Das Verhältnis zwischen Helmut Schmidt und seiner Partei ist nie einfach gewesen. Ehe er Willy Brandt als Kanzler nachfolgte, hatte er als Verteidigungs- und später als Finanzminister manches gesagt und gefordert, an das sich nicht wenige Sozialdemokraten nur mühsam gewöhnen konnten. Zwar waren ihm alle dankbar dafür, wie schnell er die Lücke nach Brandts Rücktritt schließen konnte; aber Umgangston und Stil hatten sich doch grundlegend geändert. Horst Ehmke, der langjährige Kanzleramtschef, soll das Problem auf einen knappen Nenner gebracht haben: "Die Partei respektiert Helmut, aber sie liebt Willy." Ob diese Gemengelage Helmut Schmidt seinerzeit verletzt hat, konnten auch wir Journalisten damals nicht ausmachen. Sicher ist dagegen, dass der zweite sozialdemokratische Regierungschef der Bundesrepublik sich schon früh in seiner Amtszeit ganz neuen Herausforderungen ausgesetzt sah: Ölpreisschock, beginnende Rezession und steigende Arbeitslosigkeit. Und darauf war er vorbereitet.
In diesem Zusammenhang bleibt mir ein Gespräch mit dem Kanzler im kleinen Kreis in Erinnerung. Vor allem die überregionalen Zeitungen gerieten während der Ölkrise Mitte der 70er Jahre in ihre erste große Krise. Der Preis für Papier verdreifachte sich in kurzer Zeit, die Anzeigen gingen drastisch zurück. Manche Verlage begannen um ihre Existenz zu fürchten. In dieser Situation suchte ich mit anderen Chefredakteuren ein Gespräch mit Schmidt. Gab es irgendeine Möglichkeit, den Zeitungen zu helfen? Der Regierungschef, sichtlich in Eile, ließ uns wissen, was er schon vorher oftgesagt hatte: Die Zeitungen müssten sich am Markt behaupten. Das war zwar richtig, ging aber am Kern der Sache vorbei. Ebenfalls überspitzt fragte ich deshalb zurück, ob er denn lauter Bild-Zeitungen haben wolle, die könnten sich gut auf dem Markt behaupten. In die Rolle von Bittstellern wollten wir uns nicht drängen lassen. Zu meiner Überraschung begann dann ein sehr sachliches Gespräch darüber, ob es organisatorische oder steuerliche Behinderungen gebe, die man ändern könnte. Worum es uns Journalisten nicht ging, haben wir schnell deutlich gemacht: Wir alle wollten unsere Unabhängigkeit wahren und keine staatliche Beteiligung an den Zeitungen.
Im Netz:Helmut Schmidt im Interview mit Claus Kleber
Das Gespräch endete ohne konkrete Ergebnisse. Doch von diesem Tag an war - und blieb - mein persönliches Verhältnis zu dem Kanzler offen und freundschaftlich, auch wenn die Frankfurter Rundschau etwa in Fragen der Umwelt- oder der Nord-Süd-Politik nicht an Kritik gespart hat. Helmut Schmidt blieb seiner Skepsis gegenüber der Rolle der Journalisten treu. Aber er akzeptierte begründete Kritik. Dass er nach dem Ende seiner aktiven politischen Laufbahn als Herausgeber der Zeit auf unsere Seite des Tisches wechseln würde, hat er damals nicht ahnen können.
Als er fast ein Jahrzehnt später, 1982, durch ein Misstrauensvotum gestürzt wurde, mag er im Stillen ein wenig stolz darauf gewesen sein, dass sein Abgang von der politischen Bühne hier und dort mit einer anderen historischen Entlassung verglichen wurde. "Der Lotse geht von Bord" lautete der Text zu einer Karikatur, die fast genau ein Jahrhundert zuvor erschienen war. Sie zeigte Reichskanzler Bismarck, wie er über ein Fallreep das Schiff verlässt. Der "Eiserne Kanzler" war den Weltmacht-Plänen seines Kaisers zum Opfer gefallen. Auf der nur leicht veränderten Zeichnung stand nun Schmidt auf dem Fallreep. Der demokratisch gewählte Bundeskanzler verlor sein Amt, weil ein Koalitionspartner ihn verließ und Teile seiner eigenen Partei immer mehr in eine andere Richtung drängten . Es ging damals um die Aufstellung sowjetischer Mittelstrecken-Raketen, die nach Überzeugung des Kanzlers mit einer westlichen Nachrüstung beantwortet werden musste. Schon als junger Abgeordneter hatte er 1959 im Bundestag Überlegungen "zur gegenseitigen ausgewogenen Truppenverminderung in Ost und West" vorgetragen, die erst nach seinen Kanzlerjahren Wirklichkeit werden sollten.
Visionen, die sich allein auf Hoffnungen stützten, waren nie die Sache des Realpolitikers Schmidt. Sie würden allzu leicht "zur Flucht aus dem politischen Alltag", schrieb er einmal. Dabei war er sich durchaus bewusst, dass Willy Brandts Vision von einer Gesellschaft, die "mehr Demokratie wagt", einen demokratischen Aufbruch ausgelöst hatte. Soviel ist sicher: die deutschen Sozialdemokraten hätten schwerlich zwei verschiedenere politische Temperamente finden können als ihre beiden ersten Kanzler in der Bundesrepublik. Auf der einen Seite Willy Brandt, der väterliche Nähe und Wärme ausstrahlte und dessen Haltung geprägt war von tätigem Mitgefühl für Menschen in Not. Auf der anderen Seite standen die klassischen protestantischen Tugenden, die das Leben Helmut Schmidts bestimmten: Verantwortung für das allgemeine Wohl, Disziplin, harte Arbeit, verbunden mit nüchternem Realismus. "Moral ohne Vernunft", hat Schmidt es einmal auf den Punkt gebracht, "kann in die Katastrophe führen". Sehnsucht nach der "blauen Blume der Romantik" hat ihm noch nie jemand nachgesagt.
Nie ist der Realist Helmut Schmidt brutaler herausgefordet worden als in den Tagen nach der Entführung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer und der Ermordung seiner Begleiter. Dem Großen Krisenstab im Kanzleramt gehörten auch Politiker der Unionsparteien wie Helmut Kohl und Franz Josef Strauß an. Daran, dass er allein die Verantwortung zu tragen hatte, änderte dies nichts. Es waren Tage größter Anspannung und großer Ratlosigkeit. Eines Morgens wurde mir ein dickes Kuvert gebracht, das in der Nacht in einen der Außenbriefkästen der FR geworfen worden war. Inhalt: Das erste Foto des entführten Hanns Martin Schleyer, aufgenommen vor einer hellen Wand mit den RAF-Symbolen und dazu ein wirr-revolutionärer Text mit der Aufforderung, beides zu veröffentlichen. Kurz zuvor hatte ich in einem Kommentar deutlich gemacht, dass die Zeitung sich "nicht als Resonanzboden von Terror und Gewalt" missbrauchen lasse. Konfrontiert mit der Drohung der RAF, Schleyer hinzurichten, falls ihre Forderungen nicht erfüllt würden, informierte ich den Krisenstab. Über Klaus Bölling wollte ich vom Kanzler wissen, ob eine Veröffentlichung vielleicht das Leben des Entführten retten könne. Bölling rief zurück und ließ mir von Schmidt sagen, auch er habe darauf keine Antwort - wir müssten die Entscheidung selbst treffen. Aus den Worten klang Verzweiflung. Wenig später wurde die Erklärung des Kanzlers und seiner Frau Loki bekanntgegeben: Für den Fall, dass sie entführt werden sollten, dürfe den Erpressern um keinen Preis nachgegeben werden.
Wer immer das Wort vom "Macher Schmidt" in die Welt gesetzt hat, er hat es wohl positiv gemeint. Es dauerte allerdings lange Zeit, bis der ehemalige Bundeskanzler seinen Frieden mit diesem Begriff geschlossen hat. Denn "nur" als Macher wollte er eigentlich nicht gesehen werden. Gewiss, in Zeiten von Bedrängnis und Gefahr seien Entschlossenheit und Führungsstärke notwendig, sagte er einmal: Er habe getan, was getan werden musste. Doch ohne Werte-Basis gebe es kein richtiges Handeln, sondern nur gefährlichen Aktionismus. Und der ist ihm fremd.
Der studierte Ökonom Schmidt ist kein geduldiger Mensch. Hohle Redensarten machen ihn nervös, scharfe Kritik geht ihm leicht von den Lippen. Mancher politische Würdenträger - und nicht wenige Journalisten - haben da ihre Erfahrungen machen müssen. Die französische Zeitung Le Monde hat ihn dafür einmal "Le Feldwebel" getauft. Sich selbst und seinen Mitarbeitern hat er in den acht Jahren seiner Amtszeit ein Maß an Arbeit aufgebürdet, das nicht selten unvernünftig war. Eine der Folgen war, dass in der eigenen Partei der Vorwurf immer lauter wurde, er habe sich eine "Kanzlerdemokratie" eingerichtet und der Partei entfremdet. Selbst der Wahlsieg des Jahres 1980 über Strauß konnte diesen Entfremdungs-Prozess nicht aufhalten. In einem Gespräch Anfang des Jahres 1982 fragte ich ihn, warum er sich nicht aktiver um die Seelenlage der Partei kümmere? Die Antwort kam ohne Schnörkel: "Wann soll ich das denn noch machen?"
Werner Holzer, 82, war von 1973 bis 1991 Chefredakteur der Frankfurter Rundschau.
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