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05. Dezember 2009

Günter Wallraff: "Sollen sie ihr Phallus-Symbol doch haben"

Der Autor und Enthüllungsjournalist Günter Wallraff.  Foto: dpa

Günter Wallraff spricht im FR-Interview über die Religionsfreiheit, aber auch die Grenzen der Toleranz. Er sagt die Diskussion über Minarette lenke von der inhaltlichen Debatte aber ab. Von Joachim Frank

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Zur Person

Günter Wallraff ist Schriftsteller und Journalist. Der 67-Jährige machte sich einen Namen durch seine Enthüllungsgeschichten, für die er die Methode des investigativen Journalismus anwendete.

1977 arbeitete er drei Monate als Redakteur bei der Bild-Zeitung und beschrieb anschließend in dem Bestseller "Der Aufmacher. Der Mann, der bei 'Bild' Hans Esser war" deren besondere Art des Journalismus.

1983 arbeitete er zwei Jahre lang als türkischer Gastarbeiter Ali Levent Sinirlioglu bei verschiedenen Unternehmen - auch bei McDonald´s und Thyssen. In dem Buch "Ganz unten" schilderte er, wie schlecht Ali teilweise behandelt wurde.

Wallraff sorgte aber auch für Aufsehen, als er vorschlug, in der Kölner Moschee sollten die "Satanischen Verse" von Salman Rushdie vorgelesen werden. Wallraff ließ Rushdie mehrfach bei sich wohnen, den der iranische Staatschef Khomeini 1989 zum Tode verurteilt hatte. (fr)

Herr Wallraff, für die Schwachen einzutreten, ist bei Ihnen ein Stück Programm. Auf wessen Seite stehen Sie, wenn es um Muslime und Nicht-Muslime in Deutschland geht?

Zunächst mal stehe ich auf der Seite der Verfassung. Deshalb glaube ich zum Beispiel, dass der Bau würdiger Moscheen ein selbstverständliches Recht ist. Aber ich merke auch, ich bin nicht in allen Streitpunkten immer so ganz meiner Meinung.

Der Autor und Enthüllungsjournalist Günter Wallraff.
Der Autor und Enthüllungsjournalist Günter Wallraff.
 Foto: dpa

Selbstwiderspruch in Person?

Ja, denn je mehr ich über den Islam und über bestimmte islamische Organisationen in Deutschland erfahre, desto mehr erkenne ich, dass das Grundrecht auf Religionsfreiheit auch missbraucht wird.

Wo denn?

Ich denke etwa an strikte Geschlechtertrennung, an die Diskriminierung von Mädchen, die drangsaliert werden, wenn sie kein Kopftuch tragen wollen. Ich denke an Prediger, die den Toleranzspielraum schamlos ausnutzen und sich mit Ausgrenzungs- und Hassparolen in einem Land, in dem Meinungsfreiheit als Grundrecht garantiert wird, auf der sicheren Seite wähnen. Jede religiöse Praxis muss ihre Grenze an den Vorgaben der universalen Menschenrechte finden. Und das muss klar formuliert und auch eingefordert werden.

Was zu wenig geschieht?


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Ich kann den politischen und gesellschaftlichen Kreisen, denen ich nahestehe - Grünen, aufgeschlossenen Sozialdemokraten, undogmatischen Linken und Teilen der protestantischen Kirche -, den Vorwurf nicht ersparen, zu lange weggesehen oder geschwiegen zu haben. Wir sollten nicht die Fehler aus der Zeit des Kalten Kriegs wiederholen. Damals war ich selbst einer von denen, die noch bis zur Biermann-Ausbürgerung 1976 nicht im "falschen Lager" erscheinen wollten und sich deshalb eine gewisse - nun ja - Zurückhaltung auferlegten, wenn es um Menschenrechtsverletzungen in "sozialistischen Staaten" ging.

Das heißt auf die Gegenwart übertragen: Sie fordern den Muslimen in Deutschland eine Bringschuld ab?

Nicht "den Muslimen". Gerade die integrierten - die Mehrheit übrigens -, die sich dieser Gesellschaft zugehörig fühlen, sagen mir: "Wir verstehen euch nicht. Ihr seid viel zu blauäugig und lasst euch von den Funktionären bestimmter Hardliner-Verbände hinters Licht führen." Gerade bei den Verbandsfunktionären werde ich das Gefühl nicht los, dass viele von ihnen eine doppelte Agenda haben: nach außen smart, innerlich hart. Ihre "Dialogpartner" sehen sie oft als "nützliche Idioten" an, und als solche verhalten sich manche auch, indem sie sich vereinnahmen oder instrumentalisieren lassen.

Was heißt das - ganz aktuell - für den Wunsch, Moscheen mit Minaretten zu bauen? Die Kritiker sagen, weder das Minarett an sich noch dessen Form und Höhe fielen unter Religionsfreiheit. Ein Verbot sei die legitime Gegenwehr gegen die Symbolik eines aggressiven islamischen Expansionsdrangs.

Mein Gott, was hat nicht alles "Symbolik"! Ein in den Himmel ragender Kirchturm signalisiert doch auch einen Anspruch. Moscheen mit Kuppel wirken ohne Minarett auf mich bedrohlicher als mit, weil sie mich immer an Atommeiler erinnern. Da ist mir das Minarett deutlich lieber. Und wenn die Muslime meinen, auch sie bräuchten ihr steinernes Phallus-Symbol - sollen sie es doch haben! Über Penisneid können sich die Minarett-Gegner ja dann gerne bei Sigmund Freud schlau machen. Dieses Hin und Her um die Minarette ist ohnehin die völlig falsche Diskussion.

Was ist die richtige?

Was in den Moscheen gepredigt wird. Darum geht es. Mit dem Bau repräsentativer Moscheen werden Aufmerksamkeit und Interesse für die Inhalte steigen - zumal wenn das Ganze auch auf Deutsch stattfinden sollte. Bei der Frage nach der Finanzierung sollte man eine nachprüfbare Offenlegung verlangen. Sollten irgendwelche arabische Scheichtümer oder gar der Iran mit großzügigem Sponsorierung dubiose Interessen verfolgen - dann muss das ans Licht. Ich kann nur hoffen, dass die Transparenz-Zusagen erfüllt werden. Genau wie das Versprechen, an den Minaretten keine Lautsprecher für den Muezzin-Ruf anzubringen. Das ist ebenso sehr eine Frage des Maßes und des Taktgefühls wie Größe und Proportion von Moscheen. Irgendwo auf dem Land brauchen Sie keinen demonstrativen Riesenbau - zumal die wenigsten Muslime überhaupt in die Moschee gehen.

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