Nur zehn Minuten vor der öffentlichen Verkündung erfuhr die Parteivorsitzende selbst von ihrer krachenden Niederlage: Nicht einmal 9 200 Grünen-Mitglieder wollen ihre Bundeschefin als Spitzenkandidatin für 2013 sehen. Jürgen Trittin bekam mehr als 25 000 Stimmen. Damit hatte niemand gerechnet – im Gegenteil, innerhalb der Grünen standen die Wetten gut, dass das Duo Trittin/Roth heißen würde. Angesichts dieser regelrechten Ohrfeige steht nun jedoch alles infrage: Fühlt die Partei sich durch Roth überhaupt noch vertreten? Soll sie beim Parteitag am Wochenende, wie geplant. denn noch einmal für das Amt kandidieren?
Claudia Roth wächst in Bayern auf, sie wird Dramaturgin am Theater und managt die Kultband Ton Steine Scherben.
Foto: ddpRoth selbst zweifelt offenkundig daran. Sie tauchte ab, hinterließ nur eine Meldung auf Facebook: „Ich gratuliere von Herzen Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt. Das ist Demokratie!“ Niemand könnte ihr verdenken, wenn gemeint gewesen wäre: So brutal ist direkte Demokratie. Denn bitter an der Niederlage ist nicht nur, dass Roth wie nur wenige andere Spitzenpolitiker mit ihrer Partei regelrecht verheiratet ist. „Ich will immer weiter“, sagte sie noch am Freitag der FAZ. „Daher kann ich mir auch nicht vorstellen, wie mein Job mit einer Beziehung funktionieren soll.“
Das war stets das Prinzip Roth: Sie kannte die Leute in den Kreisverbänden und Ortsgruppen besser als jeder andere Grünen-Politiker, sie umarmte die Parteifreunde – und meinte das auch so. Da muss es schmerzen, wenn die Partei inzwischen offensichtlich weit von ihr entfernt ist. Vielleicht, weil sie mit ihren 57 Jahren und in ihrem zehnten Jahr als Parteichefin nicht mehr frisch genug wirkt. Vielleicht, weil viele bürgerliche Wähler sie für zu schrill und zu laut halten – oder die vielen neuen Grünen-Mitglieder das zumindest fürchten. Doch das Ergebnis birgt eine doppelte Ironie.
Petra Kelly (Mitte), hier bei einer Demonstration gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen, gilt als die erste Gallionsfigur der Grünen in Deutschland. Sie ist zugleich bis zu ihrem Tod 1992 in der europäischen Frauen-, Friedens- und Anti-Atombewegung engagiert.
Foto: dpaNicht nur, dass Roth, die Basisnahe, die „die Partei personifiziert“, wie etwa Die Welt gerade noch geschrieben hatte, nun von der Basis geopfert wurde. Hinzu kommt: Ohne die Stimmführerin des linken Parteiflügels wäre es wohl nie zu der Mitgliederbefragung gekommen. Als die Spitzen-Grünen in Bund und Ländern die Führungsfrage noch im Hinterzimmer klären wollten, der Realo-Flügel öffentlich für die Solo-Kandidatur des Parteilinken Trittin plädierte, forderte Roth als Erste, die Basisdemokratie gerade in dieser Frage ernstzunehmen. Gedankt hat man es ihr nicht.
Kein Wunder, dass es am Wochenende förmlich Solidaritätsbekundungen regnete, seit nun die Karriere Roths überraschend auf der Kippe steht. Am charmantesten formulierte es Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck: „Claudia kann nerven, und deshalb ist sie für diese Partei so unverzichtbar.“
"Für die Wähler ist das Ganze eine gute Entwicklung. Demokratische Parteien müssen grundsätzlich in der Lage sein, miteinander zu koalieren. Die Grünen können das. So jedenfalls hat es die Basis ihren Spitzenleuten mit auf den Weg gegeben", zitiert die Westdeutsche Zeitung.
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