Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

13. Februar 2010

Gunnar Schubert: "Da wirkt die Goebbels-Propaganda nach"

Autor Gunnar Schubert spricht im FR-Interview über den in Jahrzehnten gewachsenen Entlastungsmythos von Dresden und die Erinnerungskultur in der DDR und der Bundesrepublik.

Drucken per Mail
Zur Person

Gunnar Schubert, Jahrgang 1966, veröffentlicht seit mehreren Jahren Texte zum Groß-Thema "Dresden", unter anderem für die Hamburger Monatszeitschrift Konkret. Themen des Autors sind dabei auch die Architektur-Debatten in der sächsischen Hauptstadt sowie Dresden-Literatur - zum Beispiel der Wende-Roman "Der Turm" von Uwe Tellkamp.

Vor kurzem erschien eine durchgesehene Neuauflage von Schuberts Buch "Die kollektive Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfer-Mythos wurde". Darin beschreibt er die "ständig unanständigen Lügen" der "Bekenntnisdresdner". (hahe)

"Die kollektive Unschuld" - so haben Sie Ihr Buch über die politische Instrumentalisierung der Dresden-Bombardierung betitelt. Ein Wortspiel mit der "Kollektivschuld" - was wollen Sie damit ausdrücken?

Das ist eine Art Persiflage, gemeint ist diese verstockte Atmosphäre in Dresden, wo man meint, kollektiv unschuldig zu sein. Ein repressives Klima, das ganz besonders in den Februartagen zu spüren ist, aber nicht nur. Das Geschichtsbild großer Teile des Dresdner Bürgertums, das zeigen

viele öffentliche Wortmeldungen, lässt sich etwa so beschreiben: Die

Nazis, die kamen damals von außen - wenn es überhaupt welche gab. Die Kunst- und Kulturstadt Dresden war ja militärisch unwichtig, heißt es. Es hat damals eine ungeschützte Bevölkerung getroffen, insbesondere Flüchtlinge, der Krieg war fast schon vorbei. Da wirkt teilweise in der Phraseologie auch die Goebbels-Propaganda noch nach. Ein über Jahrzehnte gewachsener Entlastungsmythos.

Im Buch beschreiben Sie die vielen kleinen und großen Lügen. Was sind das für Geschichten?

Das reicht von den hochgerechneten Opferzahlen über die angeblich verbrannten Zootiere bis hin zu Angriffen im Tiefflug, die nach den Bombenabwürfen stattgefunden haben sollen. Auch sollen verräterische deutsche Spione mit "Wall-Street-Verbindungen" den Alliierten per Funkzeichen geholfen haben, die Ziele zu finden.

Warum sind diese Lügengeschichten so langlebig?


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Da ist, wie gesagt, erst mal die nachwirkende Propaganda der Nazis, die ab März 1945 mit Dresden betrieben wurde - und die sich auch nach Kriegsende in diversen einschlägigen Büchern über die Bombenangriffe niederschlug. Zum Beispiel in der BRD das Buch "Der Tod von Dresden" und in der DDR "Die unbesiegbare Stadt". Das sind üble Propagandawerke, die einen gewissen Trash-Charakter haben. Auch in den Erzählungen innerhalb der Familien in Dresden baute man diese Kolportage immer weiter aus. Lange Zeit wurde dem nichts entgegengesetzt, erst in den 70er Jahren begann die seriöse Forschung damit.

Wird in der Öffentlichkeit auch bei der Zahl der Opfer weiterhin übertrieben?

Die Historikerkommission der Stadt Dresden hat die Zahl in ihrem Abschlussbericht im Jahr 2008 mit maximal 25000 angegeben. Grotesk überhöhte Zahlen werden nicht nur von Neonazis verbreitet. Selbst in dem unverdächtigen Dresdner Veranstaltungsblättchen Port01 wurde gerade die Zahl der Bombentoten von 1945 mit 300000 angegeben - ausgerechnet in einem Artikel über die Anti-Neonazi-Demonstrationen dieses Wochenendes. Es sind schon zwei Bücher erschienen, die die Ergebnisse der Historikerkommission angreifen. Dabei gab es von der Kommission bislang erst einen kurzen Bericht, das komplette Werk erscheint erst in diesen Tagen als Buch. Da wird mit dieser für die Stadt typischen, selbstreferenziellen Opferhaltung voll dagegengehalten.

Vor dem Anschluss der DDR an die Bundesrepublik gab es zwei Dresden-Erinnerungskulturen. Was hatten sie gemeinsam? Was war der wichtigste Unterschied?

Das Gemeinsame in der Grundtendenz waren die absurden Geschichten, die auf NS-Propaganda aufbauten. Während in der SBZ/DDR aufgrund weltpolitischer Veränderungen wie der Entspannungspolitik sich Wertungen veränderten, blieb im Westen bis heute die Zerstörung von "Elbflorenz" als kulturelle Katastrophe die Konstante. Der große Unterschied war, dass das in der DDR aufgeladen war mit vulgärem Anti-Imperialismus und im Kalten Krieg mit vehementen Verbalattacken auf die West-Alliierten.

Interview: Hans-Hermann Kotte

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Cyberangriff Telekom

Freude am Systemabsturz

Von  |
Sicherheitskongress der Telekom in Frankfurt.

Das Gefühl der permanenten Bedrohungslage hat die Normalität abgelöst. Und die Frage, wie wollen wir leben, wird ersetzt durch den Ausruf: So kann es nicht weitergehen. Der Leitartikel.  Mehr...

Medien

Der Deutsche Presserat als Hygienestation

Den Vorwurf der "Lügenpresse" kann auch der Presserat nicht entkräften.

Der Presserat hat die undankbare Aufgabe, die Medien daran zu hindern, so zu werden, wie Kritiker sie ohnehin sehen. Für die sozialen Medien gibt es solch eine Institution nicht. Der Leitartikel.  Mehr...

 

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung