Er nennt sich selbst einen "alten Kerl", "eine aussterbende Art". Dabei ist er erst 57 Jahre alt und sieht nicht aus, als sei er dem Tode nah. Doch Günter Haas, Hausarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Lautertal bei Bensheim im Odenwald, blickt skeptisch auf seine Zunft und deren Zukunft.
Seit mehr als drei Jahrzehnten schon macht Haas, was die Herzen aller Heiler erfreuen sollte: Er hört zu. Er diagnostiziert. Er versucht zu helfen. Morgens um acht geht es los, abends um sieben, wenn der letzte Patient geht, ist der Arbeitstag noch nicht beendet. Zuhause wartet noch Papierkram.
Der Doktor erzählt, was sich für Allgemeinmediziner verändert hat. "Es gibt immer mehr medizinisch-therapeutische Möglichkeiten für immer mehr ältere Patienten", sagt er. So bekommen heute, anders als vor zehn Jahren, auch Menschen weit jenseits der 70 das blutverdünnende Mittel Marcumar verschrieben: "In unserer 1500-Schein-Praxis gibt es 80 Marcumar-Patienten." Das heißt: Alle drei Wochen sind Blutwerte zu kontrollieren, was im ländlichen Raum bei alten Menschen, die nicht rasch in die Praxis kommen können, weite Strecken bedeutet.
Der Allgemeinmediziner klagt nicht. Er erklärt, warum so viele seiner Hausärzte-Kollegen ausgebrannt und suchtgefährdet sind. Warum es Praxen platt mache, wenn die Grundlohnsummenentwicklung über 15 Jahre hinweg als "lächerliche Grundlage" gegolten und die Budgetierung die Honorare gedrückt habe. Wenn die Schere zwischen wachsenden Aufgaben und gleichbleibend schlechter Bezahlung so weit aufgehe. Angesichts immer älterer und vielfältig erkrankter Patienten sei es gut zu verstehen, dass Medizin-Absolventen alles arbeiten wollten - nur nicht das, was Doktor Haas macht.
"Ich bin das Sparschwein", sagt er, "wir Hausärzte sind zu Sparschweinen des Gesundheitswesens geworden. Wir sind das Schlusslicht in der ärztlichen Einkommens-Skala." Er denkt nicht nur an sich, sondern auch an ganz andere Sozialberufe: Erzieherin, Altenpfleger - die Gesellschaft müsse sich fragen, was ihr die existenzielle Arbeit mit Menschen wert sei. Steigender Arbeitsdruck rundum und schlechter Lohn, da stimme doch was nicht. Diagnose: "Da tickt sehr viel Sprengstoff."
Gleichwohl ist Doktor Haas gern Arzt. Auch in extremen Momenten. Wie damals, als er einen Mann nach einem Herzinfarkt nachts lange reanimierte. Erfolgreich: "Der hat dann noch ein langes Leben gehabt." Höhepunkte, "ein gutes Gefühl". Was bei der Abrechnung oft die Hausärzte belaste, weil ihnen niemand bezahle, dass sie lange mit Menschen sprächen, statt sie flott durchzuschleusen, sei ihm oft auch eine Freude. "Es gibt schönen Austausch", sagt der Arzt des Vertrauens.
Er wolle keine übermäßige Bezahlung, keinen Luxus, ach was, "auch wenn uns Ärzten das immer nachgesagt wird". Haas wünscht sich nur, dass die Medizin nicht noch stärker auf technische Leistungen ausgerichtet wird statt aufs Menschliche. Der Doktor nennt ein Beispiel: "Gehe ich zum Augenarzt, weil ich eine neue Brille brauche, ist der Fall erledigt und ich komme vielleicht erst in zwei Jahren wieder." Der Hausarzt hingegen sei regelmäßig und oft über Jahre hinweg vor allem für chronisch Kranke da. "Da kann ich doch nicht sagen: Ich spreche jetzt nur zehn Minuten, Herr Müller."
Der persönliche Bezug mache den Unterschied, urteilt Haas. "Der Hausarzt ist zuständig für alles, er muss Generalist sein." Das bedeute auch, ständig die Bandbreite des Wissens zu vertiefen, den Überblick zu behalten. Auch, um "die Behandlungspfade für Patienten, natürlich auch bei Fachärzten, zu öffnen".
Das bedeutet Verantwortung, lebenswichtige Verantwortung. "Der 21. angebliche Grippe-Patient könnte keiner sein, sondern einen Herzinfarkt gehabt haben." Wenn Haas das nicht erkennt, stirbt vielleicht ein Mensch. "Es ist ein unglaublich anstrengender Beruf", sagt Haas, "bei einem vollen Sprechzimmer kann ich mich anders als in anderen Professionen nicht zurücknehmen, wenn ich mal schlecht drauf bin. Ich muss voll da sein. Immer."
"Wenn wir 50- bis 60-Jährigen alten Kerle aufhören", sagt der Angehörige der aussterbenden Art, "dann kommt nichts mehr nach. Die Jungen sind nicht blöd. Wenn Hausärzte nicht endlich anständig bezahlt werden, will keiner mehr diesen Stressberuf ausüben."
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