„Den roten Faden finden“ – das Plakat muss schon eine Weile hier hängen. Oben ist es mit einer Wohnungsannonce halb überklebt, der Rest ist mit Tesafilmstreifen übersät, aber offenbar hält man die Ankündigung der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Uni Bayreuth für wichtig genug, um sie am Schwarzen Brett hängen zu lassen. Die angebotenen Kurzworkshops sind allerdings allesamt längst abgehalten worden. Die Veranstaltung „Wissenschaftliches Schreiben – den roten Faden finden“ fand im vergangenen November statt, „Schriftliches Argumentieren“ und „Schreibblockaden überwinden“ im Januar.
Keine Lappalie
„Tja, das bekommt jetzt alles eine etwas andere Bedeutung“, sagt Michael Weh und lacht. „Hübsch doppelbödig.“ Hätte sich Karl-Theodor zu Guttenberg zu seiner Zeit am rechtswissenschaftlichen Fachbereich in Bayreuth mit wissenschaftlichem Schreiben und schriftlichem Argumentieren befasst, was hätte aus ihm werden können. So ist er immerhin Minister geworden. Ein Polit-Star in Schwierigkeiten.
Schriftlich hat Karl-Theodor zu Guttenberg die Universität Bayreuth um die Rücknahme seines Doktortitels gebeten. Hier einige Auszüge im Wortlaut:
„Mit diesem Schreiben möchte ich Sie bitten, die Verleihung meines Doktorgrades zurückzunehmen. In den letzten Tagen habe ich meine Dissertation nochmals selbst gründlich geprüft. Dabei kam ich zu dem Ergebnis, dass mir bei der Erarbeitung gravierende handwerkliche Fehler unterlaufen sind, die ordnungsgemäßem wissenschaftlichen Arbeiten widersprechen. Die Arbeit besitzt nach meiner Überzeugung dennoch ihren eigenen wissenschaftlichen Wert. (…) Eine abschließende Stellungnahme kann ich im Moment leider noch nicht abgeben. Aber festhalten will ich doch, dass ich zu keinem Zeitpunkt vorsätzlich oder absichtlich getäuscht habe.“ (dapd)
Der Berliner Chemiker und ehemalige Bundeswehroffizier Dr. Markus Kühbacher kündigte gestern eine Strafanzeige gegen den „jetzigen Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt“ wegen Titelmissbrauchs an. Es bestehe der Verdacht, dass der Bundesverteidigungsminister Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, seinen Doktortitel geführt habe, bevor er dazu befugt gewesen sei.
So trat der Politiker im Bundestag nach Kühbachers Angaben bereits ab Mai 2007 als Dr. Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg auf, obwohl die Doktorarbeit vom Verlag Duncker und Humblot jedoch erst Anfang 2009 gedruckt worden sei. Die Urkunde über die bestandene Doktorprüfung, deren Aushändigung zum Führen des Titels berechtigt, wird gemäß Promotionsordnung aber erst nach Abgabe von Pflichtexemplaren der Dissertation ausgestellt. (blz)
Die Affäre Guttenberg sei beileibe keine Lappalie, sagt Michael Weh, der für die Jusos als stellvertretender Vorsitzender im Studierendenparlament sitzt. „Es stellt sich die Frage, wie die Universität Bayreuth jetzt damit umgeht, dass da eine Arbeit mit summa cum laude ausgezeichnet wurde und man offensichtlich nicht bemerkt hat, dass hier getäuscht wurde. Dass abgeschrieben wurde, steht für mich außer Frage“, sagt Weh. „Es steht ja auch niemand auf und erklärt, es handele sich nicht um ein Plagiat.“
Dass jetzt versucht werde, zwischen dem wissenschaftlichen Fehlverhalten Guttenbergs und seiner Arbeit als Verteidigungsminister zu unterscheiden, um die Integrität seines Amtes nicht zu beschädigen, findet Weh falsch. „Ein solches Verhalten betrifft die Substanz eines Politikers“, sagt er. „Guttenberg hat ehrenwörtlich erklärt, für seine Arbeit keine unerlaubten Mittel verwendet zu haben, und er hat der Presse erklärt, es sei nicht bewusst getäuscht worden. Dazu muss sich die Uni verhalten.“
So sicher ist sich Antje Seidel da nicht. Das müsse die Prüfungskommission entscheiden, sagt die Sprecherin für Kultur-und Öffentlichkeitsarbeit des Studierendenparlaments (Stupa). „Ärgerlich“ findet sie, „dass hier die Fehler einer einzelnen Person auf die ganz Uni übertragen werden.“ Sie will „sicherstellen, dass der Ruf der Uni keinen Schaden erleidet“. Der Volkswirtschaftsstudent Christian Schneemann findet: „Es ist eine Hatz.“ Ihm behagt diese „Medienkampagne“ nicht. „Wenn er das tatsächlich gemacht hat, ist das schlimm genug“, sagt er.
Was alle drei eint, die im Mensagebäude zusammensitzen, um den Fall Guttenberg zu diskutieren, ist das Lob, das sie ihrer Uni zollen. Die Bayreuther Uni sei „exzellent“, sie biete moderne Studienfächer und habe ein extrem gutes Betreuungsverhältnis. „Das beweisen auch die Rankings“, sagt Michael Weh. „Die Uni insgesamt, aber besonders die rechtswissenschaftliche Fakultät, hat einen Ruf zu verlieren.“
Das gilt auch für Guttenbergs Doktorvater, den Staatsrechtler Peter Häberle. Guttenbergs Bekenntnis vom Montagabend, er stehe auch zu dem „Blödsinn“, den er geschrieben habe, wird seinen „überaus honorigen“ Doktorvater kaum freuen.
Aufforderung der Jusos
Frank Schmälzle, der Sprecher der Universität, bezeichnet den Fall Guttenberg als „absoluten Einzelfall“. Dass ein Doktor-Titel, den die Universität vergeben hat, in dieser Weise in Frage stand, sei noch nie vorgekommen. Guttenberg war ein Aushängeschild. Er hat eine Rolle gespielt an seiner Alma Mater, hielt Vorträge, warb im Internet für die Uni. Ob die Familie Guttenberg auch Geld gegeben hat, werde noch geprüft, sagt Schmälzle am Montag. Tags darauf ist diese Prüfung offenbar abgeschlossen. In einer Pressekonferenz des Uni-Präsidenten, Rüdiger Bormann, erklärte dieser gestern, es gebe keine wirtschaftliche Verflechtung der Uni Bayreuth mit der Familie Guttenberg.
In einer Pressemitteilung fordert die Juso-Hochschulgruppe Bayreuth ebenfalls am Dienstag, Guttenbergs Arbeit als Plagiat einzustufen. „Nach aktuellem Kenntnisstand sind wir der festen Überzeugung, dass dies bei jedem anderen Promovenden in einem so gelagerten Fall ebenso gehandhabt würde.“ Andernfalls sei der Ruf der Universität Bayreuth „nicht mehr zu halten“.
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.