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Grünhelm-Chef Rupert Neudeck: "Niebel versündigt sich an Afghanen"

Mit harscher Kritik reagiert der Mitbegründer des Cap Anamur-Komittes und der Grünhelme auf "Drohungen" des Entwicklungsministers. Rupert Neudeck beruft sich dabei auf die Genfer Konvention.

Rupert Neudeck
Rupert Neudeck
Foto: dpa

Die Kluft zwischen der Erwartung unserer Mitbürger in Deutschland an den internationalen Militär-Einsatz in Afghanistan und der Realität im Land ist gewaltig. So gewaltig, dass man sich fragt, wie es überhaupt dazu kommen konnte.

Die Behauptung, die Soldaten der Isaf-Truppe seien in Afghanistan, um die Bevölkerung und die humanitären Helfer zu schützen, ist eine doppelte Chimäre. Die Grünhelme etwa arbeiten seit 2003 in der westafghanischen Provinz Herat. Dort hat die Organisation inzwischen 31 Dorfschulen für je 600 Schüler sowie eine Entbindungs- und OP-Klinik aufgebaut.

Spezial: Afghanistan
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Mehr zur Arbeit von Rupert Neudeck bei den Grünhelmen.

Rupert Neudeck (70) ist Theologe und Journalist. Bekannt wurde er seit 1979 durch seine Hilfsorganisation: Er gründete - unterstützt von Heinrich Böll - das Not-Ärzte-Komitee Cap Anamur, um mehr als 9500 vietnamesische Bootsflüchtlinge zu retten. Neudeck ist Träger des Marion-Dönhoff-Preises für internationale Verständigung und Versöhnung. Zurzeit setzt er sich mit seinem Projekt "Die Grünhelme" für christlich-muslimische Freundschaft und den Wiederaufbau in Krisengebieten wie Afghanistan ein.

In diese Gegend, in der das italienische Isaf-Kontingent zuständig ist, hat sich noch kein westlicher Soldat verirrt. In jedem Dorf frage ich den Schulleiter, den Bürgermeister oder den Mullah beim gemeinsamen Tee, ob sie in ihrem Dorf schon jemals einen Italiener gesehen hätten. Dann schauen mich diese Menschen ungläubig an: Nein, sie wissen nicht mal, wer diese Leute sind. Die Präsenz von 2200 Carabinieri in der riesengroßen Kaserne am Stadtrand von Herat - der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz - lässt sich allenfalls erahnen.

Diese Soldaten machen eher Übungen im Selbstschutz. Die Bevölkerung erlebt sie auf Husch-Husch-Fahrten durch die Stadt, in Jeeps mit aufgepflanztem Maschinengewehr. Vor zwei Wochen habe ich selbst gesehen, wie drei italienische Isaf-Jeeps von US-amerikanischen GIs in ihren wuchtigen Humvee-Fahrzeugen eskortiert wurden.

Humanitäre müssen Distanz halten

Wir "Humanitären" wollen aber auch gar nicht von Bewaffneten geschützt werden, selbst wenn das möglich wäre. Ein solches Verhalten widerspricht unserem ureigenen Auftrag. Es gibt für alle zivilen Helfer eine gemeinsame Grundlage: die Genfer Rot-Kreuz-Konventionen. Sie besagen eindeutig: Humanitäre müssen klar Distanz zu allen bewaffneten Gruppen und Milizen halten.

Keine humanitäre Organisation darf sich bewaffnen, sich von Bewaffneten schützen lassen oder auch nur Bewaffnete in eigenen Fahrzeugen transportieren oder sie in ihre Krankenhäuser aufnehmen.

Diese sinnvolle und bewährte Trennung von Militär und zivilem Einsatz ist bedroht. Und der Angriff kommt ausgerechnet vom deutschen Entwicklungshilfe-Minister.

Dirk Niebel (FDP) hat die Hilfsorganisationen, speziell die Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), aufgefordert, sich in Afghanistan schleunigst in das "Mandatsgebiet der Bundeswehr" zu begeben.

Also nach Kundus, Faisabad und Masar-i-Sharif oder nach Kabul. Diese Order, die es - zumindest offiziell - bisher so nicht gab, steht tatsächlich in der Macht des Ministeriums. Bei Ungehorsam droht der Entzug der staatlichen Beihilfen aus den Etats des Entwicklungs- und Außenministeriums.

Dazu zwei Bemerkungen: Erstens können solche Drohungen überhaupt nur bei denen verfangen, die staatliche Subventionen beantragen. Die Grünhelme oder auch Cap Anamur tun dies nicht, um sich erst gar nicht in irgendwelche Abhängigkeiten zu begeben.

Anderen, die bisher staatliche Mittel in Anspruch genommen haben, sollte die Drohung des Ministers zu denken geben: Kann man sich weiterhin als NGO bezeichnen, wenn man sich vom Staat alimentieren und jetzt womöglich auch dirigieren lässt?

Es sieht auch für die Bevölkerung, mit der wir den Wiederaufbau von Schulen und Kliniken betreiben, nicht gut aus, wenn wir uns mit Soldaten, Gewehren oder gar Panzern blicken lassen. Man hält sich besser von denen fern.

Wir sind bei unserer Arbeit immer ausgewichen, wenn wir bewaffnete Soldaten in der Nähe wussten. Auch das Militär - solange es denn da ist - tut sich keinen Gefallen. Es hat eine spezifisch andere Aufgabe.

Entwicklungshelfer und Soldaten haben miteinander so viel gemeinsam wie Gustav mit Gasthof: gar nichts. Mit Berührungsangst hat das nichts zu tun. Ich hätte mir zum Beispiel sehr gewünscht, dass die Bundeswehr 1994 die Blauhelmtruppe verstärkt hätte, als es darum gegangen wäre, in Ruanda den Völkermord zu verhindern oder schleunigst zu beenden.

Den Deutschen tief verbunden

Mit dem Rückruf der deutschen Helfer ins Mandatsgebiet der Bundeswehr versündigt sich Minister Niebel, versündigen wir Deutsche uns am ganzen afghanischen Volk. Es hat wahrlich nicht viele gemeinsame Werte und Haltungen und ist tief gespalten in die verschiedenen Stammesverbände.

Aber in einem sind Paschtunen, Tadschiken, Usbeken, Aimaks, Hazaras, Turkmenen oder Belutschen einig: Sie alle fühlen sich uns Deutschen tief verbunden. Immer wieder haben sie uns gesagt, dass sie sich am liebsten von den Deutschen helfen lassen. Das hat mit dem ausgeprägten Geschichtsbewusstsein der Afghanen zu tun.

Historisch sind sie mit den Deutschen immer gut gefahren. Deutschland war dort keine koloniale oder imperiale Macht mit Eroberungsgelüsten. Das Lieblingsbuch der gebildeten Afghanen ist von jeher Goethes "West-östlicher Diwan"; aus Anlass von Schuleröffnungen der Grünhelme werden immer wieder Goethe-Verse in Farsi rezitiert.

Darum gilt: Schuster, bleib bei deinen Leisten! Minister Niebel, bleib bei deiner Aufgabe - humanitärem Aufbau und Entwicklung! Und ihr NGOs, überlegt dreimal mehr, ob ihr staatliche Subventionen so locker akzeptieren wollt! Zumindest solange die Drohungen des Herrn Niebel im Raum stehen. Der Minister sollte sie zurücknehmen, am besten noch vor der Afghanistan-Konferenz in dieser Woche.

Autor:  Rupert Neudeck
Datum:  25 | 1 | 2010
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