Der Kopf ist leicht gesenkt, die grauen Haare wirken etwas zerzaust, der Blick flackert über den oberen Rand der großen Brille. „Der Castor-Transport hat ein anderes Level als 2008“, stöhnt der Lüneburger Polizeipräsident; er hat den Einsatz zum Absichern der Atommüllfuhre ins Zwischenlager Gorleben zu verantworten.
Schlagstöcke, Pfefferspray, Wasserwerfer und Rangeleien prägen die Bilder aus dem Wendland. Der 60-Jährige muss das von den Atomkraftgegnern als überhart kritisierte Einschreiten seiner Beamten rechtfertigen. „Wir können nicht tatenlos zusehen, wenn Demonstranten Schienen verbiegen und Steine aus dem Gleisbett räumen.“ Attacken auf die Einsatzkräfte könne man ebenfalls nicht hinnehmen.
Vor dem Wochenende noch hatte sich Niehörster, der 2003 nach Lüneburg kam und seither die Polizeieinsätze bei den Castor-Transporten leitet, gelassen gegeben, ja durchaus auch Sympathie für die Anliegen der Anti-Atombewegung erkennen lassen. „Natürlich möchte keiner ein Endlager neben seinem Garten haben“, erklärte da der Vater einer 18-jährigen Tochter, die kurz vor ihrem Abitur steht. Was er selbst von der Atomkraft halte, ließ er sich allerdings nicht entlocken. „Das ist privat. Und als Polizist muss ich neutral bleiben.“
Doch wenn er über die bevorstehenden Aktionen der Bauern und Bewohner sprach, blitzte schon mal so etwas wie heimliche Bewunderung durch. „Die Fantasie endet nie.“ Die Bürgerinitiativen stellten seine Leute immer wieder mit „kreativen Aktionen“ vor ungeahnte Herausforderungen, meinte der Einsatzleiter mit Blick etwa auf die gelben Betonpyramiden, in denen sich die Castor-Gegner 2008 festgekettet hatten.
Dass es den Demonstranten gelingen könne, den Castor für eine gewisse Zeit aufzuhalten, nahm er gelassen. „Wir sind nicht die Bundesjugendspiele, wir müssen nicht jedes Mal einen neuen Rekord aufstellen.“ Auch nach den stundenlangen Sitzblockaden vom Wochenende verfällt der Polizeipräsident nicht in Hektik. „Wir sind überhaupt nicht aufgeregt.“ Es sei das „übliche Spiel“, nur mit mehr Menschen und mit mehr Aggressivität.
Die Proteste im Wendland kennt Niehörster von der Pike auf. Schon 1977 war er als Bereitschaftspolizist bei den ersten Demos gegen das damals noch geplante nukleare Entsorgungszentrum dabei. Erfahrungen als Einsatzleiter bei so „Großlagen“ sammelte der Beatles-Fan zunächst in der Universitätsstadt Göttingen. Zum Amtsantritt im Wendland 2003 begrüßte er die Bürger mit einer persönlichen Foto-Anzeige in der Elbe-Jeetzel-Zeitung.
Den Ruf als scharfer Hund mag Niehörster nicht auf sich sitzen lassen. „Ich bin einfach ein Polizist, der abwägend vorgeht.“ Sein Motto laute „Kommunizieren statt eskalieren“. Ob dies die Bürgerinitiativen, die bislang durchaus den Pragmatismus des Polizeipräsidenten zu schätzen wussten, auch immer noch so sehen?
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