Berlin. Als Hans-Siegfried Wiegand mit leiser Stimme zu sprechen beginnt, ist es plötzlich ganz still im großen Sitzungssaal des Bundestagsgebäudes. Der Vorsitzende des Verbands ehemaliger Heimkinder (VEH) berichtet davon, wie es war, als Kind von der Familie verstoßen zu werden und in einem Heim aufzuwachsen, in dem man entwürdigend behandelt wird: "Ich dachte, es muss an mir liegen. Man beginnt, sich für seine Existenz zu schämen."
Wiegand spricht bei der konstituierenden Sitzung des Runden Tischs "Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren", der am Dienstag nach jahrelangem Ringen unter anderem um die Besetzung seine Arbeit aufgenommen hat. Vertreter der beiden Kirchen, der Caritas und der Diakonie, von kommunalen Spitzenverbänden, Gerichten, Abgesandte des Bundes und der Länder sowie zwei unabhängige Wissenschaftler werden mit Opfer-Vertretern in zweimonatlichen Treffen den Schrecken in westdeutschen Kinderheimen aufarbeiten, rechtliche Zuständigkeiten klären und eine historische Einordnung vornehmen.
Hunderttausende Kinder waren in den 50er und 60er Jahren in staatlichen und kirchlichen Waisen- und Fürsorgeheimen untergebracht, in denen Missbrauch, Gewalt und Demütigung an der Tagesordnung waren.
Die Vertreter der beiden Kirchen äußerten Bedauern über das schwere Leid, das Kindern und Jugendlichen damals in Heimen unter ihrer Trägerschaft zugefügt wurde. "Es tut uns unendlich leid", sagt Hans Ulrich Anke, Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Berichte über die Schicksale von Heimkindern seien "erschütternd": "Sie hätten Geborgenheit gebraucht und wurden stattdessen Opfer von Ausbeutung und Misshandlung." Er hoffe, sagt Anke, dass der Runde Tisch "ein Zeichen der Versöhnung setzen kann".
Der Vertreter der Deutschen Bischofkonferenz, Johannes Stücker-Brüning, räumt die Verantwortung der katholischen Kirche ein. Auch in ihren Heimen sei Kindern und Jugendlichen "großes Unrecht" zugefügt worden. Ihnen gelte ihr "uneingeschränktes Mitgefühl". Die Kirchenvertreter sagen den Opfern ihre Unterstützung bei der Aufarbeitung des Geschehenen zu.
Inwieweit sie allerdings zur Zahlung finanzieller Entschädigungen bereit sind, lassen die Kirchen und Verbände offen. Die Opfer fordern einen Ausgleich für jahrelange Zwangsarbeit ohne Bezahlung unter schlimmsten Bedingungen. "Draußen boomte das Wirtschaftswunder, doch an uns ging der Aufschwung vorüber", sagt VEH-Mitglied Sonja Djurovic. Die Opfer lebten heute häufig von Hartz IV oder erhielten nur eine geringe oder gar keine Rente.
Die frühere Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne), die den Runden Tisch leitet, sagt, es werde alles geprüft. "Wir können nichts garantieren, wie schließen aber auch nichts aus." Ein Konsens soll bis 2010 erreicht werden.
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