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Hessischer Kulturpreis: Lammert sieht Aberkennung als "Staatsposse"

Als "Staatsposse" bezeichnet Bundestagspräsident Norbert Lammert die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises 2009 an den Schriftsteller Navid Kermani. Er empfiehlt, in Zukunft ganz auf Kulturpreise zu verzichten.

Der Bundestagspräsident kritisiert den Skandal um den Hessischen Kulturpreis.
Der Bundestagspräsident kritisiert den Skandal um den Hessischen Kulturpreis.
Foto: dpa

Wiesbaden/Frankfurt/Main/Berlin. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises 2009 an den Schriftsteller Navid Kermani als "Staatsposse" bezeichnet. "Wenn Navid Kermanis kühner Artikel über die Empfindungen eines Muslims bei der Betrachtung einer Darstellung der Kreuzigung Christi in einer römischen Kirche tatsächlich der Grund ist, ihm dem zugedachten Preis für seinen Beitrag zum Dialog der Religionen zu verweigern, dann sollte der Staat besser auf die Verleihung von Kulturpreisen verzichten", erklärte Lammert am Freitag in Berlin.

Dies gelte "jedenfalls, wenn nach gemeinsamer Einschätzung des Kuratoriums das vom Preisstifter eigentlich gewollte Projekt "als vorläufig gescheitert" erkannt wird", betonte der Bundestagspräsident. Die Rücknahme des Preises müsse jeden beunruhigen, "der an der Würde des Staates wie der Kultur ein ernstes Interesse hat. Kultur ist schön, Toleranz auch - beides ist ohne Anstrengung kaum zu haben", sagte Lammert.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour forderte die Landesregierung auf, im Interesse des 1982 geschaffenen Preises auf die festliche Verleihung zu verzichten. Kermani "gilt seit Jahren als ein Vertreter eines freiheitlichen, weltlichen Islams und ist vor allem als Verfechter des Dialoges zwischen dene Religionen bekannt", betonte Nouripour. "Ein Mindestmaß an Vermittlungsversuchen seitens der Landesregierung hätte dieses Fiasko verhindern können."

Als Vertreter des Islams sollte Kermani den Hessischen Kulturpreis 2009 gemeinsam mit dem katholischen Kardinal Karl Lehmann, dem ehemaligen evangelischen EKHN-Kirchenpräsidenten Peter Steinacker und dem Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden, Salomon Korn, am 5.Juli in Wiesbaden erhalten.

Dies scheiterte, nachdem sich Lehmann und Steinacker weigerten, die Auszeichnung gemeinsam mit Kermani anzunehmen. Anlass war ein Zeitungsartikel über eine Darstellung von Jesus am Kreuz, in dem sich der Muslim negativ über das christliche Symbol des Kreuzes äußerte.

"Ich habe Verständnis dafür, dass Muslime das anders sehen", sagte Steinacker zu Kermanis Kreuzes-Deutung. "Aber ich habe kein Verständnis dafür, dass ein Muslim, der mit mir für Toleranz und Respekt gegenüber dem ihm Fremden geehrt werden soll, mein Glaubenszentrum als Gotteslästerung bezeichnet." Die hessische Grünen-Abgeordnete Sarah Sorge forderte Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in einem offenen Brief auf, die Entscheidung zurückzunehmen, den Preis nur an Lehmann, Steinacker und Korn zu verleihen. Die Interpretation der beiden christlichen Preisträger von Kermanis Artikel gehörten in die Kategorie des bewussten Missverstehens.

Kermani selbst reagierte mit Empörung auf die Aberkennung der Auszeichnung und darauf, dass er davon von einem Redakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") erfahren hatte. "Sehr geehrter Herr Koch, ich hoffe, dass sie sich wenigsten schämen. Mit freundlichen Grüßen aus dem katholischen Köln, Navid Kermani", schriebt der Schriftsteller an die Adresse des hessischen CDU- Ministerpräsidenten Roland Koch in der "FAZ" (Freitag).

In dem längeren Text beschreibt Kermani, wie er von dem Protokollchef des Landes Hessen, Dieter Beine, Ende April von der Kritik der Kirchenmänner erfahren habe. "Zuerst dachte ich, es liegt eine Verwechselung oder ein Missverständnis vor", schreibt er. Er habe sich in seiner Arbeit immer intensiv mit dem christlichen Glauben beschäftigt. "Es stimmt, dass ich in den ersten Sätzen die Ablehnung der Kreuzestheologie, die einem Nichtchristen doch zugestanden werden muss, sehr drastisch formuliere", schreibt er über den kritisierten Text. Aber der Artikel höre dort nicht auf, sondern zeige, wie ihn die Kraft der Jesus-Darstellung fast zum Gesinnungswandel bekehre.

Die Landesregierung wies den Vorwurf zurück, Kermani verspätet über die Aberkennung des Preises informiert zu haben. "Wir haben ihn unterrichtet, bevor wir die Öffentlichkeit unterrichtet haben", sagte Regierungssprecher Dirk Metz am Freitag in Wiesbaden. Kermani erhielt die Mail der Landesregierung nach eigener Darstellung am Mittwoch, kurz darauf ging sie auch an die Öffentlichkeit. (dpa)

Datum:  15 | 5 | 2009
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