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23. Juli 2014

Helmut Kohl: Kohls Biograf packt aus

 Von Peter Berger
Damals, 1994: Helmut Kohl schwört seine Partei ein.  Foto: Reuters

Der Kohl-Biograf Heribert Schwan spricht über seinen Ärger mit der Frau des Alt-Kanzlers. Das Zerwürfnis habe eine lange Vorgeschichte und nichts mit der Biografie über Hannelore Kohl zu tun, die 2011 erschien, so Schwan.

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Köln –  

Vermutlich wird Heribert Schwan es dabei bewenden lassen und sich im Rechtsstreit um die Frage, wem die 135 Original-Tonbänder gehören, auf denen der 69-Jährige rund 630 Stunden seiner Gespräche mit Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl aufgezeichnet hat, in zweiter Instanz geschlagen geben. „Es wird sehr darauf ankommen, wie die Begründung des Oberlandesgerichts ausfällt“, sagt der Publizist und Historiker. Das Gericht wird das Urteil am 1. August verkünden. „Sollte ich verlieren, habe ich rund 50.000 Euro in den Wind geschossen.“

Er könne nicht nachvollziehen, dass sich das Oberlandesgericht Köln auf die rein formale Frage zurückziehe, wem die Tonbänder gehören. Das Gericht vertritt Auffassung, dass die Urheberrechte überwiegend bei Kohl liegen, weil sie durch seine Antworten zu einem historischen Dokument geworden seien.

Doch selbst wenn Schwan auf die Revision verzichtet, werde ihn das Thema „bis zu meinem Tod“ begleiten. „Wenn Helmut Kohl einmal tot ist, wird es unweigerlich zum Streit mit seiner Frau um die Deutungshoheit über das Leben des Alt-Kanzlers kommen“, sagt Schwan. „Ich habe mich acht Jahre meines Lebens mit Helmut und Hannelore Kohl beschäftigt. Sollte seine zweite Frau über sein Leben und sein Vermächtnis etwas sagen oder schreiben, werde ich reagieren müssen, weil ich gegen Legendenbildung bin.“ Er habe „durch die Kenntnisse der Dokumente und die vielen Gespräche einen anderen Einblick in Kohls Leben als jeder andere auf dieser Welt“.

Das Zerwürfnis mit Maike Kohl-Richter hat laut Schwan eine lange Vorgeschichte und nichts mit seiner Biografie über Hannelore Kohl zu tun, die 2011 erschien. Es sei schon viele Jahre zuvor „zu Unannehmlichkeiten zwischen mir und der damaligen Kohl-Freundin gekommen“. Der Alt-Kanzler, so Schwan, habe ihm „eines Tages eröffnet, dass seine Freundin erhebliches Interesse daran habe, an der Abfassung seiner Memoiren mitzuarbeiten“. Ihr Interesse liege vor allem in der Wirtschaftspolitik der Kanzlerjahre. „Ich hatte keine Einwände“, erinnert sich Schwan.

„Helmut, stimmt das?“

Zur ersten Verabredung in Kohls Bungalow bringt der Historiker rund 150 Seiten des ersten Memoiren-Bandes mit. Er verteilt jeweils eine Kopie an die Anwesenden. Sie sollen den Text kritisch prüfen. Während der Kanzler zustimmend nickt und das Manuskript Passage für Passage absegnet, interveniert Maike Richter, so Schwan. „Sie fragte nach, ob die Interpunktion stimmen würde, diese oder jene Schreibweise richtig sei. Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass meine Frau Examen in Germanistik und Geschichte abgelegt und die vorliegenden Texte durchgesehen habe, das Verlagslektorat bereits seinen Segen erteilt habe und ich des Schreibens mächtig sei, begann sie mit mir darüber zu streiten, ob der CDU-Politiker Eugen Gerstenmaier nicht mit „ey“ geschrieben werde. Meine Geduld näherte sich dem Ende, als sie erneut über die Interpunktion mit mir verhandeln wollte.“

Autor Heribert Schwan.  Foto: imago stock&people

Später sei es um Charaktereigenschaften von Hannelore Kohl gegangen, „die ich in besonderer Weise herausgestellt hatte“. Schwan erinnert sich, dass Maike Richter entsetzt gefragt habe: „Helmut, stimmt das?“ Der Altkanzler habe sichtlich erzürnt geantwortet: „Das stimmt und bleibt so.“ Aus dieser Erfahrung will Schwan seine Konsequenzen ziehen. „Ich habe dann sehr rasch das Haus in der Marbacher Straße verlassen und den Zug nach Köln genommen. Zuhause rief ich Helmut Kohl an und teilte ihm mit, dass ich meine Texte künftig schicken würde, damit er sie mit seiner Freundin bearbeiten könne. Der Kanzler versprach mir am Telefon, dass Maike Richter künftig nicht mehr dabei sein würde, wenn ich mit neuen Texten sein Haus betreten würde.“

An diese Vereinbarung habe man sich gehalten. Schwan: „Die neue Frau an seiner Seite hat keinen einzigen Beitrag für die dreibändigen Kohl-Memoiren geleistet.“ Als Kohl Anfang 2008 in seinem Haus stürzt und dadurch sein Sprachvermögen verliert, wendet sich das Blatt. „Als ich im Oktober des gleichen Jahres mit der ersten Hälfte des vierten Bandes nach Oggersheim kam, war sie längst die neue Frau an seiner Seite. Fortan hatte sie das Sagen.“

Wenig später eskaliert der Streit im Zusammenhang mit einem anderen Projekt. Es geht um ein Begleitbuch zur ARD-Fernsehserie „Bonner Republik“. Schwans Co-Autor Rolf Steiniger bittet um das Okay für einen Buchbeitrag, der sich an den Äußerungen des Alt-Kanzlers aus einem mehrstündigen Fernsehinterview orientierte. Über viele Wochen sei dazu keine Reaktion aus dem Hause Kohl gekommen. „Zu guter letzt hatten wir einen überarbeiteten Buchbeitrag in Händen, der an Kohls Interview-Äußerung völlig vorbeiging. Als Maike Kohl-Richter mit der Unsinnigkeit ihres Textes konfrontiert wurde, drohte sie mit dem totalen Verzicht auf den Buchbeitrag“, sagt Schwan.

Er habe daraufhin die Notbremse gezogen und Helmut Kohl einen Brief geschrieben. „Darin bat ich ihn, den von Rolf Steiniger eng an seinem Fernsehinterview angelehnten Buchbeitrag freizugeben. Andernfalls sähe ich mich außer Stande, weiterhin am vierten Band seiner Memoiren zu arbeiten“, so Schwan. „Wenige Tage später bekam ich ein Anwaltsschreiben, in dem die Zusammenarbeit gekündigt wurde.“

Schwans Biografie über Hannelore Kohl erscheint drei Jahre später. „Darin habe ich unter anderem darauf hingewiesen, dass die Kanzlergattin auch an dem damaligen Gerücht zerbrochen sei, ihr Mann habe in Berlin eine Beziehung zu einer viel jüngeren Frau.“

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