Herr Raschke. Die einen Grünen drohen mit Massenprotesten gegen längere AKW-Laufzeiten, andere träumen laut von Tarek Al-Wazir als Ministerpräsident in Hessen. Sind die Grünen zurück auf dem Weg zur Bewegungspartei oder zur Macht?
Die Grünen werden nicht wieder zur Bewegungspartei, nur weil Claudia Roth und andere sich in Gorleben blicken lassen. Es gibt eine kritische Distanz zwischen jüngeren Bewegungsakteuren und den Grünen in den Parlamenten. Bewegungen wollen direkt durchdringen, Parteien müssen filtern, transformieren, integrieren. Die Bundestagswahl wird auch zum Plebiszit über Atomkraft. Doch die Agenda ist ökonomisch bestimmt.
Joachim Raschke ist Parteien- und Strategieforscher. Er beobachtet die Grünen seit ihrer Gründung.
Können sich die Grünen als Krisenmanager positionieren?
Die ökonomische Kompetenz ist bei den Grünen chronisch unterbelichtet. Sie könnten sich aber Gehör verschaffen, wenn sie die Finanzkrise als Gerechtigkeitskrise angehen, dann ziehen sie das Thema in den grünen Wertebereich hinüber. Schließlich zahlen Arbeitnehmer und Steuerzahler die Rechnung für die Zockerei der Banker und Finanzmarktjongleure. Schon jetzt ist absehbar, dass sich Angela Merkel hinter international verabredeten, armseligen Korrekturen am System versteckt. Man kann aber im eigenen Land strenger reglementieren, als es in Europa oder auf Ebene der G 20 passieren wird. Dafür müssten sich die Grünen stark machen.
Können sie sich von dem Desaster in Hessen abkoppeln?
Die Grünen waren von den kleinen Parteien am weitesten auf dem Weg, im Fünf-Parteien-System landespolitisch verschiedene Bündnisse auszuprobieren. In Hamburg Schwarz-Grün, in Hessen Rot-Grün-Rot. Nun ist das Linksbündnis geplatzt. Was fehlt, ist die Machtperspektive, die die Grünen immer gebraucht haben. Die SPD ist zu schwach. Es gibt keine trag- und mehrheitsfähigen Dreierkoalitionen. So muss die Partei sich ausschließlich aus sich selbst heraus definieren. Das ist immer das Schwierigste.
Jürgen Trittin und Renate Künast werden am Wochenende zu Spitzenkandidaten gewählt, Cem Özdemir zum Parteichef. Vermissen Sie ein Signal des Aufbruchs?
Wer die Grünen nicht als Amateurtruppe versteht, kann nicht darauf setzen, dass Youngsters mit minimaler Erfahrung gleich an die Spitze kommen. Aber auch Özdemir muss sich erst noch bewähren beim Management der Strömungen. Der exzellente Stratege Reinhard Bütikofer wird den Grünen noch sehr fehlen. Eine Schwierigkeit ist die neu-alte Unberechenbarkeit der Parteitage, wo sich zunehmend linkere Positionen durchsetzen. Daraus entsteht eine Asymmetrie. Die Parteitage sind radikaler als die Wähler. Die grüne Führung aber war die letzten Jahre näher bei den Wählern als bei den Parteitagen. Ohne ein neues Zentrum in der Partei kann es eine Unregierbarkeit der Grünen geben. Die Frage heißt, ob Fritz Kuhn und Özdemir, in Verbindung mit Künast, die Partei aus dem Zentrum heraus führen können. Trittin geht im Zweifel immer auf das linke Ticket.
Interview: Monika Kappus
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