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15. Mai 2009

Hessischer Kulturpreis: Was Kardinal Lehmann an Koch schrieb

 Von PETER MICHALZIK
Sein Brief brachte den Skandal ins Rollen.  Foto: rtr

Vieles ist über die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises an Navid Kermani bekannt - nur der entscheidende Brief, den Kardinal Karl Lehmann an Roland Koch schrieb, ist streng geheim. Von Peter Michalzik

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Über die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises an den iranisch-deutschen Schriftsteller Navid Kermani ist mittlerweile vieles bekannt - nur der entscheidende Brief, den Kardinal Karl Lehmann am 24. April an den Hessischen Ministerpräsident Roland Koch geschrieben hat, ist nach wie vor streng geheim. Lehmann begründet in dem Schreiben ausführlich, warum er den Preis nicht mit Kermani zusammen annehmen wolle.

Lehmann macht seine Ablehnung Kermanis an einem Artikel aus Rom fest, den Kermani in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht hat und in dem er sich angesichts eines Gemäldes von Guido Reni über das Kreuz äußert: "Was mir an dem Artikel besonders missfällt, ist wenigstens in der ersten Hälfte die apodiktische Art der Darstellung über das Kreuz. Ich könnte gut verstehen, wenn ein Muslim sagt, er habe Schwierigkeiten mit dem Kreuz und seiner Bedeutung. Da müsste man ja offen lassen, was es für Christen bedeutet", schreibt Lehmann. Weiter: "Ich kann nicht neben jemanden auf der Bühne stehen, der das Kreuz rundherum und prinzipiell ablehnt und es sogar als ,Gotteslästerung und Idolatrie' erklärt."

Angesichts dieser Haltung, fährt Lehmann in dem sehr langen Schreiben fort, "wäre es ein Hohn, wenn ich gleichzeitig mit jemand auftrete, der ein so geringes Mass an Toleranz und auch an Willen, andere und fremde Religionen zu verstehen, erkennen lässt. ... Sie werden verstehen, dass es für mich hier keinen billigen Kompromiss geben kann."

"Es wäre doch das pure Gegenteil von ,Kultur', was da geschehen würde", meint Lehmann weiter. Warum es das Gegenteil von Kultur wäre, einen Preis mit jemand anzunehmen, der über das Kreuz anders denkt, wird aus dem Schreiben nicht deutlich. Das ist nicht nebensächlich: Es handelt sich ja nicht um einen Preis für religiöse Einstellungen oder Verdienste sondern den Hessischen Kulturpreis.

Lehmann geht dann dazu über, Kermani subtil zu diffamieren. Kermani verstehe es gut, sich angesichts der wenigen intellektuellen Vertreter des Islam hierzulande in Szene zu setzen. "So hat er mit 41 Jahren und angesichts der bisher zugänglichen Veröffentlichungen und erbrachten Leistungen ein unglaublich großes Verzeichnis an Auszeichnungen und Preisen vorzubringen. ... Er ist zweifellos intellektuell begabt und recht gebildet, in der Zwischenzeit auch habilitiert. Aber - lassen Sie mich dies wenigstens fragen - ist es denn mit 41 Jahren schon ein Lebenswerk, das hier die Auszeichnung eines Hessischen Kulturpreises verdient und dies bei den vielen Menschen, die sich in unserem Land gerade auch ehrenamtlich für Kultur einsetzen."

Dann spielt Lehmann den Ball in das Feld Kochs: Er, Lehmann, könne sich um die Angelegenheit nicht weiter kümmern, da er gerade von der Reha nach seiner zweiten Operation komme. "Ich muss es im Augenblick Ihnen überlassen, eine Lösung zu finden. Ich aber - dies sage ich nochmals - kann keinen faulen Kompromiss eingehen." Dezent weist die eigentliche Macht darauf hin, wie sie die Dinge geregelt sehen möchte, ohne sich selbst die Finger schmutzig zu machen.

Der Kardinal schließt: "Ich kann nicht über das Kreuz predigen, es am Karfreitag verehren, und gleichzeitig mich neben jemand auszeichnen lassen, der in so eklatanter Weise nicht nur die Toleranz, sondern auch den Respekt und die Anerkennung für andere verletzt."


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