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01. April 2015

Helmut Kohl: Helmut Kohl wird 85

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Sein Sessel war der höchste: Der Kanzler 1998 vor seiner letzten Kabinettssitzung. Neben ihm die Minister Bohl (r.) und Kinkel.  Foto: REUTER

Helmut Kohl wird 85 – ein Blick in seine alte Wirkungsstätte, das Bonner Kanzleramt. Der Mann aus der Pfalz war nicht nur 16 Jahre Bundeskanzler, sondern auch ein Vierteljahrhundert lang Vorsitzender der CDU.

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Einmal noch ist Helmut Kohl hier gewesen, als seine Kanzlerschaft längst Geschichte war. Im Büro, in dem er so lange regiert hat. Im Bungalow dahinter, wo er noch ein Jahr nach seiner Abwahl wohnen durfte. Denn seinen Bezwinger Gerhard Schröder zog es nach der Wahl 1998 nicht nach Bonn, sondern gleich nach Berlin, obwohl das neue Kanzleramt noch nicht fertig war.

Seit die politische Macht vom Rhein an die Spree entschwunden ist, hat der Entwicklungsminister die Schlüsselgewalt in den Liegenschaften des einstigen Kanzleramts. Nicht lange nach seinem Einzug fand Hausherr Gerd Müller, dass es an der Zeit sei, seinen großen Vorgänger einzuladen an dessen alte Wirkungsstätte. Die anderen Kanzler sollen folgen. Für Kohl war ein passender Termin bald gefunden: Der 28.November 2014. Zwei Steinwürfe weit von hier, im Bundestag, der damals im alten Bonner Wasserwerk tagte, hatte er 25 Jahre zuvor sein Zehn-Punkte-Programm für die deutsche Einheit vorgestellt.

Der Besuch Helmut Kohls und seiner Ehefrau Maike war zwar keine geheime Kommandosache, aber mit Rücksicht auf seinen Gast mochte Müller die Reise in die Vergangenheit auch nicht an die große Glocke hängen. Der nostalgische Trip auf den eigenen Spuren begann für den Gast im ehemaligen großen Kabinettssaal. An der langen Wand gegenüber den Fenstern zum Park hängen Fotos aus den Amtszeiten der Kanzler, die hier gearbeitet haben: Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder. Langsam fuhr Kohl mit seinem Rollstuhl die kleine Galerie entlang, die am „Tag der offenen Tür“ auch anderen Besuchern gezeigt wird. Aber ihm fiel zu den meisten Bildern, denen aus seinen 16 Regierungsjahren zumal, eine kleine Geschichte ein. Auch wenn ihm seit seinem schweren Sturz 2008, als er sich ein Schädel-Hirn-Trauma zuzog, das Sprechen Mühe bereitet. Die braunen Ledersessel stehen noch wie zu seinen besten Zeiten um den ovalen Tisch, an dem die Minister Platz nahmen. Der Sitz des Kanzlers ist nicht nur im Rücken höher. Herrschaftsdesign am Kabinettstisch.

Auf der anderen Seite liegt das Herz des Hauses: das Arbeitszimmer des Bundeskanzlers. Geschmack der 70er Jahre. In den Regalen ein paar eher zufällige Erinnerungsstücke – angefangen mit einer Pfeife und einer Schnupftabakflasche seines Vorgängers Helmut Schmidt. An der Stirnwand auf einem kleinen Tisch, fast verschwindend hinter Aktendeckeln, stand jener Apparat, von dem viele sagen, er sei Helmut Kohls wichtigstes Arbeitsgerät gewesen: das Telefon. Es war sein Kommunikations-, aber auch sein Herrschaftsinstrument.

Kohl im November mit seiner Frau Maike.  Foto: epd

Der Mann aus der Pfalz war ja nicht nur 16 Jahre Bundeskanzler, sondern auch ein Vierteljahrhundert lang Vorsitzender der CDU. Oft schon morgens pflegte er seine Kontakte in die Partei. Er sprach sich mit den Größen der Landesverbände ab. Er zeigte auch Hinterbänklern, dass er sie wahrnahm. Er fragte nach den Lieben oder stauchte zusammen. Er plauderte mit diesem Kreis- oder jenem Ortsvorsitzenden – und war so besser als jeder andere über die Stimmung in der CDU informiert. Und in der CSU obendrein. Gut möglich, dass er hier auch mit den ominösen Spendern an seine Partei telefoniert hat, deren Namen er nicht preisgibt.

Nicht nur am Telefon konnte der „Kanzler der Einheit“, der „Vater des Euro“, wunderbar informell sein. In einer seiner Strickjacken bekam ihn nicht nur Michail Gorbatschow zu sehen – bei dem berühmten Gespräch 1990 im Kaukasus, in dem der Mann aus dem Kreml grünes Licht für die deutsche Einheit gab. Zusammen mit Hosenträgern und Hausschuhen gehörten die legeren Teile zu jener Kluft, die Kohl gezielt einsetzte, um ausgewählten Besuchern in Bonn seine entspannte Volkstümlichkeit zu signalisieren. Und ihre Bedeutung.

Ein seltsames Zwischenstadium ist konserviert im alten Arbeitszimmer des Bundeskanzlers: zwischen aktueller Zweckbestimmung für gelegentliche Besprechungen der Leitung des Entwicklungsministeriums – und Museum. Im Haus der Geschichte, Kohls Gründung drüben auf der anderen Seite der Adenauer-Allee, arbeiten sie an einer Konzeption. Das wichtigste Möbelstück aber fehlt. Mit Schröders Einverständnis hat Kohl seinen Schreibtisch damals in sein Abgeordnetenbüro schaffen lassen. Erst in Bonn, dann in Berlin. Müllers Vorgänger Dirk Niebel (FDP) versuchte, dem Altkanzler das historische Stück abzuschwatzen. Vergeblich. Das Möbel bleibe bei Kohl, solange der es brauche, heißt es im Haus der Geschichte.

Kaum Platz auf dem Schreibtisch

Für jenen Abend im November hatte der Gastgeber ein Foto vergrößern und auf eine Staffelei stellen lassen – eine Ansicht des Zimmers mit seinem Schreibtisch, wie er aussah, als Helmut Kohl hier gearbeitet hat. Zwischen Pfeifenständer, Münzsammlung und geschnitzten Figuren aus aller Welt blieb gerade noch Platz für ein, zwei Aktenstapel und die Unterschriftsmappe. Daneben das 240-Liter-Aquarium mit den Beibäuchen, Panzerwelsen, Schrägschwimmern und wie sie alle heißen. Bei seinem Auszug hat es jener Personenschützer bekommen, der sich rührend um die Kanzlerfische gekümmert hat. In dessen Haus ist es bei einem Brand zersprungen. Auch ein Teil der angeblich 700 Elefanten-Figuren ist zu sehen. Juliane Weber hat sie zur Erinnerung bekommen, die Dame im Vorzimmer, um die es so viele Spekulationen gab, die aber nicht mehr war als seine Sekretärin und seine Vertraute und die seiner Ehefrau Hannelore. Bestimmt fünf Minuten haftete Helmut Kohls Blick auf diesem Bild. Schweigend.

Auch seine Frau Maike, heute 50-jährig, hat hier gearbeitet, in der Wirtschaftsabteilung. Schröders Wahl zu Kohls Nachfolger war ihr Kündigungsgrund. Auch sie erlebte einen magischen Moment an diesem Abend, der sie – so kitschig das klingen mag – mit ihrer Vorgängerin verband. Nach diversen Beratungen hat der Kanzler die Schlussfassung des Zehn-Punkte-Programms daheim in Oggersheim formuliert. Nun hält Maike Kohl-Richter das Papier in der Hand: Von Hannelore Kohl auf ihrer Reiseschreibmaschine getippt, mit Helmut Kohls handschriftlichen Änderungen.
Später ist es dann noch weitergegangen durch den Park zu jenem Gebäude, das einmal zu den umstrittensten der Republik gehörte: dem Kanzlerbungalow. Ludwig Erhard hat ihn 1964 vom Architekten Sepp Ruf bauen lassen. Hier erinnert ein altes Karussellpferd, das sie für einen guten Zweck gesteigert hat, an Hannelore Kohl, erste Frau des Altbundeskanzlers. 2001 hat sie sich das Leben genommen. Am 3. April wird Helmut Kohl 85 Jahre alt.

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