Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

04. November 2012

Hammerskins: Europas Neonazis feiern sich selbst

 Von Felix Helbig
,Rue de l’escadrille des cigogne – die „Storchenstaffelstraße“ in Toul am Samstagabend: Deutsche Neonazis auf dem Weg zum „Hammerfest“. Foto: Peter Jülich

2000 Neonazis aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien und Frankreich, aber nirgendwo ein Polizist: Wie die rechtsextreme Hammerskin Nation am Wochenende im französischen Toul ihr Europatreffen feierte.

Drucken per Mail

2000 Neonazis aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Belgien und Frankreich, aber nirgendwo ein Polizist: Wie die rechtsextreme Hammerskin Nation am Wochenende im französischen Toul ihr Europatreffen feierte.

Toul –  

Es dämmert schon über Toul, als die Deutschen kommen. Über die Moselbrücken rollen Autos mit Kennzeichen aus Dürkheim an der Weinstraße, Görlitz, Friedberg und Eisenach, dazwischen Kleinbusse aus Mainz und Apolda, manche kurven orientierungslos umher, bis sie ihr Ziel gefunden haben: eine Industriehalle in einer Sackgasse im Gewerbegebiet der lothringischen Kleinstadt. Aus den Wagen steigen kahlköpfige Männer, viele in Hochwasserhosen, sie tragen T-Shirts mit martialischen Logos von Bands, die „Sturmwehr“ heißen oder „Blutzeugen“. Ein Reisebus aus Bayreuth fährt vor, dann einer aus Schwerin.

Nahezu unbeobachtet feiert die rechtsextreme Hammerskin Nation, eines der bedeutendsten Neonazi-Netzwerke des Kontinents, an diesem regnerischen Samstagabend ihr Europa-Treffen, das „Hammerfest“. Sieben Bands aus vier Ländern sollen spielen. Und aus halb Europa kommen die Besucher in die 16.000-Einwohner-Stadt, vor allem aber aus Deutschland.

Schnitzeljagd durchs Grenzgebiet

Alles beginnt mit einer kurzen Bandansage am Morgen, drei Info-Telefonnummern haben die Hammerskins kurz zuvor bekannt gegeben, konspirativ verschickt über Internetseiten, die kaum zu finden sind. Man solle nach Volmünster kommen, heißt es ab sechs Uhr morgens, ein Dorf in Lothringen, 21 Kilometer südlich von Zweibrücken. Gegen Mittag ändert sich die Ansage: „Der Veranstaltungsort wurde von den Bullen platt gemacht. Bitte den Großraum Saarbrücken ansteuern.“ Am Nachmittag heißt es dann: Toul, Lothringen, 100 Kilometer südwestlich von Saarbrücken. Früher hieß es Tull und war eine Freie Reichsstadt.

Wollte man den Vorgang verniedlichen, ließe sich von einer Schnitzeljagd sprechen. Tatsächlich ist es zumindest logistisch ein Erfolg für die Rechtsextremen, dass das Treffen stattfinden kann. Die Hammerskins pflegen offenbar eine besondere Form der deutsch-französischen Freundschaft, um der Strafverfolgung durch deutsche Behörden zu entgehen.

Noch immer fahren Autos heran, aus Wiesbaden und Wittenberg, als in der Sackgasse die Musik beginnt, sie schallt durch das Gewerbegebiet. In den Texten von Bands wie „Sturmwehr“ geht es um Blut, Ehre, Volk und Vaterland, um „Neger", die es zu erledigen gilt, um Juden und Türken. Eine solche Zeile lautet: „Wir werden Terroristen sein, wir räumen hier auf, wir räuchern sie aus, macht der Rattenbande den Garaus.“ Etwa 2000 Neonazis versammeln sich in der Halle. Näher heran zu gehen wäre nicht ratsam. Hammerskins stehen in dem Ruf, missliebige Gäste mitunter zu Tode zu prügeln.

Im Ort ist von alledem nichts zu spüren. Rund um die gothische Kathedrale sitzen alte Männer in den Brasserien, eine Gruppe Jugendlicher hat es sich zum Abendessen in einem Dönerladen bequem gemacht, im Hintergrund dröhnt der Fernseher. Davon, dass ein paar hundert Meter entfernt die Hammerskins feiern, wissen sie nichts.

Keine Polizisten erscheinen

Die Gendamerie Nationale in Paris verweist am Nachmittag auf Anfrage an die Polizei der Präfektur, die wiederum an ihre Kollegen in Toul. Von den Hammerskins hat man an keiner der Stellen gehört, man möge doch bitte buchstabieren – dabei hat das Netzwerk in Toul seinen Hauptsitz. Es gibt in Frankreich auch einen der Volksverhetzung ähnlichen Straftatbestand, die Anstiftung zum Rassenhass. Doch es erscheinen keine Polizisten an diesem Abend.

Dabei hätten die Sicherheitsbehörden möglicherweise interessante Erkenntnisse gewinnen können. Ein Zusatz auf dem ersten Einladungsflyer zum Hammerfest hat szenekundige Beobachter aufhorchen lassen: Jedermann sei willkommen, hieß es da. Der Satz richtete sich offenbar an das Naziskin-Netzwerk Blood and Honour, das in Deutschland im Gegensatz zu den Hammerskins seit zwölf Jahren verboten ist, in anderen Gruppierungen und im Ausland aber fortbesteht. Anhänger des Netzwerks unterstützten laut Erkenntnissen der NSU-Untersuchungsausschüsse das Zwickauer Terror-Trio.

Die Hammerskins und Blood and Honour streiten seit Jahren darum, wer die führende „Bruderschaft der weißen Rasse“ ist. Vor allem in England und den USA sind beide überaus erfolgreich, ihre Mitglieder gelten als Waffennarren. Als im August ein Mann in einem Sikh-Tempel im US-Bundesstaat Wisconsin sechs Menschen erschoss, stellte sich wenig später heraus, dass er den Hammerskins angehörte. Nun scheint die Feindschaft beendet zu sein, offenbar feiern beide Gruppen gemeinsam in Toul.

Ähnlich organisiert wie die Hells Angels

In Deutschland existieren derzeit mutmaßlich zehn Chapter der Hammerskin Nation, die sich ähnlich organisieren wie die Hells Angels. Hammerskin nennen dürfen sich nach Schätzungen ein paar Hundert, hinzu kommen „Prospect of the Nation“ genannte Anwärter und Symphatisanten. Beobachter vermuten, dass viele ehemalige Blood-and-Honour-Mitglieder bei den Hammerskins eine neue Heimat gefunden haben.

Vordergründig erscheinen beide Gruppen als Netzwerke zur Verbreitung rechtsextremer Musik. Anführer des in Deutschland wichtigsten Hammerskin-Chapters Westmark ist der Ludwigshafener Malte R., der das rechtsextreme Aktionsbüro Rhein-Neckar und das Musik-Label „Gjallarhorn Klangschmiede“ betreibt. R., inzwischen anscheinend zum Europa-Chef der Hammerskins aufgestiegen, kooperiert immer wieder mit dem französischen Chapter, ein Treffen im vergangenen Jahr wurde in Rohrbach-lès-Bitche abgehalten, wenige Kilometer südlich von Saarbrücken. Auch dorthin kamen knapp 2000 Neonazis.

In die Sackgasse im Gewerbegebiet fahren am Samstagabend auch immer mehr Autos und Kleinbusse aus Österreich, der Schweiz, Belgien und Frankreich. Die meisten Insassen sind Männer, manchmal sitzt aber auch eine Frau am Steuer. Für die Teilnahme an dem konspirativen Treffen zahlen sie zwischen 20 und 30 Euro, noch in der Nacht fahren die meisten wieder nach Hause.

Deutsche Behörden ahnungslos

Für die deutschen Behörden scheint die Hammerskin Nation kaum zu existieren. In den jüngsten Verfassungsschutzberichten taucht das Netzwerk allenfalls am Rande auf, das Landesamt in Baden-Württemberg weist darauf hin, dass in dem Bundesland kein Chapter bestehe. Zu einem Hammerskin-Konzert bei Lütschenbach im Schwarzwald kamen Anfang Oktober dennoch Neonazis aus „ganz Deutschland und der Schweiz“, wie die örtliche Polizeidirektion später erklärte. Sie kontrollierte die Teilnehmer bei der Abreise, dabei hätten Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten „nicht festgestellt“ werden können, hieß es tags darauf.

So ist das auch in Toul. Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten werden in der Kleinstadt an der Mosel nicht festgestellt, es gibt allerdings auch keine Kontrollen. Europas rechtsextreme Szene feiert sich ungestört im Gewerbegebiet. Die selbsternannte Elite der Naziskin-Szene dürfte das künftig als Erfolg feiern.

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

FR-Schwerpunkt

Was ist gerecht?

Was ist gerecht?

WIRKLICH? Wie ungleich darf eine Gesellschaft sein – und was ist eigentlich Gerechtigkeit? Der große Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau.

FR-Online: Ergänzende Informationen und ausgewählte Texte zum Thema im Online-Dossier.

iPad-App: Alle großen Stücke des Schwerpunkts - interaktiv in preisgekrönter Aufbereitung. Informationen und Bestellformular.

Zeitung: Sämtliche Analyen und Interviews im Vorteils-Abonnement - keine Folge verpassen und dabei noch anderen helfen. Das ist gerecht. Bestellformular.

MITMACHEN! Wie würden Sie Deutschland gerechter machen? Gibt es eine Ungerechtigkeit, der die Frankfurter Rundschau unbedingt nachgehen sollte? Reden Sie mit - auf unserer interaktiven Webseite.

Videonachrichten Politik
Meinung