Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

21. Dezember 2010

Gynäkologe Diedrich: „Kein Aufschluss über blaue Augen und blonde Haare“

Professor Klaus Diedrich ist Direktor der Universitäts-klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Lübeck.  Foto: pr

Der Gynäkologe Klaus Diedrich spricht im FR-Interview über die Möglichkeiten genetischer Diagnostik vor dem Einpflanzen des Embryos.

Drucken per Mail

Herr Professor Diedrich, in welchen Fällen ist Präimplantationsdiagnostik (PID) sinnvoll?

Wenn in einer Familie eine schwere, genetisch bedingte Erkrankung bekannt ist, wie die spinale Muskelatrophie oder Morbus Duchenne − Muskelschwund, der bis zur Atemlähmung führen kann. Das sind dramatische Krankheitsbilder. Da halte ich es für sinnvoll, die Paare zu PID zu beraten. Entscheiden muss am Ende das Paar selbst. Es hat ja auch die Möglichkeit, eine Schwangerschaft auf Probe zu wagen.

... mit dem Risiko einer Abtreibung − klingt sehr belastend...

Ja, aber das ist eine PID auch. Die Frau muss sich auf eine Hormonbehandlung einlassen, damit mehrere Eizellen gewonnen werden können, die operativ entnommen und, nach der Befruchtung im Reagenzglas, zwei, drei Tage später wieder eingesetzt werden.

Sobald sich herausgestellt hat, dass der Embryo gesund ist...

Ob der Embryo gesund ist und sein wird, können wir mit PID gar nicht feststellen. Wir können nur ausschließen, dass er die in der Familie vorkommende Erbkrankheit in sich trägt.

Sie können dabei nicht testen, ob er eine andere Erbkrankheit hat?


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Theoretisch ist es möglich, aber das ist nicht sinnvoll. Schließlich ist das ein hoch kompliziertes Verfahren, bei dem wir ohnehin nur nach monogenetischen Erkrankungen fahnden können, wie der Mukoviszidose. Es ist nicht möglich, auf Krankheiten zu testen, die auf mehreren Genen liegen. Deshalb ist die Diskussion über Designerbabys auch unsinnig: Ob das Kind blaue Augen und blonde Haare hat, wird von so vielen Genen bestimmt, das können wir mit PID nicht erkennen.

Was ist, wenn die Familie mehr als eine Erbkrankheit hat?

Dann gucken wir natürlich nach beiden Krankheiten. Aber das kann dann immer noch bedeuten, dass das Kind an Trisomie 21 erkrankt. In der vom wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer erarbeiteten PID-Richtlinie (offiziell nur noch ein Diskussionsentwurf) ist festgelegt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Trisomie 21 bei über 40-jährigen Schwangeren mit drei Prozent zu niedrig ist, als dass sie − allein wegen des Alters der Mutter − eine Indikation für PID sein kann.

Es wäre also nicht erlaubt, wenn man ohnehin eine PID vornimmt, nebenbei auch noch die Trisomie 21 mit auszuschließen?

Das müsste meines Erachtens im Einzelfall entschieden werden.

Wer sollte entscheiden, ob eine PID angezeigt ist?

Meine persönliche Meinung ist: Die Entscheidung sollte dem Paar überlassen bleiben. Wir reden hier ja von Menschen, die einen Kinderwunsch haben, aber in ihrer Familie etwa miterlebt haben, wie ein Kind mit 15, 16, auf dem Höhepunkt des Leidens ankommt, um oft noch vor dem 20. Geburtstag zu sterben. Der Reproduktionsmediziner sollte das Paar zusammen mit einem Humangenetiker und einem Kinderarzt beraten, der sich mit der jeweiligen Krankheit auskennt. In grenzwertigen Fällen, wie bei erblichem Brustkrebs, sollte eine Ethikkommission fallbezogen entscheiden.

Interview: Frauke Haß

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

US-Wahl

Washington wird künftig mehr verlangen

Von  |
Nach der ersten Redeschlacht hat Hilary Clinton den Vorteil auf ihrer Seite.

Clinton hat das TV-Duell, aber nicht die Wahl für sich entschieden. Sie wäre für Deutschland und die anderen EU-Staaten der bessere Partner. Die US-Politik wird sich ohnehin ändern. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Jenna Behrends

Überfällige Sexismus-Debatte in der CDU

Der Berliner CDU-Landesparteichef Frank Henkel weiß, wie er mit seinen Parteikolleginnen umzugehen hat.

Sexismus ist nichts, was die Berliner CDU exklusiv für sich beansprucht. Er findet sich in Parteien, Unternehmen und Verbänden. Eine breite Debatte darüber ist lange überfällig. Der Leitartikel. Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung