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Hamburger Landgericht: Hamburg macht somalischen Piraten Prozess

Deutsche Justiz trifft auf somalische Wirklichkeit beim Piratenprozess vorm Hamburger Landgericht. Die Beweislage ist klar. Aber ganz einfache Fragen sind nicht zu beantworten. Zum Beispiel die nach dem Alter der Angeklagten.

Die Angeklagten im Hamburger Piratenprozess.
Die Angeklagten im Hamburger Piratenprozess.
Hamburg –  

Es rappelt an der hinteren Tür von Saal 337. Ein Schlüssel im Schloss. „Die Jungs kommen“, sagt ein Justizwachtmeister. Dann geht die Tür auf und weitere Wachtmeister führen zehn Männer in den Gerichtssaal, schmale, fast dürre Männer in Jogginghosen, bunten T-Shirts, mit Basecaps auf dem Kopf und Kapuzenshirts. Männer, die aussehen wie eine junge afrikanische Marathonläufer-Mannschaft, die sich an diesem grauen, kalten Montag eigentlich nur in diesen Gerichtssaal verirrt haben kann. Sie gehen langsam bis bedächtig, zeigen keine Regungen.

Aber es sind keine Leichtathleten. Was Montag früh erstmals nach ungefähr 400 Jahren und mit 23 Minuten Verspätung begann, dürfte eines der spannendsten, lehrreichsten und womöglich auch verstörendsten Gerichtsverfahren sein, das in den nächsten Monaten in Deutschland verhandelt wird: Die Hamburger Staatsanwaltschaft wirft den zehn Männern einen „Angriff auf den Schiffsverkehr“ und „erpresserischen Menschenraub“ vor. Im Volksmund: Piraterie. Ihnen drohen Strafen zwischen fünf und fünfzehn Jahren.

Am Ostermontag, 5. April 2010, hatten sie das deutsche Frachtschiff „MS Taipan“ 530 Seemeilen östlich des Horns von Afrika angegriffen und geentert. Aber der Überfall scheiterte: Die Mannschaft unter Kapitän Dirk Eggers versteckte sich in einem verborgenen Schutzraum, setzte einen Notruf ab und unterbrach die Energieversorgung des Schiffes. Die holländische Fregatte „Tromp“ machte sich auf den Weg, Marinesoldaten befreiten das Schiff nach kurzem Schusswechsel und nahmen die zehn Männer gefangen.

Die Beweislage ist eindeutig, der Rest ein mühseliger Lernprozess und Exkurs in gänzlich andere Lebenswirklichkeit. Deutsche Gerichtsgründlichkeit trifft auf Angeklagte, die in Somalia groß wurden, einem bettelarmen Land, das seit 19 Jahren in Bürgerkriege verstrickt ist, in dem sich Clans bekriegen und die Terrororganisation Al-Shabab wütet. Ein Land, in dem aus Fischern Piraten wurden, als der Staat zerfallen war und die Hoheitsgrenzen nur noch ein Dreck, um den sich niemand scherte. Die Fischgründe vor der somalischen Küste hatten schnell ausländische Fangflotten abgeräumt. Piraterie wurde zum Boomgeschäft, zur Seuche.

Piraten vor Gericht

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Es geht schon mit den Namensschildchen der Angeklagten los. Ist Achmed Mohammed Vorname oder Teil des Nachnamens? Heißt es Didier oder Diir? Richter Bernd Steinmetz, Vorsitzender der Dritten Großen Strafkammer, gibt sich alle Mühe, sein noch Monate dauerndes Verfahren so korrekt wie freundlich zu beginnen. Er will die richtigen Namen wissen und erfährt, dass in die Akten des einen Angeklagten ein Kosename aufgenommen wurde, andere Namen falsch geschrieben wurden oder gar nicht stimmten oder noch der Name des Großvaters an den Vaternamen angehängt wurde. Kein Wunder, keiner der Angeklagten trug schließlich einen Ausweis bei sich, als man ihn auf dem Frachter festnahm.

Auf die Frage, wann er geboren wurde, antwortet der Angeklagte: „In der Regenzeit“

Geburtsorte und haargenaue Geburtstagsdaten – für ein deutsches Gericht wichtig, für die Männer auf der Anklagebank nicht unbedingt. „Wann wurden sie geboren?“, fragt Steinmetz. „In der Regenzeit“, antwortet der Mann. „Ich bin jetzt 24 Jahre alt.“ Ein anderer antwortet auf die gleiche Frage: „Ich bin unter einem Baum geboren worden. Das Datum kenne ich nicht. Ich denke, ich bin jetzt 20 Jahre alt.“ Ein Raunen geht durch den Gerichtssaal.

Seit Juni sitzen die Männer in Hamburger Untersuchungshaft. Die Niederländer hatten sie ausgeliefert. In drei Stuhlreihen, flankiert von ihren 20 Anwälten, mit Kopfhörern und somalischer Übersetzung, verfolgen sie das Geschehen im Saal. Was wohl in ihnen vor sich geht, wenn der Dolmetscher ihnen gerade mitteilt, dass alle Anträge der Verteidiger nach Kürzeln und Nummern der Anwälte abgeheftet und selbstverständlich für alle Verfahrensbeteiligten fotokopiert werden?

In der dritten Reihe weint jemand. Es ist der jüngste Angeklagte. Ob er 15 ist oder 18, wie medizinische Gutachter vermuteten, nur er weiß es wirklich. Er trägt ein helles Sweatshirt und ist völlig in seinen Stuhl eingesunken. „Ich versichere, dass ich 13 Jahre alt bin“, übersetzt der Dolmetscher.

Der Verteidiger beginnt einen 45-minütigen Vortrag über die Unsinnigkeit von medizinischen Altersschätzungen. Er will, dass sein Mandant frei kommt wegen Strafunmündigkeit. Er spricht über Standardabweichungen, das Skelettalter, Weisheitszähne, über Methoden nach Tanner und Whitehouse, das Atlas-Verfahren und darüber, dass man nicht junge Afrikaner und Asiaten vergleichen kann. Irgendwann stöhnt der Dolmetscher auf, bittet um etwas langsameres Sprechtempo und weist daraufhin, dass es für viele dieser Dinge im Somalischen überhaupt keine Wörter gebe.

Autor:  Bernhard Honnigfort
Datum:  22 | 11 | 2010
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