Antje Evers. Den Satz kennt man allerdings von Zwischenfällen in Atomanlagen.

Dagegen ist das Düsseldorfer Wirtschaftsministerium, die oberste Atomaufsichtsbehörde des Landes, vorsichtiger: "Eine Dosisbelastung ist nicht anzunehmen", heißt es zwar aus dem CDU-geführten Ressort. Allerdings sagt Ministeriumssprecher Joachim Neuser auch: "Die Menge des ausgetretenen Uranhexafluorids ist noch unbekannt."

Der Arbeiter hatte sich offenbar an den Beinen und an den Füßen mit dem ätzenden Gas verletzt. Zwar teilte das Uniklinikum Münster am Freitag mit, dem Mann gehe es "aktuell sehr gut". Generell könne es aber beim Einatmen ätzender Substanzen zu Schädigungen der Lunge, der Leber oder der Nieren kommen, so Otmar Schober, Direktor der Klinik für Nuklearmedizin in Münster, die den Familienvater betreut. "Für eine Prognose ist es noch zu früh", so Schober.

Auch die Untersuchung der Ursache des Zwischenfalls werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, sagte Urenco-Sprecherin Evers. Wie viel Zeit, wollte die Atomfirma nicht angeben.

Das NRW-Wirtschaftsministerium schickte zwei Experten des TÜV nach Gronau. Sie sollen unter anderem die protokollierten Messdaten über die Belastung der Luft auswerten.

Fest steht bislang nur: Das in der Anlage anfallende Uranhexafluorid zählt zu den gefährlichsten Stoffen, die es gibt. Er ist radioaktiv und wird mit Feuchtigkeit zu tödlicher Flusssäure. Arbeiter in Chemiefabriken und Laboren seien schon durch Kontakt mit UF6 gestorben, gibt die Berufsgenossenschaft Chemie an.

Auch Umweltinitiativen im Münsterland haben immer wieder vor dem toxischen Stoff in der Nachbarschaft gewarnt. "Der Zwischenfall ist ein Alptraum", sagt Matthias Eickhoff, Sprecher der Initiative Münsterland gegen Atomanlagen. "Solange wir nicht wissen, was wirklich passiert ist, glaube ich Urenco kein Wort." Schon in der Vergangenheit habe die Firma die Anwohner belogen, zum Beispiel Transporte von radioaktiven Brennelementen verheimlicht: "Wir fordern eine unabhängige Prüfung der Vorfälle."

Auch anderswo ist der Aufschrei von Umweltschützern und Atomkraftgegnern groß. Udo Buchholz, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz, forderte das sofortige Aus der UAA. "Der Vorfall erinnert an die Verseuchungen in den Hanauer Atomfabriken, die letztlich alle stillgelegt wurden", so Buchholz.

Ein Aus für die Gronauer UAA erscheint aber unwahrscheinlich: Die Landesregierung hatte erst 2005 den Ausbau genehmigt. In wenigen Jahren entsteht in der bürgerlichen Kleinstadt Europas größter Umschlagplatz für Atommüll. Schon jetzt laufen knapp 40 Prozent der westeuropäischen Kernkraftwerke nur, weil es die Atomfabrik in Gronau gibt.

Autor:  Annika Joeres
Datum:  22 | 1 | 2010
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