Die Taliban scheinen als Gesprächspartner gefragt wie nie. Der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte am Wochenende dafür plädiert, mit gemäßigten Taliban zu reden. Der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion und Afghanistan-Experte, Tom Koenigs, sowie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) unterstützen ebenfalls derartige Gespräche.
Afghanistans Präsident Hamid Karsai dürfte das mit Genugtuung hören. Als er vor einigen Jahren mit diesem Vorschlag vorpreschte, wurde er vom Westen noch abgewatscht. Dem früheren SPD-Vorsitzenden Kurt Beck erging es vor zwei Jahren kaum besser.
Dabei hat die Realität die erregten Debatten und Guttenbergs Vorstoß längst überholt: Tatsächlich gibt es schon seit längerer Zeit verschiedene, vertrauliche Kontakte zu den Rebellen. Nicht nur Karsai unterhält über Gewährsleute Verbindungen zu mehr oder auch minder gemäßigten Taliban-Chefs. Auch die US-Regierung sucht nun offenbar als Teil ihrer neuen Afghanistan-Strategie verstärkt das Gespräch und möglichst eine Art Burgfrieden mit Teilen der Fundamentalisten.
Sowohl US-Präsident Barack Obama als auch Außenministerin Hillary Clinton traten in den vergangenen Monaten dafür ein, mit gemäßigten Taliban zu sprechen. Beide blieben aber eine Antwort schuldig, wer oder was die gemäßigten Taliban sind. Vielen gilt inzwischen schon als gemäßigt, wer überhaupt zu Gesprächen bereit ist - egal wieviel Blut an seinen Händen klebt.
Der neue Schmusekurs hat einen Haken
Der kriegsmüde Westen lockt damit, Teile der Extremisten an der Macht zu beteiligen, wenn sie dafür die Waffen niederlegen. Eine Vermittlerrolle spielt dabei offenbar der frühere Taliban-Außenminister Ahmed Mutawakil. Nach dem unbestätigten Bericht einer arabischer Zeitung sind die USA über ihn sogar an den berüchtigen Taliban-Chef und Top-Terroristen Mullah Omar mit einem Angebot herangetreten: Demnach wollten die USA den Taliban angeblich einige afghanische Provinzen überlassen, wenn diese dafür ihre Angriffe auf die US-Truppen einstellen. Omar habe die USA aber abblitzen lassen, hieß es. Daneben laufen verschiedene vertrauliche Gesprächsinitiativen, bei denen unter anderem auch Saudi-Arabien vermittelt.
Der neue Schmusekurs hat allerdings einen Haken: Die Taliban-Führer sind wenig geneigt, dem bedrängten Westen mit Zugeständnissen entgegenzukommen. Die Extremisten sehen sich auf der Siegerstraße und werten die Gesprächsangebote als Zeichen wachsender Kriegsmüdigkeit und Schwäche. Tatsächlich spekulieren die Taliban darauf, bald am Hindukusch wieder die Macht zu übernehmen. Anfang Dezember sollen sie Washington ein Angebot gemacht haben, wonach sie garantieren würden, dass von Afghanistan keine Angriffe auf andere Staaten ausgehen, wenn die ausländischen Truppen abziehen.
In Südasien wächst das Gefühl, dass die USA und ihre Verbündeten immer weniger daran glauben, den Guerilla-Krieg gegen die Taliban noch gewinnen zu können. Und dass sie sich nun mit Teilen der alten Feinde arrangieren wollen, um aus dem Schlamassel herauszukommen.
Obama hat diesen Eindruck noch bestärkt, als er in seiner neuen Strategie damit winkte, schon 2011 mit dem Abzug von Truppen aus Afghanistan beginnen zu wollen. Das mag bei den US-Wählern gut ankommen, war aber ein gefährliches Signal, das die Taliban noch beflügeln dürfte. Auch Pakistans Militär, das man eh zum Jagen tragen muss, dürfte es kaum ermutigen, seine Offensive gegen die Extremisten auszuweiten und sich mit weiteren Talibangruppierungen anzulegen, wenn die Amerikaner bereits laut darüber nachdenken, demnächst abzurücken.
Viele Fußsoldaten sind "Zehn-Dollar-Talibs"
Immer öfter ziehen Experten Parallelen zu den Russen, die nach zehn Jahren 1989 gedemütigt aus Afghanistan abziehen mussten. Auch Obamas mit viel Spannung erwartete neue Afghanistan-Strategie stimmt kaum optimistisch. Sie lässt alle zentralen Fragen zur Zukunft Afghanistans völlig offen und verdient kaum den Namen Strategie. Guttenberg mahnte nun eine echte Strategie an und wandte sich dagegen, einen konkreten Abzugstermin zu nennen.
Dabei gäbe es durchaus gute Chancen, Teile der Taliban wieder in die Gesellschaft zurückzuholen. Nur dafür bräuchte es nicht Gespräche, sondern Taten. In den Westmedien werden die Militanten meist über einen Kamm geschoren. In Afghanistan sieht man das differenzierter. Die Gotteskrieger sind kein homogener Block. Und nicht alle Taliban sind tatsächlich hartgesottene, westhassende Extremisten.
Viele Fußsoldaten sind "Zehn-Dollar-Talibs", schlicht bitterarme Bauernburschen, die keinen Job finden und für ein paar Dollar bei den Taliban als Milizen anheuern. Experten glauben, man könnte sie recht leicht von den Hardlinern loseisen, wenn man ihnen Arbeit und eine Zukunft biete. Doch genau das hat die Internationale Gemeinschaft in den vergangenen acht Jahren versäumt.
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