"Die kollektive Unschuld" - so haben Sie Ihr Buch über die politische Instrumentalisierung der Dresden-Bombardierung betitelt. Ein Wortspiel mit der "Kollektivschuld" - was wollen Sie damit ausdrücken?
Das ist eine Art Persiflage, gemeint ist diese verstockte Atmosphäre in Dresden, wo man meint, kollektiv unschuldig zu sein. Ein repressives Klima, das ganz besonders in den Februartagen zu spüren ist, aber nicht nur. Das Geschichtsbild großer Teile des Dresdner Bürgertums, das zeigen
Gunnar Schubert, Jahrgang 1966, veröffentlicht seit mehreren Jahren Texte zum Groß-Thema "Dresden", unter anderem für die Hamburger Monatszeitschrift Konkret. Themen des Autors sind dabei auch die Architektur-Debatten in der sächsischen Hauptstadt sowie Dresden-Literatur - zum Beispiel der Wende-Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp.
Vor kurzem erschien eine durchgesehene Neuauflage von Schuberts Buch "Die kollektive Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfer-Mythos wurde". Darin beschreibt er die "ständig unanständigen Lügen" der "Bekenntnisdresdner". (hahe)
viele öffentliche Wortmeldungen, lässt sich etwa so beschreiben: Die
Nazis, die kamen damals von außen - wenn es überhaupt welche gab. Die Kunst- und Kulturstadt Dresden war ja militärisch unwichtig, heißt es. Es hat damals eine ungeschützte Bevölkerung getroffen, insbesondere Flüchtlinge, der Krieg war fast schon vorbei. Da wirkt teilweise in der Phraseologie auch die Goebbels-Propaganda noch nach. Ein über Jahrzehnte gewachsener Entlastungsmythos.
Im Buch beschreiben Sie die vielen kleinen und großen Lügen. Was sind das für Geschichten?
Das reicht von den hochgerechneten Opferzahlen über die angeblich verbrannten Zootiere bis hin zu Angriffen im Tiefflug, die nach den Bombenabwürfen stattgefunden haben sollen. Auch sollen verräterische deutsche Spione mit "Wall-Street-Verbindungen" den Alliierten per Funkzeichen geholfen haben, die Ziele zu finden.
Warum sind diese Lügengeschichten so langlebig?
Da ist, wie gesagt, erst mal die nachwirkende Propaganda der Nazis, die ab März 1945 mit Dresden betrieben wurde - und die sich auch nach Kriegsende in diversen einschlägigen Büchern über die Bombenangriffe niederschlug. Zum Beispiel in der BRD das Buch "Der Tod von Dresden" und in der DDR "Die unbesiegbare Stadt". Das sind üble Propagandawerke, die einen gewissen Trash-Charakter haben. Auch in den Erzählungen innerhalb der Familien in Dresden baute man diese Kolportage immer weiter aus. Lange Zeit wurde dem nichts entgegengesetzt, erst in den 70er Jahren begann die seriöse Forschung damit.
Wird in der Öffentlichkeit auch bei der Zahl der Opfer weiterhin übertrieben?
Die Historikerkommission der Stadt Dresden hat die Zahl in ihrem Abschlussbericht im Jahr 2008 mit maximal 25000 angegeben. Grotesk überhöhte Zahlen werden nicht nur von Neonazis verbreitet. Selbst in dem unverdächtigen Dresdner Veranstaltungsblättchen Port01 wurde gerade die Zahl der Bombentoten von 1945 mit 300000 angegeben - ausgerechnet in einem Artikel über die Anti-Neonazi-Demonstrationen dieses Wochenendes. Es sind schon zwei Bücher erschienen, die die Ergebnisse der Historikerkommission angreifen. Dabei gab es von der Kommission bislang erst einen kurzen Bericht, das komplette Werk erscheint erst in diesen Tagen als Buch. Da wird mit dieser für die Stadt typischen, selbstreferenziellen Opferhaltung voll dagegengehalten.
Vor dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik gab es zwei Dresden-Erinnerungskulturen. Was hatten sie gemeinsam? Was war der wichtigste Unterschied?
Das Gemeinsame in der Grundtendenz waren die absurden Geschichten, die auf NS-Propaganda aufbauten. Während in der SBZ/DDR aufgrund weltpolitischer Veränderungen wie der Entspannungspolitik sich Wertungen veränderten, blieb im Westen bis heute die Zerstörung von "Elbflorenz" als kulturelle Katastrophe die Konstante. Der große Unterschied war, dass das in der DDR aufgeladen war mit vulgärem Anti-Imperialismus und im Kalten Krieg mit vehementen Verbalattacken auf die West-Alliierten.
Interview: Hans-Hermann Kotte
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