Berlin. So soft kann ein Duell abgeblasen werden: "Ich will etwas von meinem Kind haben, und das Kind soll etwas von mir haben." Ungewöhnliche Töne in der Politik, aber Volker Ratzmann strahlt an diesem Donnerstag, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, als er verkündet, was selbst enge Parteifreunde überrascht: Er verzichte auf seine Bewerbung für den Posten des Bundesvorsitzenden der Grünen.
Dabei hatte sich seine Partei gerade warmgelaufen für eine Premiere: Erstmals sollte es auf dem Parteitag im November einen offenen Zweikampf um das eher ungeliebte Amt des Bundesvorsitzenden geben. Und beide Kandidaten, der Europaabgeordnete Cem Özdemir und Berlins Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann, wollten in den nächsten Wochen zu gemeinsamen Primary-Runden durch die Lande touren.
Nun fällt das Schaulaufen flach, weil der 48-jährige Ratzmann vorzeitig seinem Konkurrenten das Feld überlässt: "Ich will, dass der Cem das macht, und ich werde ihn dabei unterstützen." Als Motiv für den Rückzug nennt er "sehr private persönliche Gründe". Er wird im März Vater und will seine Lebensgefährtin, die grüne Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae, nicht daran hindern, weiter ihre Arbeit im Parlament zu machen. Aber beide Eltern in aufreibenden Politikjobs? Geht nicht, sagt Ratzmann. "Ich sehe nicht, dass das Amt des Bundesvorsitzenden, so wie ich es mir vorstelle, mit der Erziehung eines Kindes zu vereinbaren ist."
Auch Konkurrent Özdemir hatte zunächst aus familiären Gründen abgewunken, als ein Nachfolger für den im Herbst aus dem Amt scheidenden Reinhard Bütikofer gesucht wurde. Özdemir hat eine kleine Tochter. Erst als Ratzmann, eher ein Exponent der Parteilinken, seinen Hut in den Ring warf, zog Özdemir nach, bestärkt vom Realo-Flügel der Partei.
Spekulationen, dass sein Verzicht mehr mit sinkenden Chancen als mit seiner Verantwortung als Vater zu tun haben könnte, weist Ratzmann zurück. Tatsächlich sahen Insider den 43-jährigen Özdemir bisher eine Nasenlänge vor dem weniger bekannten Berliner Grünen. Wetten über den Ausgang des Rennens wollte aber keiner abschließen.
Nun rufen die Spitzen-Grünen und Ratzmann selbst die eigene Basis auf, sich geschlossen um den einzig verbliebenen männlichen Anwärter Özdemir zu scharen. Mit dem hätten die Grünen ein prominentes, eloquentes Gesicht an ihrer Spitze, dazu eins mit dem Alleinstellungsmerkmal Migrationshintergrund. Im Vergleich zu Ratzmann traut man ihm aber weniger strategische Fähigkeiten und Regietalent zu, um die Grünen zusammenzuhalten. Mit Cem, so murren einige, kriegen wir eher einen dritten Spitzenkandidaten, neben den bereits gesetzten Favoriten Renate Künast und Jürgen Trittin. Pikant: Beide hatten in der Vergangenheit signalisiert, dass ihr Wunschkandidat eher Ratzmann heißt.
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